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01.02.2001

19:00 Uhr

Der ehemalige Spitzensportler investiert Zeit und Geld in eine Stiftung für aidserkrankte Kinder

Michael Stich: Ich will etwas von meinem Glück zurückgeben

VonBRITTA BODE

Michael Stich hat sehr früh sehr viel Geld verdient. Jetzt läßt er sich Zeit, um sich neu zu orientieren. Ein Gespräch über Geld, Aktien und das Ziel, aidsinfizierten Kindern ein "Lachen zu schenken".

SALZBURG. Seit eineinhalb Jahren befindet sich Michael Stich, neben Boris Becker Deutschlands erfolgreichster Tennisspieler aller Zeiten, im Sportler-Ruhestand. Die erste Karriere ist vorbei, schätzungsweise an die 60 Mill. DM sind verdient und doch ist Stich mit 30 Jahren in einem Alter, in dem andere mit dem Geld verdienen erst beginnen. Was nun, Herr Stich? Wird der Mann, der zur nicht allzu weit verbreiteten Spezies des Sportmillionärs mit Abitur und Intellekt gezählt wird, jetzt zum Finanzjongleur?

"Ich will mich nicht zum Sklaven meines Geldes machen", sagt Stich. Obwohl er sich für Wirtschaft durchaus interessiert, ist an ihm das Aktienfieber ohne größere Friktionen vorübergegangen. Mal ein Anruf bei seiner Bank hier, mal ein Aktienkauf dort, doch insgesamt überläßt Stich seine Finanzangelegenheiten lieber Menschen seines Vertrauens, die das auch gelernt haben. Stich: "Natürlich könnte ich mich acht Stunden am Tag vor den Comupter setzen und mein Vermögen selbst verwalten, doch kann das nicht die Erfüllung meines Lebens sein. Und das eine oder andere Prozent, das ich mehr verdienen kann, macht mich am Ende auch nicht glücklicher." Zudem sieht Stich Aktien mehr als langfristige Anlageform und nicht als kurzfristige Spekulationsmasse. Mit den durchaus reizvollen Spielchen auf dem Börsenparkett, die auch den bekennenden Casino-Besucher Stich nicht ganz kalt lassen, sei schon so mancher auf die Nase geflogen, daher hält er sich dabei lieber an die selbstgesteckten Grenzen. Angesichts seines Vermögens muß sich Stich über seine Zukunft und die Vorsorge für das Alter keine Sorgen machen. Ein Vermögen aber, bei dem Stich ganz klar die Verpflichtung fühlt, "etwas an die Gesellschaft zurückzugeben".

Zeit ist Geld, und von beidem investiert Stich einen ansehnlichen Teil in ein Projekt, das seine volle Aufmerksamkeit verdient: Die Michael-Stich-Stiftung für aidsinfizierte Kinder. Begonnen hat alles 1992, als Stich den Grand Slam mit einem Preisgeld von 2 Mill. Dollar gewonnen hat. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, bemerkte Stich den gesellschaftlichen Druck, angesichts solch exorbitanter Einnahmen "etwas Soziales" zu tun. Doch einfach einen Scheck an eine anonyme Organisation zu überreichen, war weder ihm noch seiner Frau Jessica genug. Er wollte wissen, was mit seinem Geld geschieht und das ließ sich mit einer eigenen Stiftung am besten kontrollieren.

Das war keineswegs der leichteste Weg, wie Stich erfahren sollte. Da war die nicht immer freundlich gestimmte Presse, die dem Becker-Kontrahenten vorwarf, es handele sich bei dem Projekt nur um ein Steuer-Sparmodell. Da war der organisatorische Aufwand und schließlich die zum Teil so bedrückende Arbeit der Stiftung selbst. Mit der Hilfe für HIV-positive Kinder hat sich das Ehepaar Stich ganz bewußt keiner leichten Herausforderung gestellt. "Aids ist noch immer Tabuthema Nummer eins", betont Stich, "den meisten ist Aids noch immer zu schwul, zu schmutzig, zu drogenlastig". Den Kindern, die durch die noch immer nicht heilbare Krankheit zum Tode verurteilt sind und denen in ihrem kurzen Leben Ausgrenzung durch die Gesellschaft widerfährt, soll durch die Stiftung ein "Lachen geschenkt werden".

Rund 600 Fälle von HIV-inifizierten Kindern in Deutschland sind bekannt, die Stiftung betreut fast 500 von ihnen. In enger Kooperation mit den behandelnden Universitätsklinken organisiert die Stiftung mit Hilfe von 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern Spielzeug, Reisen, gibt einen Ernährungsratgeber heraus, vergibt Zuschüsse für Tageshilfen oder Kindergärten für die infizierten Kinder und ihre Geschwister.

Für Stich ist die Arbeit für die 1994 gegründete Stiftung zum festen Teil seines Lebens geworden. Insbesondere vor Weihnachten tourt das ehemalige Tennis-As von PR-Termin zu PR-Termin, um Gelder einzusammeln. 90 % solcher Veranstaltungen von der Scheckübergabe beim Friseur über die Autogrammstunde bis zur Abendgala absolviert Stich inzwischen für den guten Zweck, wobei er sich selbst vor mißbräuchlichen Begehren schützen muß. "Manche Firma denkt sich, wir laden den Stich für die Stiftung ein, da haben wir gleich noch den Sozialtouch und wir bekommen ihn billiger." Doch Stich weiß auszuwählen, angesichts von hunderten Terminanfragen ist er nicht für alles und nicht für 1 000 DM zu kriegen. Durch solche Veranstaltungen haben sich die persönlichen Zuflüsse Stichs an die Stiftung neben dem 1994 hinterlegten Grundkapital von 500 000 DM inzwischen auf rund eine Million DM erhöht. Pro Jahr kann die Stiftung Einnahmen von rund 450 000 DM verzeichnen. "Obwohl meine Karriere beendet ist, sind Spendenaufkommen und Interesse an der Stiftung gleich geblieben", berichtet Stich. Für ihn eine Bestätigung, daß die Menschen hinter der Idee stehen. Der Name wird unwichtiger, der gute Zweck rückt in den Vordergrund. Und nüchtern stellt er fest: "Vielleicht sehen sogar die, die mich auf dem Tennisplatz nicht mochten, jetzt den guten Zweck in der Stiftung und unterstützen uns." Ohne seinen Namen geht dennoch wenig, denn die Stiftung ist für Spendenwerbung kein dankbares Projekt. "Wir müssen die Anonymität der Kinder um jeden Preis bewahren", betont Stich, weshalb öffentlichkeitswirksame Fotosessions entfallen müssen.

Für sein Engagement wurde Stich mit dem Stifterpreis 1997 ausgezeichnet. Die Stiftung hatte aus Sicht der Preisverleiher Vorbildfunktion. Doch der ehemalige Wimbledonsieger will seine Überzeugung vom Dienst an der Gesellschaft keineswegs auf Sportmillionäre begrenzt sehen. Gerade angesichts der bürokratischen Hürden für gemeinnützige Organisationen, die Stich zum Teil zumindest nachvollziehen kann, appelliert er auch an andere Berufsstände, sich dem Gemeinwohl anzunehmen. "Jeder Anwalt, jedes Wirtschaftsprüfungsbüro und jeder Steuerberater sollte ein soziales Projekt betreuen", fordert Stich, "dann wäre es für viele Organisationen sehr viel einfacher."

Michael Stich - im Jahr zwei nach dem Abschied aus dem Tenniszirkus wirkt er gelassen, ausgeglichen, mit sich und seinem Tun vollkommen im reinen. Aber kann das alles sein? Um sich hundertprozent der Stiftung zu widmen, fühlt sich Stich noch zu jung. Dennoch verspürt er keinerlei Eile, sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen. Nach 20 aufzehrenden Jahren im Tennisgeschäft möchte er vor allem Spaß und Interesse an einer neuen Tätigkeit haben und nicht nur etwas tun, um "Erwartungen von außen zu befriedigen". Und vielleicht wird er sich irgendwann einmal auch intensiver mit den Aktienmärkten beschäftigen. Stich: "Für die Zukunft kann ich mir das vorstellen, doch jetzt ist noch nicht die richtige Zeit."

Michael Stich Stiftung, Postfach 305290, 20316 Hamburg, Spendenkonto: Dresdner Bank, BLZ: 200 800 00, Kto.: 33 44



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