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06.01.2000

12:51 Uhr

Der Fed-Chef zieht die Arbeit im Hintergrund großen öffentlichen Auftritten vor

Alan Greenspan: Der ewige Notenbank-Chef

VonDIETRICH ZWÄTZ

Er liebt die Börse nicht, aber er hat viele an Wall Street reich gemacht. Er ist alles andere als volksnah, aber er ist ein Gewinn fürs Volk. Alan Greenspan, 73, wird im Juni seine vierte Amtszeit als Chef der Fed antreten. US-Präsident Bill Clinton hatte keine andere Wahl.

WASHINGTON. Den Rumpf leicht gebeugt, das Haar altersbedingt etwas schütter, der Gang aber dynamisch und stets etwas eilig, Treppenstufen fast in Zweiersprüngen bewältigend: So tritt Alan Greenspan auf, wenn er in Washington in sein Büro eilt oder ins Capitol. Viele erinnert er dann an Woody Allen. Doch über Greenspan lacht keiner, wenn er Senatoren und Kongressabgeordneten mit weise abgezirkelten Worten das amerikanische Wirtschaftswunder zu deuten sucht. Greenspan ist unangreifbar, unkündbar, gleichsam der ewige Chef der US-Notenbank. Im Juni wird der heute 73-Jährige seine vierte Amtszeit als Vorsitzender der Federal Reserve antreten.

Der mächtigste Mann der Welt nach US-Präsident Bill Clinton ist er genannt worden. Und wenn Greenspan an der Seite des dreißig Jahre jüngeren Finanzministers Lawrence Summers steht, wirkt er mehr als ebenbürtig. Dieses Ansehen rührt nicht allein aus dem Amt, Greenspan musste es sich auch gegen die Politik erkämpfen.

Der ehemalige Professor Summers, gelegentlich etwas überheblich wirkend, hat heute zwar die politische Macht über die amerikanischen Finanzen, Greenspan aber hat das intellektuelle Gewicht, um dem Einfluss der Politik auf die Notenbank Paroli zu bieten - und er nutzt Intellekt und Position gleichermaßen klug.

Schon 1991 machte Nicholas F. Brady, weiland Finanzminister unter George Bush, den Vorschlag, der "Secretary of the Treasury" solle als 13.Mann in den Offenmarktausschuss der Notenbank einziehen. Der Finanzminister wollte nicht nur mithören, was die zwölf Mitglieder des wichtigsten Gremiums der Fed beraten, er wollte im Interesse der Regierung auch mitreden und schließlich mitbestimmen.

Greenspan wirkte vor allem hinter den Kulissen

Es wäre indessen die Kapitulation der Notenbank vor der Politik gewesen, der Verlust der Unabhängigkeit, wie sie seit 1913 durch den Federal Reserve Act garantiert ist. Alan Greenspan machte öffentlich nicht viel Wirbel und Aufsehen um Bradys Vorstoß, aber hinter den Kulissen wirkte er umso überzeugender. Der Offenmarktausschuss tagt weiter ohne den Finanzminister.

Es war nicht der letzte Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank. In den frühen neunziger Jahren kam klugen amerikanischen Ökonomen die Erkenntnis, dass die Offenmarktpolitik der Notenbank, also die Interventionen an den Märkten, keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegt.

Begierig griffen Senatoren und Kongressabgeordnete die Idee der Ökonomen auf: Schien die Notenbank doch tatsächlich ohne Mandat des Capitols mit dem Geld des Volkes an den (Devisen-)Märkten zu spielen. Die Notenbank möge doch, forderten kesse Senatoren, das Volumen der geplanten Interventionen dem Kongress vorher melden und es sich genehmigen lassen. Erst dann dürfe sie Dollars, die ja der Besitz des ganzen amerikanischen Volkes sind, zum Kauf anderer Währungen einsetzen oder die eigene Valuta durch den Verkauf fremder Währungen stützen.

Für einen ausgewiesenen Marktpolitiker wie Alan Greenspan waren solche Gedanken schlicht abseits jeder Realität. Wenn die Interventionen an den Devisenmärkten auf dem offenen Parkett des Kongresses besprochen würden, dann kann die Notenbank getrost auf sie verzichten. Denn Greenspan weiß: Gegen die geballte Macht der (dann vorgewarnten) Märkte kann auch die mächtigste Notenbank nichts ausrichten. Die Märkte sind immer stärker als die Notenbanken.

Greenspans Verhältnis zu den Märkten ist im besten Falle ambivalent zu nennen. Der frühere erfolgreiche Finanzberater klammert Aktien aus seinen persönlichen Vermögensdispositionen wegen der Gefahr von Interessenkonflikten weitgehend aus, stopft sein Portefeuille mit Festverzinslichen voll - eine Anlagepolitik wie für Witwen und Waisen.

Der "Schwarze Montag" hat Greenspan geprägt

Sein Verhältnis zu den Märkten ist durch ein Schlüsselerlebnis geprägt. Im Oktober 1987 erwischte ihn der "Schwarze Montag" an Wall Street kalt: Greenspan war kaum drei Monate im Amt, als die Kurse am wichtigsten Markt der Welt um 22 Prozent einbrachen. Energisch machte er sich an die Reparaturarbeiten, konzipierte "Wellenbrecher", die solche Desaster künftig ausschließen sollten. Und er warnte die Märkte, meist murmelnd und nuschelnd, nur Eingeweihten verständlich, selten einmal deutlich wie im Dezember 1996, als Wall Street bereits auf dem größten Durchmarsch aller Zeiten war. Da sprach er von einem unkontrollierten Überschwang der Anleger. Die Kurse sackten erst einmal, verdoppelten sich aber nahezu nach Greenspans Mahnung in den folgenden drei Jahren gemessen am altehrwürdigen Dow-Jones-Index.

Dass er, gegen seine Überzeugung gewissermaßen, dazu beigetragen hat, ist unstrittig. Die Rettung des Hedge Funds LTCM in 1998, die börsenfreundliche Zinspolitik in den vergangenen Jahren haben den alten Fuchs an der New Yorker Börse zur Kultfigur werden lassen. Dass am Tage seiner erneuten Nominierung die New York Stock Exchange um 359 Punkte oder 3,17 Prozent einbrach, spricht nicht gegen diese These. Die Märkte hatten seine Wiederbestellung schon erwartet.

"Die klare, weise Führung der Notenbank spielt eine sehr wichtige Rolle in unserer starken Wirtschaft", rühmte der Demokrat Clinton bei der erneuten Berufung des Republikaners Greenspan die Fed. "Wechsele im Erfolg niemals die Pferde", kommentierte Jerry Jasinowski, Präsident des Industrieverbandes National Association of Manufacturers. Das sind nicht billig dahingeworfene Elogen. Solche Worte zeigen den Respekt, den sich Greenspan national wie international in den vergangenen 13 Jahren erworben hat, beim eigenen Volk wie an den globalen Märkten.

Bekämpfte sein Vorgänger Paul A. Volcker die seinerzeit zweistelligen Inflationsraten noch mit zweistelligen Zinsen, so ist Greenspans Zinspolitik sanft. Trotzdem drückte er die Inflationsrate auf 1,6 Prozent herunter. Dass die Inflationsmentalität in den USA heute gebrochen ist, dass das Heil der Zukunft nicht mehr ausschließlich im Betongold gesehen wird, im Kauf von Immobilien, darf Alan Greenspan als ein besonderes Verdienst zugeschrieben werden.

Wirklche Freunde hat Greenspan nur wenige

Anhänger hat Greenspan viele gewonnen, wirkliche Freunde eher wenige. Wenn er auf Partys im Schlepptau seiner Frau erscheint, der NBC-Journalistin Andrea Mitchell, dann wirkt er immer irgendwie deplatziert. Von Small Talk hält der gebürtige New Yorker wenig. Greenspan wirkt distanziert, scheut den direkten Kontakt mit ihm unbekannten Personen.

Neben seiner Frau liebt er noch die Musik - er spielt Saxofon - und vor allem die Zahlen. Mitarbeiter schätzen Greenspan als wandelndes Archiv ökonomischer Daten. Selten greift der Volkswirt, wenn er sich informieren will, zum periodischen Standardwerk der "Economic Indicators", die vom Rat der Wirtschaftsberater des Präsidenten herausgegeben werden: Er hat all die Daten schon im Kopf. Die Zeit zum Studium, so eine oft verbreitete Anekdote, nimmt er sich jeden Morgen in der Badewanne.

Seine abgezirkelten, anspruchsvollen Reden und Stellungnahmen im Kongress, mit denen er einfache Volksvertreter intellektuell gelegentlich überfordert, haben ihm den Ruf eines richtigen "Egghead" eingetragen.

Am Ende seiner vierten Amtsperiode wird Greenspan 78 Jahre alt sein. Nur William McChesney Martin bekleidete den Posten von 1951 bis 1970 länger als Alan Greenspan. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Viele potenzielle Kandidaten hat Greenspan ausgesessen. Der ehemalige Finanzminister Clintons, Robert E. Rubin, mit dem Greenspan intellektuell auf einer Wellenlänge lag, war zeitweilig als Nachfolger im Gespräch. Aber Rubin wird in vier Jahren 65 Jahre alt sein. Und damit scheint er dann einfach zu alt zu sein.

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