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08.01.2001

19:00 Uhr

Der frühere Tennisstar und seine Ehefrau wollen sich gütlich und außergerichtlich einigen

Becker gegen Becker: Keine „Scheidung auf amerikanisch“

Kein Rosenkrieg, keine Schlammschlacht vor amerikanischem Gericht und laufender Kamera: Boris und Barbara Becker wollen sich gütlich einigen. Dafür wird er gegenüber der im Ehevertrag vereinbarten Abfindung noch einiges drauflegen müssen, denn US-Richter sprechen bei "Promi-Scheidungen" hohe Summen zu.

mv DÜSSELDORF. Vergeblich hofften Kamerateams und Fernsehzuschauer gestern auf eine "Live-Soap-Opera" mit prominenten Hauptdarstellern: Nach nur sieben Minuten wurde die Verhandlung im Fall Becker gegen Becker vor dem Gericht in Miami vertagt. Der frühere Tennisstar und seine Noch-Ehefrau Barbara wollen sich außergerichtlich einigen, hieß es. Das ist - auch in den USA - in allen zivilrechtlichen Streitigkeiten möglich, auch in familienrechtlichen Verfahren.

Eigentlich sollte gestern das Gericht erklären, ob es sich für zuständig hält und der Scheidungskrieg der Beckers in Florida ausgetragen werden sollte. Barbara Becker war im Dezember mit den Kindern in die Residenz der Familie auf Fisher Island in Florida gereist und hatte beim dortigen Gericht Unterhalt und Sorgerecht für die beiden Söhne Noah Gabriel und Elias Balthasar beantragt. Es ging dabei - natürlich - um?s Geld. Dass in den USA nicht nur höhere Schadensersatzsummen gezahlt werden als hier zu Lande, sondern auch so genannte Promi-Ehen mit Schwindel erregenden Abfindungen geschieden werden, darüber informiert zuverlässig die bundesdeutsche Boulevardpresse, wobei die Summenangaben schwanken: So soll Regisseur Steven Spielberg einen Betrag zwischen 100 und 200 Mill. DM an seine Ex-Frau gezahlt haben, etwa die gleiche Summe ging an die Geschiedene von Filmschauspieler Kevin Costner, und Immobilien-Mogul Donald Trump zahlte bei der Scheidung von Ehefrau Nr. 1, Ivana Trump, annähernd 100 Mill. DM. Eines scheint klar: Boris Becker wird gegenüber dem im Ehevertrag Vereinbarten noch einiges drauflegen müssen.

US-Richter haben größeren Ermessensspielraum

Nach dem Ehevertrag der Beckers, an den sich amerikanische Richter zwar orientieren können, aber keineswegs müssen, hätte Barbara Becker "nur" eine Abfindung von 5 Mill. DM erhalten. Und auch, wenn es keinen Ehevertrag gäbe und der Unterhalt von Barbara Becker in einem Scheidungsverfahren vor einem deutschen Gericht nach deutschem Recht berechnet werden würde, könnten die Abfindungssphären amerikanischer Promi-Scheidungen wohl nicht erreicht werden. Grundsätzlich ist bei der Berechnung des nachehelichen Unterhalts das Einkommen des erwerbstätigen Partners die Berechnungsbasis. Dem anderen Partner stehen davon drei Siebtel zu. Wenn beide arbeiten, erhält derjenige, der weniger verdient, drei Siebtel der Differenz als monatlichen Unterhalt. Allerdings ist der Kindesunterhalt davon abzuziehen. Ob diese Berechnungsgrundlage weiterhin gelten soll, darüber wird demnächst der Bundesgerichtshof (BGH) entscheiden: Das OLG München hält es für angemessen, die Differenz künftig hälftig zu teilen und hat den BGH um eine Grundsatzentscheidung ersucht.

Die Professorin für Familienrecht an der Universität München, Dagmar Coester-Waltjen, erklärt, dass in den USA das richterliche Ermessen in Fragen des Ehegattenunterhalts sehr viel größer ist als in Deutschland. Im Unterhaltsrecht der meisten US-Bundesstaaten komme es vor allem in Scheidungsverfahren vermögender Paare immer darauf an, dass der Unterhaltsberechtigte - zumeist die Frau - seine wirtschaftliche Position bewahren könne.

Der Freiburger Rechtsanwalt Hartmut Lübbert, Experte für Familienrecht in der Arbeitsgemeinschaft Internationale Rechtsbeziehungen des Deutschen Anwaltvereins (DAV), weist darauf hin, dass im amerikanischen Unterhaltsrecht immer auch der Aspekt der Entschädigung berücksichtigt werde. Ähnlich wie im Schadensersatzrecht, bei dem durch den so genannten Strafschadenersatz in den USA, den "punitive damages", exorbitante Schadensersatzsummen zugesprochen werden, soll auch bei einer Scheidung in den USA der finanziell abzufindende Partner häufig zusätzlich dafür "entschädigt" werden, dass die Ehe als Versorgungseinrichtung nicht mehr besteht. In Deutschland, wo man sich bemühe, den Lebenszuschnitt zu quantifizieren und genau zu berechnen, wie hoch beispielsweise die künftigen Aufwendungen für eine Altersvorsorge sein werden, sei das Unterhaltsrecht nach Ansicht Lübberts wesentlich "sauberer".

Unterschiedliches Recht in den Bundesstaaten

Bei gemischt-nationalen Ehen werde üblicherweise versucht, den vermeintlich günstigsten Gerichtsstand zu wählen, berichtet Josef Linsler vom Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV). Ob der unterhaltsberechtigte Ehepartner in jedem Fall in den USA besser abschneide, wagt Linsler zu bezweifeln. Die Prominenten-Scheidungen seien keineswegs der Maßstab. Gerade im Familienrecht treffe man in den USA auf "extrem unterschiedliche Rechtsordnungen" in den einzelnen Bundesstaaten und verschiedene Haltungen der in ihrem Ermessen wesentlich freieren US-Richter zum Thema Scheidung. Dagmar Coester-Waltjen empfiehlt zudem, vor einer "Scheidung auf amerikanisch" immer auch an die Verfahrenskosten zu denken - vor allem an die enormen Honorare für US-Anwälte.

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