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26.06.2000

16:35 Uhr

afp BERLIN. Wissenschaftler in aller Welt jubilieren nach der Veröffentlichung der ersten so genannten Karte des menschlichen Genoms. Schon in wenigen Jahren sollen neben den Genen auch deren genaue Funktionen bekannt und damit gewaltige medizinische Fortschritte möglich sein. André Rosenthal, Genforscher am Jenaer Institut für Molekulare Biotechnik, erwartet einen "enormen Durchbruch" in der Medizin, die "völlig anders als heutzutage" sein wird. In 20 bis 30 Jahren, so schätzt der Forscher, werden maßgeschneiderte Therapien bei den unterschiedlichsten Krankheiten möglich sein. Dies wird möglich, indem die genetischen Risikofaktoren bei Menschen per individuellem "Gen-Test" bestimmt werden können. Theoretisch wird so der "gläserne Mensch" Wirklichkeit - auch wenn dies "nicht das Ziel ist", wie Rosenthal beteuert.

Professor Carl Sperling, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Humangenetik, sieht "weitreichende Konsequenzen" heraufziehen. Neben der Funktion als "wertvolles diagnostisches Hilfsmittel" sei es wichtig, dass die ärztliche Schweigepflicht in diesem Bereich besonders behutsam behandelt werde. Anbieter von Lebensversicherungen könnten auf die Idee kommen, von zukünftigen Versicherten ein Genbild erstellen zu lassen, um Risiken wie drohende Krebserkrankungen oder Herzinfarkte abschätzen zu können. Gegen solche Dimensionen der Stigmatisierung von "belasteten" Menschen müssten also "die notwendigen Rahmenbedingungen" - sprich Gesetze - geschaffen werden, fordert Sperling.

Für Fatalismus sieht Sperling keinen Grund: Zu Vieles sei eben doch nicht vorhersagbar. So könnten zwar in einigen Jahren die Funktionen der meisten Gene benannt werden, doch die Wechselwirkungen bei Manipulationen seien "nicht so ganz vorhersehbar" - dies sei vergleichbar mit der Ungenauigkeit eines langfristigen Wetterberichtes.

Nikolaus Knoepffler vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der Universität München vergleicht die Genom-Kartografierung mit der Entdeckung der Anatomie des Menschen. Dies sei zunächst ein "wertfreier Forschritt" gewesen. Auch nach der Entdeckung der menschlichen Anatomie hätte sich die Kirche "Jahrhunderte lang dagegen gewehrt". Grundsätzlich sei es jedoch eine "große Hilfe, wenn der Mensch Zusammenhänge erkennt", meint Knoepffler. Schon heute behielten sich Krankenkassen vor, etwa Röntgenaufnahmen von Versicherten zu fordern. Bei genetischer Veranlagung zu bestimmten Krankheiten müsse man aber auch zukünftig "sein persönliches Recht auf Nichtwissen" wahrnehmen können.

Knoepffler warnt aber auch vor den "gewaltigen Missbrauchsmöglichkeiten", die sich seiner Meinung nach in den kommenden Jahren auftun: "Je mehr Wissen über einen Menschen verfügbar ist, desto mehr kann es auch gegen ihn verwendet werden." Mit allen Folgen der neuen technischen Möglichkeiten umzugehen, "das hat die Menschheit noch nicht gelernt."

Dagegen sieht man sich im Bundesforschungsministerium "ganz gut auf die Entwicklung vorbereitet", sagt Staatssekretär Wolf-Michael Katenhusen (SPD). Der ehemalige Vorsitzende der Bundestags-Enquetekommission "Chancen und Risiken der Gentechnologie" erkennt "keine völlig neuen Probleme". Die neu entstehenden Möglichkeiten durch die Entschlüsselung des Erbgutes könnten jedoch "bestehende Probleme verstärken". Die Gesellschaft müsse entsprechend toleranter werden, ist Katenhusens Folgerung.

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