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17.01.2003

09:41 Uhr

Der Handballer schlägt Kapital aus seinen Ecken und Kanten

Stefan Kretzschmar: Der ewige Polarisator

VonMarc Thylmann (Handelsblatt)

Am Montag beginnt die Handball-WM in Portugal. Bei den Deutschen dreht sich wieder fast alles um Stefan Kretzschmar. Für die Alteingesessen war und ist er der Handball-Punk - für die Jüngeren ein Idol. Kretzschmar hat gelernt, aus seinen Ecken und Kanten Kapital zu schlagen.

MAGDEBURG. Es ist zwölf Uhr mittags. Vor der "Mausefalle" im "Breiten Weg" glänzt ein einsamer Ford Mondeo silbern in der Wintersonne. Ein Hüne steigt aus, Sonnenbrille im Gesicht, eine Wollmütze mit Bommel und Ohrenklappen auf dem Kopf. Zerrissene Jeans. Lederjacke. Ein Rockstar - bis auf den Ford.

Der Rockstar betritt die Kneipe, grüßt die Bedienung, ignoriert lässig charmant die Blicke und Tuscheleien der anderen Gäste, schaut sich entspannt um, sieht und begrüßt den Journalisten. "Haste schon gegessen?"

Stefan Kretzschmar ist kein Rockstar. Doch er kleidet, pierct, tätowiert, posiert, spricht und benimmt sich wie einer. Und er ist mit Franziska van Almsick liiert. Kretzschmar ist eigentlich Handballer. Nicht irgendeiner, sondern der deutsche Handballer - vielleicht nicht der beste, aber mit Abstand der bekannteste.

Vielleicht konnte auch dank ihm das Tief des deutschen Handballs überwunden werden. Sportlich lag die Nationalmannschaft vor gut zehn Jahren darnieder, zudem müffelte die Sportart nach dörflicher Dreifach-Turnhalle. Als Kretschmar 1993 in die oberbergische Provinz zum VfL Gummersbach wechselte, bot ihm ein Sponsor 5 000 Mark für einen vernünftigen Haarschnitt. Kretzschmar hatte damals die Seiten abrasiert, und trug das schwarz gefärbte Deckhaar zum Zopf. Er behielt seine Frisur, er färbte sie nur blau. Einmal allerdings gab es richtig Ärger. Als er 16 war, wurden der Punk Kretzschmar und sein Kumpel im Osten Berlins von Skinheads überfallen. Der Freund wurde tödlich mit einem Messer verletzt, er selbst bewusst geschlagen. Das prägt.

"Mein Erfolg basiert jeweils zur Hälfte auf dem Sport und meinem Auftreten", weiß der 29-Jährige. Die Sportart hat den Turnaround geschafft. Handball ist wieder in, die Hallen werden größer, die Zuschauer jünger. Nicht zuletzt dank "Kretsche". Denn Sportarten werden über Typen verkauft - und Kretzschmar ist einer.

Sportlich hat der Linksaußen mit seinem aktuellen Team, dem SC Magdeburg, fast alle Titel geholt: Meisterschaft, Pokal, Champion League, EHF-Pokal. Das Handball-Talent vererbten ihm seine Eltern: Sein Vater spielte für die DDR, trainierte später das Frauenteam. Seine Mutter gewann dreimal den WM-Titel.

Ähnlich gewitzt wie in der Halle ist der 190-fache Nationalspieler in der Selbstvermarktung. Auf seiner - extra zur WM neu gestalteten - Homepage lautet die Antwort auf die Frage, was Stefans größte Hoffnung sei: "Dass er niemals ein Riesenarschloch wird." Kurz darunter werden in epischer Breite alle seine 14 Tattoos und ihre Bedeutungen erläutert. "Er hat gelernt, sich zu verkaufen", sagt ein Angestellter des Handball-Verbandes.

Wenn sich Kretzschmar beschwert, dass sein Sport im deutschen Fernsehen zu selten zu sehen sei, sagt er nicht nur: "Handball ist absolut telegen." Nein, er fügt süffisant an: "Was kann ich dafür, wenn irgendein RTL-Intendant Skispringen geil findet? Skispringen, da springen 120 Leute eine Schanze runter. Und dann wird geschaut, wer am weitesten gesprungen ist. Na, herzlichen Glückwunsch."

Die passende Managerin zu seinem offenen Wesen und Worten hat er vor einigen Jahren gefunden. Ciz Schönberger lernte er 1997 auf einer Party kennen. "Die kommt eigentlich aus dem Musik- und Filmbereich und hatte von Sport überhaupt keine Ahnung. Aber das machte nichts, von Sport habe ich ja Ahnung", sagt Kretzschmar.

Schönberger, die nebenbei einen Musikverlag hat, vermittelte ihm bei MTV eine eigene Show. Über 100 Folgen MTV-Sushi moderierte er zwischen 1999 und 2001 - auch mal aus der Badewanne. "MTV, das war für mich immer der Inbegriff von Innovation und Anarchie", so Kretzschmar. Doch heute "spielen die ja nur noch die Charts, jedenfalls MTV-Europe". Er verzieht das Gesicht. Dennoch war die Sendung ein Erfolg: 2000 machte sein Sponsor Nike eine internationale Kampagne mit seinem Konterfei.

Nach seinem Nebenjob als Video-Jockey zog er sich vom TV zurück. Erst im Herbst 2002 hatte er wieder einen Fernsehauftritt. Nach Olympia 2000 in Sydney und dem privaten Glück mit Franziska van Almsick war ihm alles zu viel geworden. "Da ging es los mit Paparazzi und so?n Scheiß, das kannte ich ja gar nicht."

Mittlerweile haben die beiden mit den Medien weitgehend Frieden geschlossen - etwa dass sie es im vergangenen Jahr bis auf das Titelblatt der "Bunten" schafften. "Das war ein schönes Foto und meine Freundin hat nette Sachen über mich gesagt", so Kretzschmar. Die Beziehung der beiden Spitzensportler und gebürtigen Ost-Berliner laufe auch super. "Wenn ich ihr sage, ich muss nach Weihnachten ins Trainingslager, dann fragt sie nicht ,warum?. Sie weiß, warum", sagt Kretzschmar. Auf seinem T-Shirt steht in großen Lettern "Love King".

Mit seinen Klamotten und Piercings "passt Kretzschmar zum SC Magdeburg wie eine Nietenlederjacke zum Kirchweihfest", schrieb der "Spiegel". Doch die Zeiten ändern sich. Denn der SC Magdeburg trägt seit 2002 den Zusatz "Gladiators", ganz nach dem Geschmack des "USA-Fetischisten" Kretzschmar. Schließlich könne man nun so schön mit Klischees spielen, in der Halle oder beim Merchandising. "Ein Meister-T-Shirt mit ,Gladiators? drauf gibt eben mehr her als ,SCM?."

Das Gladiators-Konzept ist "mein Baby", wie Managerin Schönberger sagt. Der Verein sei an sie herangetreten, ihn jugendorientierter zu vermarkten. "Zusammen mit Stefan haben wir ein Brainstorming gemacht, er hat sehr viel kreatives Potenzial", erzählt Schönberger. Und dankt ihrem Klienten für dessen Hilfe. Dass es Widerstände in dem traditionsreichen Verein geben würde, war ihr klar. "So ein Konzept polarisiert, genau wie Stefan."

Der bedauert, dass der Klub das Konzept noch nicht konsequent umsetzt. Doch "wenn ich was zu sagen habe, ändert sich das". Die Kids fahren da schließlich drauf ab. Die Alten werde das zwar etwas stören, "aber die werden ja auch weniger". Handball-Marketing wäre eine reizvolle Aufgabe für ihn nach dem aktiven Sport.

Dann muss er los, zum Nachmittags-Training. Das Essen war gut. Kein Wunder, "das ist die einzige Kneipe in Magdeburg, wo man tagsüber hingehen kann, seitdem ich meine eigene dicht gemacht habe". Er setzt Mütze und Sonnenbrille auf, geht nach draußen, steigt in seinen Wagen ein und fährt los, der Sonne entgegen. Der Ford ist ein Leihwagen.

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