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01.02.2002

09:55 Uhr

Der Handel erlebt in Südafrika einen Gründungsboom

Gründer aus der Not heraus

VonWolfgang Drechsler

Gründungen in Südafrika haben nur selten etwas mit Unternehmergeist zu tun. Viele Firmen sind entstanden, weil die Gründer ihre Jobs verloren hatten.

Jean Davidson ist bescheiden geblieben. Zum Interview bittet die Unternehmerin nicht etwa in ein klimatisiertes Büro, sondern auf eine Holzbank vor einem ihrer Gewächshäuser. Und als sie vom vielen Erzählen schließlich durstig ist, lässt sie sich keine Erfrischung bringen, sondern trinkt einfach aus dem Wasserhahn.

Genauso unprätenziös ist der Berufsweg der Südafrikanerin: Als sie vor sieben Jahren von einem kenianischen Farmer hörte, der Rosen nach Europa exportierte, sah sie darin auch für sich eine Chance: Heute ist Davidson die einzige schwarze Rosenzüchterin am Kap, verkauft 6,5 Millionen Rosen im Jahr und exportiert mehr als eine Million Exemplare zum internationalen Blumenmarkt in Holland. "Wenn ich in meinem Gewächshaus zwischen Tausenden von Rosen stehe, freue ich mich, auf diese Weise mein Geld zu verdienen", sagt sie.

Ehe Davidson ihre eigene Firma gründete, war sie in unterschiedlichen Berufen aktiv: Zunächst als Forscherin, dann als Spendensammlerin und schließlich als Angestellte im Hotel- und Baugeschäft ihres Mannes. Wie für viele andere Südafrikaner sind ständige Berufswechsel für sie nicht ungewöhnlich: Unternehmenskarrieren am Kap verlaufen selten gradlinig - weder bei den historisch benachteiligten Schwarzen, noch bei den Weißen, die zuletzt von den politischen Umwälzungen zum Umdisponieren gezwungen wurden. Viele haben sich in diesem Prozess als eine Art Stehaufmännchen entpuppt. Wer heute mit seiner Klemptnerfirma bankrott geht, fängt morgen eben im Autoverleih neu an. "Nicht wenige Südafrikaner sehen sich noch immer als Pioniere und können Situationen retten, in denen wir Europäer längst aufgegeben hätten", zollt ein aus Deutschland entsandter Geschäftsmann seinen Gastgebern hohes Lob.

Fachkräfte sind Mangelware

Davidsons Rosenfarm hat den Vorteil, dass neue Mitarbeiter relativ schnell angelernt werden können und entsprechend wenig Vorwissen brauchen. Inzwischen beschäftigt Davidson 52 Angestellte, überwiegend Schwarze. "Sie haben ein Geschick für diesen Job", sagt Davidson.

Weit schwerer haben es die Gründer von Technologie-Firmen: Ihnen fehlen zunehmend Fachkräfte. Doch die Qualifikation spielt bei der Einstellung per Gesetz nur eine untergeordnete Rolle. Das so genannte Gleichstellungs-Gesetz fordert, dass die Belegschaft aller Unternehmen den Bevölkerungsmix des Landes widerspiegelt: 77 Prozent schwarz, 10 Prozent weiß, 9 Prozent farbig und 3 Prozent indischstämmig.

Daneben sind die Gewerkschaften so stark, dass Arbeiter hier nicht einfach zu Niedriglöhnen beschäftigt werden können. "Und entlassen darf ich Mitarbeiter selbst dann nicht, wenn sie schlecht arbeiten", moniert Pierrealberto Za, der vor zwei Jahren aus Italien nach Südafrika kam und jetzt Designermöbel verkauft. Dennoch hätten Gründer gute Chancen, denn Südafrikas Wirtschaft sei noch immer von Monopol- und Großunternehmen geprägt. Junge Unternehmen mit flexiblen Strategien könnten ihnen leicht Marktanteile abnehmen.

Die Kapitalbeschaffung ist auch in Südafrika ein Problem: Risikokapitalgeber sind nach spektakulären Fehlschlägen vorsichtig geworden, und der Staat hat trotz Steuerreduzierungen und einem ganzen Arsenal weiterer Anreize nur einen Bruchteil seiner vollmundigen Versprechungen gehalten.

Gründungsboom vor allem im Handel

Allerdings etablieren sich zunehmend kleine Finanzdienstleister wie etwa die von dem sambischen Bankier Justin Chinyanta gegründete Firma Loita Capital Partners. Er konzentriert seine Anstrengungen auf kleine, einheimische Unternehmer, die angesichts fehlender internationaler Kontakte schwer auf die Beine kommen und neben Finanzmitteln auch ganz konkrete Managementhilfe brauchen.

Tatsächlich ist die Nachfrage nach Ratschlägen und Krediten in den letzten Jahren mächtig gestiegen. Besonders der Handel erlebt einen Gründungsboom, unter anderem bei den in den Townships ansässigen Spaza-Shops - eine südafrikanische Variante des Tante Emma-Ladens.

Gleichwohl beginnen in Südafrika die meisten Selbstständigen-Karrieren oft aus purer Not. So wurden nach Angaben des Instituts für Marktforschung rund 40 Prozent der kleinen bis mittelgroßen Firmen nur deshalb etabliert, weil ihre Gründer im Zuge des wirtschaftlichen Umbaus am Kap arbeitslos wurden. Eine andere Studie über Armut und Ungleichheit in Südafrika belegt, dass die meisten abseits der Steuer Arbeitenden jeden Tag aufs neue ums Überleben kämpfen. Von diesen fast zwei Millionen Menschen sind rund 86 Prozent Schwarze und acht Prozent Mischlinge.

Allerdings findet sich der Trend zur eigenen Firmengründung nur selten in offiziellen Statistiken: So stieg die Zahl der Bed & Breakfast-Unterkünfte seit dem Ende der Apartheid zwischen 1993 und 1998 von 350 auf über 20 000. Sollten dort tatsächlich jedesmal vier bis fünf Stellen entstanden sein, wären dadurch fast 100 000 neue Jobs entstanden. Stark gestiegen ist auch die Zahl der monatlich registrierten neuen Firmen - und zwar von 660 im Jahre 1993 auf 1820 im Jahr 1998. Wie groß ihr Potenzial ist, zeigen die kleinen Spaza-Shops, die bereits jetzt zusammen mehr Umsatz erwirtschaften als die drei großen südafrikanischen Einzelhändler.

Dunkelziffer bei arbeitslosen Schwarzen ist hoch

"Wenn das Land seine hohe Arbeitslosigkeit in den Griff kriegen will, muss es das Potenzial der neuen Kleinunternehmer mit Hilfe eines ausgeklügelten Kreditsystems besser erschließen", sagt Michael Mendelowitz von Teta Investments, einer Unterabteilung der African Bank Investments of South Africa, die Kleinunternehmen berät und finanziert. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote 29 Prozent. Es gibt aber auch Statistiken, denen zufolge fast die Hälfte der schwarzen Bevölkerung ohne Beschäftigung ist.

Für Firmen wie Teta Investments und Loita geht es darum, bei der Kreditvergabe ausreichende Gewinnmargen zu erzielen, aber gleichzeitig die hohen Risiken zu berücksichtigen. Dies ist nicht einfach in einer Region, wo gerade schwarze Unternehmer für gewöhnlich wenig Geschäftserfahrung haben, die Bürokratie viele Initiativen erstickt und nur wenige Kleinunternehmer Sicherheiten bieten können. Zudem sind viele der lokalen Kreditgeber, wie die African Banking Corporation, vergleichsweise klein und verfügen nur über eine dünne Eigenkapitaldecke.

Nicht alle haben es so gut getroffen wie Jean Davidson. Zwar hat auch sie die Hilfe eines lokalen Finanzdienstleisters in Anspruch genommen, aber nebenher auch etwas Startkapital von ihrem Mann bekommen: "Er war es offenbar leid, mir immer neue Rosen zu schenken - und hat mir schließlich eine ganze Rosenfarm gekauft."

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