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09.01.2002

19:31 Uhr

Der irrationale Überschwang der Finanzmärkte erweist sich als schwere Hypothek für die Konjunktur – Die Rolle der US Notenbank gerät zunehmend in die Kritik

Analyse: Weltwirtschaft leidet noch lange unter den Folgen der spekulativen Übertreibung

VonTOBIAS MOERSCHEN

Nach der großen High-Tech-Spekulation der späten 90er-Jahre erlebten die Börsen zuletzt zwei aufeinander folgende Minusjahre - ein äußerst seltenes Ereignis.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) und auch der US-Index S & P notieren mittlerweile wieder auf dem Niveau von Mitte 1998. Gehören die geplatzte Spekulationsblase und ihre Folgen damit der Vergangenheit an? Leider nicht.

Zwar mag die heiße Luft aus den Aktienkursen raus sein. Doch die früheren Exzesse werden die Börsen und die Konjunkturdynamik noch lange belasten. Denn die irrationale Übertreibung hat eine gigantische Fehlverteilung von Ressourcen verursacht, die für die Zukunft eine schwere Hypothek darstellt. Zudem könnte das Pendel der Marktpsychologie bald zu stark in die andere Richtung ausschlagen - mit der Folge weiterer Verzerrungen.

Der lange Börsenboom hat besonders die Unternehmen der "New Economy" - der neuen Netzwirtschaft - zu milliardenschweren Fehlinvestitionen verführt. In den Bereichen Glasfasertechnik und Telekom-Ausrüstung entstanden riesige Überkapazitäten, welche die Firmen jetzt mit hohem Kostenaufwand abbauen müssen. Gleichzeitig stieg der private Konsum in den USA parallel zur Kursentwicklung steil an. Nach dem Kurssturz haben nun ältere US-Bürger ein Loch in ihrer privaten Altersvorsorge. Familien, die den Collegebesuch ihrer Kinder aus Aktiengewinnen zahlen wollten, stehen mit leeren Händen da.

In der Spekulationsphase förderten stetige Kursgewinne die Ausgabebereitschaft der Verbraucher, was wiederum die Firmenumsätze erhöhte und so neue Kursgewinne rechtfertigte. Nun droht dieser Prozess sich umzudrehen, auch wenn US-Zinssenkungen den Anpassungsdruck dämpften und der Konsum bislang erstaunlich stabil blieb.

Vor dem Hintergrund dieser Risiken stellt sich die Frage, ob die US-Zentralbank (Federal Reserve) die spekulative Blase nicht stärker hätte bekämpfen sollen. Fed-Chef Alan Greenspan hätte es im Dezember 1996 nicht bei seiner bloßen Mahnung vor dem "irrationalen Überschwang" (irrational exuberance) der Märkte belassen sollen, kritisieren etwa die Chefvolkswirte der US-Investment-Bank Goldman Sachs und der britisch-asiatischen Großbank HSBC sowie der Chefstratege der Dresdner-Bank - Tochter Kleinwort Wasserstein.

Denn die Aktienkurse schweben nicht im luftleeren Raum, sondern sie beeinflussen zentrale Entscheidungen von Firmen und Verbrauchern. Die Technologie-Blase hat so schädliche Verzerrungen in der realen Wirtschaft ausgelöst, die mit dem Platzen der Blase nicht einfach verschwinden.

Der US-Notenbankchef Greenspan äußerte frühzeitig seine Sorge über den "irrationalen Überschwang" der Börsen. Doch nach diesem berühmt gewordenen Zitat verstummte seine Kritik. Spätere Greenspan-Aussagen legen sogar den Schluss nahe, dass er an die "New-Economy"-These eines neuen Wirtschaftszeitalters ohne zyklische Abschwünge glaubte. Vor dem US-Kongress erklärte Greenspan nur, Zentralbanken sollten die negativen Folgen einer geplatzten Spekulationsblase abfedern. Von der Aufgabe, solche Blasen gar nicht erst wachsen zu lassen, sprach er nicht.

Die aggressive Zinssenkungspolitik der Federal Reserve zeigt, dass die Zentralbank die Gefahren für die Weltwirtschaft äußerst ernst nimmt. Kein Wunder: Bricht nach den Investitionen der Unternehmen auch der US-Konsum ein, dann fällt die Wirtschaft weiter in die Rezession. Das Horrorszenario liefert seit über zehn Jahren Japan: Das Land fiel nach dem Platzen einer riesigen Spekulationsblase am Aktien- und Immobilienmarkt in eine lange und tiefe Depression.

US-Geldpolitiker ließen die Spekulationsblase ungehindert wachsen

Angesichts der Gefährlichkeit irrationaler Blasen sollten Zentralbanken sie möglichst früh zum Platzen bringen, meint Stephen King, Chefvolkswirt der Großbank HSBC. Das Mittel dazu sind Zinserhöhungen, um den Überschwang der Anleger zu dämpfen. Sicher gibt es gute Gründe, die gegen eine aktivere Rolle der Zentralbanken im Umgang mit spekulativen Blasen sprechen. So ist vorab praktisch unmöglich zu bestimmen, ob ein rasanter Kursanstieg irrational oder gerechtfertigt ist. Denn die Börsen überschießen oft gerade dann, wenn auch die Fundamentaldaten positiv sind.

Weiter mag man einwenden, dass für Zentralbanken stets die Inflationsbekämpfung im Mittelpunkt stehen sollte - und dass die Sorge um spekulative Blasen von dieser Kernaufgabe nur ablenken würde. Außerdem treffen Vorstöße gegen übertriebene Euphorie stets auf den Widerstand derer, die daran gut verdienen. Das zeigten nicht zuletzt die teilweise heftigen Reaktionen auf Greenspans Mahnung vor der "irrational exuberance".

Die Debatte um die Laisser-Faire-Haltung der Fed gegenüber dem irrationalen High-Tech-Boom hat erst begonnen. Ihr Ausgang wird davon abhängen, wie tief die Wirtschaft nach dem Platzen der Blase noch in die Krise rutscht.

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