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02.01.2002

18:49 Uhr

Der jüngste Tennis-Weltranglistenerste aller Zeiten und sein Vermarkter Octagon verärgern die Medien

Hewitt und der Preis des Ruhms

VonJÖRG ALLMEROTH (Perth)

Beim geplanten "Ausbau zur globalen Marke" vernachlässigt der Volksheld Lleyton Hewitt das einheimische Terrain. Der australische Markt sei zu klein, um sich mit ihm länger zu beschäftigen, argumentieren seine Vermarkter im Vorfeld der Australian Open.

Wie sich sein Leben seit dem goldenen Herbst des Jahres 2001 verändert hat, seit US- Open-Triumph, Masters-Cup-Sieg und Sturm auf Platz eins der Rangliste, das kann Lleyton Hewitt in diesen ersten Tagen der neuen Saison allein schon aus den Augenwinkeln beobachten: Bei allen noch so kleinen Routinegängen während der inoffiziellen Mixed-WM im beschaulichen Perth flankieren stets einige grimmige Muskelpakete zur Linken und Rechten den 20-jährigen Australier. Es sei der "Preis des Ruhms", den Hewitt schon in so jungem Alter erlebe, meint Fred Stolle, eine Legende des australischen Tennis in der Nachkriegszeit.

Dabei kann Hewitt sich in der entspannten Atmosphäre von Perth noch relativ ungestört auf sein größtes Ziel im neuen Jahr vorbereiten: "Seit ich Tennis spiele, ist es mein größter Wunsch, einmal die Australian Open zu gewinnen", sagt der Mann, der bereits als Kind mit seinen Eltern zum Grand-Slam-Event im Melbourne Park reiste. Der Druck, dort Ende Januar als erster Australier nach über einem Vierteljahrhundert wieder den Pokal zu gewinnen, ist für Hewitt weit größer als für seinen gegenwärtig pausierenden Mentor Patrick Rafter. "Die Erwartungshaltung ist gigantisch, das ist typisch in Australien", so Hopman-Cup- und Australian Open-Turnierdirektor Paul McNamee. "Jeder denkt, Lleyton ist die Nummer eins - jetzt muss er einfach in Melbourne gewinnen."

Im Bemühen, ihren kostbaren Klienten vor allen Unannehmlichkeiten im heiklen Countdown für Melbourne zu beschützen, haben die Manager des Vermarktungsgiganten Octagon allerdings schon wieder unnötige Gräben zwischen Hewitt und großen Teilen der australischen Presse aufgerissen. Das ohnehin angespannte Verhältnis Hewitts zu den Medien hat sich neuerdings wieder verschärft, seitdem sich heimische Journalisten für Interviews mit dem neuen Supermann offenbar durch vorherige Gefälligkeitsartikel qualifizieren müssen. Der australische Octagon-Agent John McCurdy, ein ehemaliger Berufsspieler, hält den lokalen Markt, ob Medien oder Sponsoren, freilich schon länger für zu klein und unbedeutend, um sich damit länger beschäftigen zu müssen. "Lleyton ist eine globale Marke, die es auszubauen gilt", ist die strategische Devise der einflussreichsten Firma im Welttennis.

Von Vorbild-Rolle noch weit entfernt

Mit diesem Kurs erkauft sich der Hewitt-Clan daheim aber nur wenig Sympathie. Von einer "Vorbildrolle im Sport" sei der 20-Jährige auch nach dem vergangenen Jahr noch weit entfernt, musste Hewitt am Neujahrstag in einem Leitartikel des "Australian" lesen, der einzigen landesweit verbreiteten Zeitung. Die Australier irritiert auch die Entlassung von Hewitts langjährigem Coach Darren Cahill, der als Dank für den gemeinsamen langen Marsch aus den Niederungen des Wanderzirkus bis auf Platz eins der Rangliste zum Saisonende seinen Hut nehmen musste.

Laut Insiderberichten war Hewitts Vater Glen der Einfluss Cahills zu groß geworden - und das, obwohl der frühere Australian-Football-Spieler und seine Frau Jocelyn sich schon zu berufsmäßigen Tenniseltern entwickelt haben, die die meisten Stationen der Tour gemeinsam mit ihrem Sohn bereisen. Den neuen Coach Jason Stoltenberg, 1997 Finalgegner bei Hewitts erstem Turniersieg in Adelaide, haben die geschäftigen Leute im Umfeld bereits auf Linie getrimmt: Auf Geheiß des Managements durfte der Trainer der kritischen Melbourner Renommierzeitung "The Age" beim Hopman Cup kein Interview geben, nachdem er der Reporterin den Termin zunächst locker zugesagt hatte. Auch die für Cahills Rausschmiss nachgereichte Begründung, er habe verlangt, zu oft gemeinsam mit seiner Familie zu den Turnieren anreisen zu dürfen, erscheint manchem Beobachter dubios: Schließlich hat sich auch Stoltenberg ausbedungen, bei einer Reihe wichtiger Wettbewerbe mit Anhang anreisen zu dürfen.

Die alten Probleme mit Öffentlichkeit und veröffentlichter Meinung machen Hewitt die Aufgaben nicht leichter in seinem neuen, veränderten Leben. Er hoffe nicht, dass "Hewitt Bleikugeln an die Beine gekettet werden", wird Australiens letzter Wimbledonsieger Pat Cash zitiert, "ich hoffe, dass er den Kopf und die Sinne frei hat für sein Tennis." Dort, an seinem Arbeitsplatz, wird der jüngste Klassenbeste in der Geschichte sowieso genügend Mühe haben, seinen Status auszubauen oder zumindest zu verteidigen: "Ich höre am besten auf und spiele Football", scherzte Hewitt in seiner ersten Pressekonferenz beim Hopman Cup. Später sagte er, er sei nicht sicher, was nach dem "Traumjahr" nun komme - er wolle aber bis zum letzten Atemzug kämpfen und sein "Bestes geben" in Melbourne, bei den Australian Open.

Ob das Beste gut genug ist, wird sich zeigen. Spätestens am 27. Januar, dem Finaltag des Grand-Slam-Turniers.

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