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06.06.2000

19:47 Uhr

Der Kauf der Abspielgeräte zieht meist weitere Käufe nach sich

Der Erfolg der DVD beflügelt die ganze Branche

VonULRICH V. LÖHNEYSEN

Der Durchbruch der Filmscheibe DVD am Markt beflügelt die Unterhaltungselektronik: Der Umsatz der lange Jahre von Minusraten geplagten Branche wächst wieder. Von dem Erfolg der digitalen Videodisc profitiert auch der Absatz von Fernsehern und hochwertigen Lautsprechern.

DÜSSELDORF. Die Hersteller von TV-Geräten oder von HiFi-Komponenten hatten in den vergangenen Jahren wenig Freude. Die klassische Unterhaltungselektronik verlor seit dem Boom nach der Wiedervereinigung Jahr für Jahr Umsatz. Fachhändler konnten sich nur durch den guten Verkauf von Handys und Personalcomputern über Wasser halten. Erst 1999 wurde der Negativ-Trend gestoppt: Mit 16,3 Mrd. DM Umsatz wurde ein bescheidener Zuwachs von 1,1 % verbucht. Getragen wurde dieser Mini-Aufschwung aber nicht von den Standard-Produkten, sondern von neuen digitalen Angeboten wie DV-Camcordern und vor allem der digitalen Videodisc (DVD). Auf diese Scheibe im CD-Format setzt die ganze Branche große Hoffnungen. Nicht nur, dass hier endlich ein Produkt auf breiter Front lanciert wurde, das schnell Freunde unter den Filmliebhabern gefunden hat; ein Produkt, das eine ausgesprochen junge Käuferschicht anspricht, die mit repräsentativen Tonmöbeln und TV-Schränken wenig am Hut hat. Es besteht auch Grund zu Annahme, dass die DVD Folgeschäfte auslöst - mit Umsatzvolumina in mehrfacher Höhe. Schon einmal hat ein neues Produkt einen ähnlichen Boom ausgelöst: Als Anfang der 80er Jahre die CD eingeführt wurde, rüsteten die Käufer nach und nach auch ihre Stereoanlage auf bessere Komponenten und leistungsfähigere Lautsprecher um. Dabei setzt sich die DVD viel schneller durch als die CD: Im dritten Jahr nach der Markteinführung fanden in Europa 770 000 CD-Spieler ihre Käufer. Bei der DVD erwartet man für das laufende Jahr, ebenfalls das dritte nach Marktstart, einen Absatz von rund vier Millionen Stück, also mehr als das Fünffache, so die Sony-Marktforschung. Gegenüber 1998 legte der DVD-Absatz 1999 um 375 % auf 1,5 Millionen zu. Vor allem das letzte Weihnachtsgeschäft brachte den Durchbruch. Die bessere Bildqualität erfordert bessere Fernseher In der Tat bietet die DVD viele neue Ausstattungsmerkmale und Verbesserungen, die zur Aufrüstung des heimischen Pantoffelkinos geradezu herausfordern. Die Bildqualität einer guten DVD-Scheibe liegt nicht nur weit über der eines VHS-Recorders, selbst das Fernsehbild über Antenne, Kabel oder Satellit kann nicht mithalten, weder in der Bildschärfe noch in Farbsättigung oder Rauscharmut. Vor allem aber bieten die meisten dieser Filmscheiben die 16:9-Option, also das filmfreundliche Breitbild. Dessen Einführung wurde schon mit der europäischen TV-Norm PAL- plus versucht, doch die Norm wird fast ausschließlich von ARD und ZDF genutzt. Die Spielfilmsender wie Pro7 dagegen zeigten kein Interesse an der Bildverbesserung. Daher haben die meisten Gerätehersteller ihre PAL-plus-Produktion zurückgefahren, bauen aber nach wie vor die großen Bildschirme überwiegend im 16:9-Format. Mit der DVD als idealer Quelle für diese Schirme kommt nun überraschend Bewegung in den Absatz der Breitbild-Fernseher: "Durch die DVD haben wir jetzt ein großes Programmangebot in 16:9, das die Vorzüge des Formats deutlich macht", freut sich Peter Hahn, Marketing-Manager bei Philips. Das Ergebnis auf dem Markt war eindeutig: In den Monaten Dezember und Januar verdoppelte sich der Verkauf der meist teueren Geräte dieser Kategorie gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt wuchs der Absatz von 16:9- Großbildschirmen im vergangenen Jahr um rund 60 % gegenüber dem Vorjahr. Denn das bis in die feinsten Details scharfe Bild einer DVD erkennt man am besten auf großen Bildschirmen. Sogar noch größere Fernsehgeräte in der so genannten Rückprojektionstechnik erleben einen Aufschwung. Immer mehr Hersteller stürzen sich auf dieses Segment, in dem Bildschirmdiagonalen von einem bis 1,5 Metern üblich sind. Noch größere Bilder liefern dann Frontprojektoren, die bislang meistens für Business-Präsentationen eingesetzt wurden. Auch hier ist zu beobachten, dass immer mehr Firmen wie Sony, Toshiba und Davis spezielle Produkte für das Kino zu Hause anbieten. Zu einem solchen Filmerlebnis in den eigenen vier Wänden gehört natürlich der entsprechende Kino- Sound. Den liefert die DVD in Form des digitalen Mehrkanaltons, also von bis zu sechs getrennten Tonspuren, die ein Geräusch beliebig im Raum rund um den Zuschauer platzieren können. Um diesen Ton genießen zu können, bedarf es eines Decoders oder Receivers meist in Dolby-Digital-Technik. Und tatsächlich verzeichnete das Segment der Receiver im Februar und März 2000 ein deutliches Plus von knapp 20 %. "Nach dem guten Weihnachtsgeschäft mit der DVD", sagt Sony-Manager Jörn Taubert, "ist der Zuwachs in dieser Kategorie eindeutig ein Folgegeschäft." Der Stückpreis der Geräte steigt Besonders gut gelaunt macht den HiFi-Verantwortlichen die Tatsache, dass nicht nur der Absatz der Gerätestückzahlen nach oben zeigt, sondern auch der Stückpreis. "Der Trend zu höherwertigen Receivern", so Taubert, "zeigt, dass statt Stereo immer mehr digitaler Surround-Sound gefragt ist." Mehrkanalton bedeutet natürlich auch mehr Lautsprecher. Statt nur zwei installiert der DVD-Besitzer bis zu sechs Boxen rund um seine Heimkino-Loge. Das freut die Hersteller von Lautsprechern, die bereits auf den Zug aufgesprungen sind: So bietet die Hannoveraner Firma Quadral Produkte an, die speziell für DVD optimiert sind. Die Baureihe "Ascent" etwa, so Chefentwickler Berndt Stark, nutzt in allen Lautsprechern die gleichen Chassis und Bauteile, damit sich der Klang nicht verändert, wenn ein Geräusch durch den Raum wandert. Auch die Dynamik, also die schnelle Reaktion auf plötzliche Schall-Ereignisse, ist bei Filmton von der DVD besonders wichtig, ebenso die kraftvolle Bass-Wiedergabe, am besten über einen separaten Tieftöner. So kann die Anschaffung eines DVD-Spielers für vielleicht 899 DM weitere Käufe von mehr als 10 000 DM zur Folge haben.

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