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07.06.2000

13:17 Uhr

Der kleine König von Thüringen

Lothar Späth hat viele Talente und einen Hang zur Selbstdarstellung

VonSilke Kersting

Lothar Späth ging radikaler vor als so manch anderer aus dem Westen. Auf einen Schlag entließ er 16 000 Menschen - altgediente Zeissianer, denen nach jahrzehntelanger Arbeit nicht viel mehr blieb, als fassungslos auf die Bagger zu blicken, die die alten Hallen des einst stolzen DDR-Kombinats VEB Carl Zeiss niederwalzten. Aber Späth gilt nicht nur als Plattmacher, sondern ist im Osten hoch angesehen, formte er doch aus einem quasi konkursreifen DDR-Moloch die Jenoptik AG.

Lothar Späth

Lothar Späth

Handelsblatt DÜSSELDORF. Lothar Späth ging radikaler vor als so manch anderer aus dem Westen. Auf einen Schlag entließ er 16 000 Menschen - altgediente Zeissianer, denen nach jahrzehntelanger Arbeit nicht viel mehr blieb, als fassungslos auf die Bagger zu blicken, die die alten Hallen des einst stolzen DDR-Kombinats VEB Carl Zeiss niederwalzten.

Das Geschäft war grausam, er war grausam - Späth wusste das und konnte doch nicht anders handeln: Einem Kombinat dieser Größe sprach er die Lebensfähigkeit ab. Ausgestattet mit einigen Treuhandmillionen begann er im Juni 1991 mit der Sanierung der Jenoptik, neben Carl Zeiss Jena Nachfolgerin des VEB. Späth schloss chancenlose Unternehmensteile, kaufte neue hinzu: Firmen aus dem Westen mit vollen Auftragsbüchern und funktionierenden Vertriebskanälen.

Jenoptik ging als High-Tech-Wert an die Börse

Dass Späth dennoch nicht als Plattmacher gilt, sondern hoch angesehen ist im Osten, hat er einem Gemisch aus Konsequenz, Geschick und Arbeitseifer zu verdanken: Aus einem quasi konkursreifen DDR-Moloch formte er die Jenoptik AG und führte sie als ersten High-Tech-Wert aus den neuen Ländern an die Börse. Daran hatte niemand geglaubt im April 1991, als der heute 62-Jährige nach Thüringen kam. Wer war schon Lothar Späth? Ein Import aus dem Westen mit dem Spitznamen "Cleverle", gescheitert als Rivale von Ex-Kanzler Helmut Kohl, geschasst als Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Späth der Manager, Buchautor und TV-Talkmeister

Fast 13 Jahre hatte er am Musterländle mit seinem Faible für High-Tech-Unternehmen gebastelt, zuletzt wie der "Vorstandsvorsitzende der Baden GmbH-Württemberg & Co.", wie er sich selbst nannte. Dann warf man ihm vor, Dienstliches und Privates allzu häufig miteinander vermengt, zumindest die notwendige Distanz zu den Mächtigen der Wirtschaft nicht eingehalten zu haben. Als man ihn später von persönlichen Verfehlungen frei sprach, war er schon in Thüringen und arbeitete an seiner zweiten Karriere: als Manager.

Den Weg zurück in die aktive Politik will sich der Christdemokrat "nicht mehr antun". Als Kritiker der Politiker profiliert er sich indessen gern. Späth ist ständig unterwegs, äußert sich zu jedem Thema, ist Manager, Buchautor und TV-Talkmaster zugleich - ein Aktionismus, für den er von den Jenoptik-Aktionären 1999 heftig kritisiert wurde: Warum sitzt der Späth nicht an seinem Schreibtisch? Der Aktienkurs lag am Boden, Analysten warfen Späth vor, einen "unübersichtlichen Gemischtwarenladen" zu betreiben.

Wenn der wortgewandte Schwabe auf der heutigen Hauptversammlung wieder vor die Aktionäre tritt, dürfte ihn eine freundlichere Stimmung erwarten. Späth hat den Laden aufgeräumt, eigene Fehleinschätzungen korrigiert, Verlustbringer abgestoßen.

"Empire Späth Building"

Lothar Späth ist in den neuen Ländern zu neuem Ansehen gekommen. Glaubt man den Unternehmern der Region, scheint nichts ohne den Schwaben zu gehen. Er ist Ideengeber, Kontaktmann, Antreiber. Der Volksmund nennt das Jenoptik-Hochhaus mit einem Hauch von Bewunderung das "Empire Späth Building". Von seinem zweiten Wohnsitz aus, dem firmeneigenen Gästehaus, liegt dem vermeintlichen Alleinherrscher Jena zu Füßen. Das dürfte ihm gefallen.

Schon in Baden-Württemberg wurde er mit einem Kleinkönig verglichen. Seine Arbeit ist streng auf die eigene Person abgestellt: Präsentiert Späth die Jenoptik, ist meist der gesamte Vorstand dabei. Doch während der Chef mit seiner Lockerheit kokettiert, herrscht um ihn herum Schweigen. Der Betriebsrat hält ihn auch nach der harten Tarifauseinandersetzung im vergangenen Jahr für einen "Glücksfall".

Ein Leben ohne Arbeit sei für ihn nicht denkbar, hat Späth einmal behauptet. Erst nach harten Anstrengungen könne er auch die Gelegenheit zur Muße und zur Entspannung schätzen. "Der Mann ist ein Tausendsassa", beschreibt ihn ein langjähriger Mitarbeiter. "Der braucht keine Wochenenden."

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