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09.01.2003

08:05 Uhr

Der knapp 52-Jährige ist Chef des Konzerns Telia Sonera

Der umstrittene Besserwisser

VonHelmut Steuer

Telia-Sonera-Chef Anders Igel soll aus zwei Firmen mit sehr unterschiedlichen Kulturen einen starken Telekom-Konzern schmieden. In Schweden bezweifeln viele, dass Igel für den Job geeignet ist.

STOCKHOLM. Der Mann muss ein dickes Fell haben. Als Blutigel wird er bezeichnet. Und es sind vor allem seine Qualitäten als Wunderdoktor bei bösartigen Krankheiten, die ihm den an Blutegel erinnernden Namen eingebracht haben.

Anders Igel ist der Mann, der den fusionierten finnisch-schwedischen Telekom-Konzern Telia Sonera mit seinen knapp 30 000 Mitarbeitern für die Zukunft rüsten soll. Er muss aus zwei staatlich kontrollierten, schwerfälligen Unternehmen einen dynamischen Konzern formen, der im Konzert der Telekom-Giganten zumindest die zweite Geige spielen kann.

Die Fusion der beiden Ex-Monopolisten ist in trockenen Tüchern, die erste grenzüberschreitende Telekom-Ehe in Europa. Doch nun wartet harte Arbeit auf Igel. Er muss zwei völlig unterschiedliche Unternehmenskulturen unter einen Hut bringen: finnischer Pragmatismus gegen schwedisches Konsensbestreben auf allen Ebenen. Außerdem galt Sonera bis vor kurzem als eine High-Tech-Perle unter den europäischen Telekom-Gesellschaften. Telia hingegen konnte bis heute den Mief einer Behörde nicht ablegen.

Igel hat die operative Leitung von Telia am 1. Juli vergangenen Jahres übernommen. Seitdem hat er seinen Rotstift mehrfach gezückt, hat die schwer defizitäre Breitband-Sparte zusammengestrichen und Tochterunternehmen im Ausland kräftig abgespeckt. Er wird den finnischen und schwedischen Staat als Hauptaktionäre aber von weiteren Stellenkürzungen überzeugen müssen.

"Kann der Schlachter von Ericsson zum Heiler von Telia werden?" fragte ein großes schwedisches Wirtschaftsmagazin, nachdem Igel im vergangenen Sommer sein Amt als Telia-Chef und designierter Boss von Telia Sonera antrat. Nein, die Presse geht nicht zimperlich mit um, bemüht immer wieder den Vergleich mit den kleinen, Blut saugenden Tierchen.

In seinem Heimatland Schweden zweifeln viele, dass der knapp 52-jährige Ingenieur und Ökonom die richtige Wahl für den Chefposten des siebtgrößten europäischen Telekom-Konzerns ist. Man brauche einen Visionär, keinen Sanierer, sagen die Skeptiker.

Der Gescholtene selbst gibt sich zugeknöpft. Er betont aber mehrfach, er habe aus seinen Fehlern gelernt. Er meint damit seine Zeit beim Telekomkonzern Ericsson, wo Igel 20 Jahre lang gewirkt hat. Zunächst arbeitet er als Entwicklungsingenieur, später geht er für das schwedische Vorzeigeunternehmen nach Südamerika, Südostasien, Großbritannien und in den Nahen Osten. Zuletzt ist er als stellvertretender Konzernchef verantwortlich für den starken Stellenabbau im Netzbereich.

Schon während seiner Ericsson-Zeit fällt Igel auf. Und um ein Haar wäre er fast neuer Konzernchef beim Telekomriesen geworden. Fast - denn dann formiert sich intern Widerstand gegen ihn. Ein Unternehmen wie Ericsson brauche einen Chef, der mit seinen Mitarbeitern kommunizieren könne, heißt es. Genau diese Fähigkeit spricht man Igel ab. Auf Personalsitzungen, in denen über Stellenstreichungen geredet werden sollte, taucht er mit Leibwächtern auf und verschwindet, bevor beunruhigte Mitarbeiter ihre Fragen stellen können.

"Kein typischer Schwede", meinen denn auch seine damaligen Mitarbeiter. Tatsächlich hebt sich der stets überkorrekt gekleidete Manager von seinen Kollegen im legeren Schweden ab. Er arbeitet zielorientiert und effektiv, sagen seine Fürsprecher. Von Alleinherrschaft und Kommunikationsschwächen sprechen die Gegner. Und von ihnen hat der "Besserwisser", wie er von Ericsson-Kollegen auf dem Korridor bisweilen genannt wurde, nicht wenige. Bei Ericsson galt er als Sanierer oder, wie ein Gewerkschaftsvertreter im Unternehmen sagt, als "Meister im Stellenabbau". Die Sparprogramme führte er geradlinig durch, ließ aber nach Aussagen von Betroffenen jegliches Mitgefühl vermissen.

"Ich habe aus meinen Fehlern gelernt", beteuert Igel heute. Viele zweifeln daran, denn auch als Chef des Büromaterialherstellers Esselte untermauerte er sein Rotstift-Image.

Der früher oft unsicher und schüchtern wirkende Manager hat mittlerweile - offenbar mit Hilfe von Medienberatern - an sich gearbeitet. Heute versucht der verheiratete Vater dreier Töchter Gefühle zu zeigen, spricht auch schon einmal über seine Leidenschaft für den Golf- und Segelsport.

Ob das aber reicht, um den größten Telekom-Konzern Nordeuropas zu führen, muss sich erst noch zeigen. Mehr als eine Million Kleinaktionäre werden ihm genauestens auf die Finger schauen.

Vita

Am 22. März 1951 geboren, absolviert er in Stockholm eine Ingenieursausbildung an der Königlich Technischen Hochschule und ein Zusatzstudium der Wirtschaftswissenschaften. Er startet in der Entwicklungsabteilung von Philips in Schweden und wechselt 1978 zu Ericsson. Erst 1999 geht er zum Büroartikelhersteller Esselte nach London. Am 1. Juli 2002 wird er Chef von Telia. Seit Januar dieses Jahres ist er offiziell Chef des Konzerns Telia Sonera.

Quelle: Handelsblatt

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