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19.05.2000

11:50 Uhr

Der Konkurs ist kaum noch abzuwenden

Britische Internet-Firma Boo.com unter Zwangsverwaltung

Der Traum vom trendigen Internet-Kaufhaus ist geplatzt: Mit dem britischen Start-Up Boo.com ist eine der ehrgeizigsten europäischen E-Commerce-Gründungen gescheitert.

and Handelsblatt DÜSSELDORF/LONDON. "Haben Sie Lust, in einem dynamischen, internationalen E-Commerce-Unternehmen zu arbeiten?", warb das Londoner Internet-Modehaus Boo.com noch gestern auf seiner Homepage. Doch da standen die Jobs der rund 300 Boo.com-Beschäftigten schon auf der Kippe. Das Unternehmen hatte kurz zuvor mitgeteilt, es sei zahlungsunfähig und stehe unter Zwangsverwaltung. Experten fürchten, das Scheitern dieses ehrgeizigen E-Commerce-Projektes könne den Beginn einer europaweiten Pleitewelle bei Internetfirmen markieren.

Nach einer Studie von Pricewaterhouse Coopers wird in den kommenden 15 Monaten vielen jungen Firmen das Geld ausgehen. Jede vierte britische Dot.com-Firma werde bereits im nächsten halben Jahr aufgeben müssen. Angaben über die Höhe der Finanzlücke machte Boo.com nicht. Vor einiger Zeit hatte das Unternehmen erklärt, es benötige weitere 30 Mill. $, um zu überleben. Zu den Finanziers von Boo.com gehören unter anderem der französische Unternehmer Bernard Arnault mit 8 % sowie Benetton aus Italien mit 5%. Beide sind aber nach Informationen aus Bankenkreisen nicht bereit, weiteres Kapital in Boo.com zu investieren. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr rund 120 Mill. $ verschlungen. Einen für November geplanten Börsengang musste es verschieben. Auch ein rettender Käufer ist nicht in Sicht. Als möglicher Interessent wurde in London Adidas-Salomon genannt. Der deutsche Sportartikel-Hersteller nannte dies gegenüber dem Handelsblatt jedoch "völligen Blödsinn".

Die beiden Boo.com-Gründer, das schwedische Modell Kajsa Leander und ihr Landsmann Ernst Malmsten, waren Stars der Londoner Internet-Szene. Gestern erklärten sie kleinlaut "ihr tiefstes Bedauern", dass sie keine neuen Investoren auftreiben konnten. Als Zwangsverwalter sei die Beraterfirma KPMG eingesetzt worden. Inzwischen wurde heftige Kritik an dem Führungsduo laut, das nach Angaben eines Insiders das "Geld wie Wasser" ausgegeben und rauschende Feste im Londoner Edel-Bezirk Notting Hill gefeiert hat. Die Internet-Firma, die noch im Sommer 1999 mit 400 Mill. $ bewertet worden war, hat nach den Worten von Gründer Malmsten völlig die Kontrolle über ihre Kosten verloren. Das Aus des Unternehmens kann rund 300 meist jungen Angestellten den Job kosten, 200 davon in London. In der deutschen Filiale in München arbeiten 20 Menschen. Der Rest verteilt sich auf Büros in New York, Paris und Amsterdam.

Analysten fürchten, dass die Pleite die gesamte Internet-Branche in Europa negativ beinflussen könne. Nach jüngsten Börsen-Flops wie Lastminute.com, einem britischen Anbieter von Billig-Reisen und Rest-Tickets im Internet, ist Boo.com ein weiterer harter Rückschlag. "Viele Dot.com-Firmen werden versagen, aber einige werden auch sehr erfolgreich sein", sagte Lars Waagstein, Analyst von Jupiter zum Handelsblatt. Das Internet-Modehaus habe die technischen Herausforderungen nicht in den Griff bekommen und sei in zu vielen Ländern auf einmal gestartet. "Boo hat eine interessante Idee, war aber zu sehr der Zeit voraus und hatte zu hohe Ziele", so Waagstein. Die Anleger seien nicht mehr wie vor einem Jahr bereit, in jede E-Commerce-Firma zu investieren, sagte ein anderer Analyst: "Die sind jetzt viel kritischer."

John Soden von Pricewaterhouse Coopers sieht das ähnlich: "Die momentane Korrektur am Markt zeigt, dass die Investoren mehr und mehr auswählen, auf welche Internet-Aktien sie setzen." Einen Vorteil haben nach Ansicht der Experten die Firmen, die bereits an der Börse sind. Selbst Lastminute.com, deren Aktienkurs nach dem Börsengang um die Hälfte zurückgegangen ist, hat 131 Mill. £ durch die Emission eingenommen. Das Online- Auktionshaus QXL, das mit Ricardo.de fusionieren will, hatte nach dem Börsengang rund 80 Mill. £ in der Kasse, der größte britische Internet-Provider Freeserve 75 Mill. £. Für künftige Börsengänge im Internetbereich werde es aber nach der Boo.com-Pleite sehr schwer, so die Analysten.

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