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24.05.2000

09:00 Uhr

Der "Kostenkiller" arbeitet mit missionarischem Eifer

Profil: José Ignacio López, der baskische Revolutionär

VonChristian Potthoff

Über kaum einen Manager gehen die Meinungen so weit auseinander wie über den früheren VW-Vorstand: Die einen nenen ihn "Würger", die anderen "Superlópez". Jetzt erhebt die US-Justiz Anklage.

Eigentlich war das Kapitel López längst abgeschlossen. Die Darmstädter Staatsanwälte stellten ihre Ermittlungen ein, Volkswagen (VW) und General Motors (GM) schlossen außergerichtlich Frieden. Nur die US-Justiz lässt offenbar nicht locker: Sieben Jahre nach seinem Wechsel von GM zu VW hat ein Geschworenengericht aus Detroit José Ignacio López de Arriortúa wegen Betrugs und Dokumentendiebstahls angeklagt. Der "Kostenkiller" habe damals streng geheime Unterlagen mitgehen lassen.

Der Vorwurf ist nicht neu, gleichwohl wollen die USA jetzt in Spanien sogar auf die Auslieferung des inzwischen 59-jährigen Basken drängen. Dies wäre ein umrühmliches Schicksal für einen Mann, der sich einst anschickte, die Automobilbranche zu revolutionieren.

Mit geradezu missionarischem Eifer setzte López Kostensenkungen im Einkauf durch, die ihm in der Zulieferbranche den wenig schmeichelhaften Titel "Würger" einbrachten. Genau so berühmt wie sein Kostenmanagement sind seine Arbeitsmethoden. Seine engsten Mitarbeiter bezeichnete er gar als "Krieger".

Weltweites Aufsehen erregte der Ingenieur mit seinem Wechsel von GM zu VW. Beeindruckt von den Erfolgen des Spaniers bei der Konkurrenz holte Konzernchef Ferdinand Piëch ihn nach Wolfsburg. Als Vorstand für Produktionsoptimierung und Beschaffung sollte der in Spanien als "Superlópez" verehrte Manager den lahmen VW-Konzern auf Vordermann bringen. Doch was als Verpflichtung eines aggressiven und überaus erfolgreichen Kostendrücker gedacht war, geriet im Laufe der Zeit zu einer juristischen Schlammschlacht. Opel und GM stellten Strafantrag wegen Geheimnisverrats, VW antwortete mit einer Gegenklage. Um den beträchtlichen Imageschaden für beide Seite nicht noch größer werden zu lassen, beendeten die beiden Autokonzerne das juristische Scharmützel.

Nach seinem unrühmlichen Ausscheiden bei VW machte sich López als Berater selbstständig. Seitdem tauchen gelegentlich Pressemeldungen auf, wonach er bei Firmen als Sanierer im Gespräch ist. Ein schwerer Autounfall schien dann Anfang 1998 das Ende seiner Karriere zu bedeuten. Doch schon bald danach machte der tief religiöse Baske, der angeblich dem in Spanien recht einflussreichen Opus Dei nahe steht, mit neuen Plänen für seine Vision eines eigenen Autowerks von sich reden. So wollte er in dem ehemaligen Renault-Werk im portugiesischen Setubal ein von ihm konzipiertes Auto namens "Carmen" bauen. Im vergangenen Jahr enthüllte er sogar Pläne für drei Fabriken in Spanien, Brasilien und Indien, die zusammen 900 000 Autos herstellen sollten- angesichts der gewaltigen Überkapazitäten in der Branche ein ziemlich kühner Plan.

Konkrete Schritte auf dem Weg zu den neuen Fabriken sind denn auch bislang nicht bekannt. Dass López sein Traumprojekt unter dem Damoklesschwert eines Gerichtsverfahrens in den USA jemals umsetzen kann, ist unwahrscheinlicher denn je. Abzuwarten bleibt aber, ob Spanien Lopéz überhaupt an die USA ausliefert. Nach Angaben seines Anwalts Plato Cacheris leidet er noch immer unter Folgen des Autounfalls. López habe einen bedeutenden Gedächtnisverlust und sei nicht mehr der Mensch, der er einmal war.

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