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27.01.2002

19:04 Uhr

Der künftige VW-Chef im Interview

Pischetsrieder: „Ich will Menge, Marktanteil und Margen“

Für den designierten VW-Chef Pischetsrieder sind neun Prozent Kapitalrendite im Konzern das maßgebliche Ziel. "Entscheidend ist, dass die Marken das ins Produkt investierte Kapital zurückverdienen", sagte er in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Bernd Pischetsrieder

Bernd Pischetsrieder

HB: Herr Pischetsrieder, im April treten Sie die Nachfolge von Ferdinand Piëch an der VW-Spitze an. Haben Sie ihn als künftigen Aufsichtsratschef schon zur Zurückhaltung verpflichtet?

Pischetsrieder: Herr Piëch hält sich ja heute schon mehr zurück, als viele erwartet haben. Man muss sich nur über die jeweiligen Verantwortlichkeiten im Klaren sein und sie sauber regeln. Ich gehe davon aus, dass das schon jetzt geklärt ist.

HB: Haben Sie sich schriftlich geben lassen, dass er sich nicht zu stark in Ihre Aufgabe einmischt?

Pischetsrieder: Papier hilft nicht, das Gefühl muss stimmen. Im Übrigen habe ich Herrn Piëch nie so eingeschätzt wie die Öffentlichkeit. Herr Piëch überlässt mir auch heute schon die wichtigen Entscheidungen, die in meine Amtszeit hineinreichen.

HB: Das haben Sie bei BMW mit Eberhard v. Kuenheim schon anders erlebt.

Pischetsrieder: Dort wurde ich praktisch am Tag der Amtsübergabe berufen, also waren manche Pflöcke vorher eingeschlagen. Dass es meinem Nachfolger ebenso erging, war natürlich Zufall . . . Was mich betrifft: Man lernt ja aus Erfahrung und sollte die gleichen Fehler nicht zweimal machen.

HB: Was sind sonst die wichtigsten Unterschiede zwischen VW und BMW?

Pischetsrieder: Ein wichtiger Unterschied ist, dass die Segmentierung und damit Kundenorientierung bei BMW eine größere Rolle spielte. Volkswagen hat lange praktisch von einem Modell gelebt, zuerst vom Käfer, dann vom Golf. Das wirkt bis heute nach. Der Konzern beschäftigt sich erst im letzten Jahrzehnt damit, die Modellpalette zu erweitern und neue Kundengruppen zu gewinnen. BMW musste viel früher Kunden akquirieren und sie daher besser kennen. Da hatte VW Nachholbedarf. Wenn nur noch die Entwicklungsingenieure die feinen Unterschiede zwischen den Autos entdecken, hat der Kunde ebenso wenig davon, wie wenn bei sonst gleichen Fahrzeugen nur Bleche anders gebogen sind.

HB: Dieses Defizit wollen Sie durch die Teilung in zwei Markengruppen beseitigen. Was macht die Gruppen aus?

Pischetsrieder: Nein, es geht nicht um ein Defizit, sondern um die Nutzung zusätzlicher Chancen. Es geht um den Auftritt dem Kunden gegenüber und um dessen Wahrnehmung. Bisher haben wir die Frage nicht ausreichend beantwortet, warum er welches Modell kaufen will. In Zukunft sollen sich die Programme von VW, Skoda, Bentley und Bugatti auf der einen sowie Audi, Seat und Lamborghini auf der anderen Seite möglichst ohne Überschneidungen ergänzen. Wir wollen ein jeweils komplett komplementäres Modellprogramm, das mindestens 85 Prozent aller Marktsegmente abdeckt. Heute sind es etwas weniger als 75 Prozent, wobei wir in den stark wachsenden Märkten gar nicht vertreten sind.

HB: Dann sind die Schauräume voller. Und was bringt es sonst?

Pischetsrieder: Menge, Marktanteil und Margen. Unser Ziel ist es, auch in Segmenten wie Geländewagen, Vans oder Roadster unsere heutigen Marktanteile in den von uns besetzten Segmenten zu erreichen. Dann hätten wir nicht - wie heute - 12,5 Prozent sondern mehr als 14 Prozent Anteil am Weltmarkt. Aber das wird nicht in fünf Jahren der Fall sein können, denn Ertrag geht vor Menge.

HB: Und man kommt dahin, indem man Marken zu Gruppen erklärt und jeweils einen Chef ernennt? Mehr scheint ja nicht passiert zu sein.

Pischetsrieder: Sagen wir, es ist nichts passiert, was nach außen Signifikanz entwickelt hätte. Aber wir haben zum Beispiel die Aufsichtsratsmandate bei den Tochterfirmen neu verteilt und die Produktplanung neu organisiert. Was wo gemacht wird, wird auf Konzernebene entschieden. Deshalb hat zum Beispiel Herr Winterkorn, der neue Chef bei Audi und der dazugehörigen Sparte, im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch einen Sitz im Konzernvorstand.

HB: Der Vorgänger war Franz-Josef Paefgen, und Piëch hat ihn wegen zu viel Eigenständigkeit öffentlich abgewatscht.

Pischetsrieder: Das haben nur Sie gesagt. Da wurde von den Medien eine Menge an Spekulationen hineininterpretiert. So, wie ich das sehe, ist von zu viel Eigenständigkeit bei Audi nicht die Rede - was den Kundenauftritt betrifft, sehe ich eher das Gegenteil.

HB: Die Chefs der Tochtermarken werden also nicht entmachtet?

Pischetsrieder: Sie sind für das Markenmanagement - die Schärfung des Produktprofils - verantwortlich und geben damit natürlich weiter die Anregungen für die Produktentwicklung. Schließlich kennen sie ihre Kunden am besten. Aber der Weg führt über den Konzernvorstand.

HB: Seat und Skoda sind keine Ertragsperlen. Wie sollen sie ohne größere Autos überhaupt die vorgegebenen 6,5 Prozent Umsatzrendite schaffen?

Pischetsrieder: Das ist genau die Herausforderung. Wir müssen die Paradigmen ändern. Das Renditeziel jeder einzelnen Marke war aus dem Konzernziel abgeleitet und führte für Seat und Skoda zur logischen Notwendigkeit, auch in die größeren Fahrzeugklassen einzusteigen. Dem Konzern als Ganzes hat das nicht unbedingt geholfen. Deshalb wird in Zukunft alles, was die Marken vorschlagen, auf der Konzernergebnisebene beurteilt. Was der Konzern insgesamt verdient, ist entscheidend, nicht das Ergebnis einzelner Marken.

HB: Bleibt die Umsatzrendite die für Sie entscheidende Kenngröße?

Pischetsrieder: Gegenfrage: Was sagt diese Zahl? Man kann 6,5 Prozent Umsatzrendite erzielen und trotzdem illiquide sein. Entscheidend ist, dass die Marken das ins Produkt investierte Kapital zurückverdienen. Für mich sind deshalb neun Prozent Kapitalrendite im Konzern das maßgebliche Ziel.

HB: Und wenn es großen Marken nützt, müssen die kleinen zurückstecken?

Pischetsrieder: Es geht nicht um große und kleine Marken. Aber es ist immer besser und billiger, einen starken Bereich zu stärken als einen schwachen.

HB: Ihr Blick auf die Kapitalrendite wird die Börse freuen. Wolfsburg war bisher ja nicht gerade ein Hort des Shareholder-Value.

Pischetsrieder: Natürlich ist es unser Ziel, den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern. Aber ich habe schon 1994 gesagt, dass der kurzfristige Börsenkurs kein Unternehmensziel ist, sondern die nachhaltige Steigerung des Unternehmenswertes. Dem wird jedenfalls auch über einen längeren Zeitraum die Börsenkapitalisierung folgen. Es wird oft so getan, als sei ein Aktionär automatisch ein Unternehmer. Das stimmt nicht. Er ist ein Investor, der Renditeziele in einer von ihm definierten Periode erreichen will. In unserer Branche kommt das Geld aber erst sechs, acht Jahre nach der Investitionsentscheidung zurück. Deswegen sind wir als Autoindustrie an der Börse ja auch nicht gerade in Mode.

HB: Ist die Börsenbewertung etwa nicht der entscheidende Maßstab?

Pischetsrieder: Der Unternehmensberater Fredmund Malik hat gesagt, in einer reifen Industrie könne letztlich jeder über die notwendigen Finanzmittel und Technologien verfügen. Damit kann man sich nicht dauerhaft differenzieren. Der Wert des Unternehmens sind treue Kunden. Sie sichern Beschäftigung und Erträge - für das Unternehmen und seine Aktionäre. Erträge fangen für mich erst da an, wo die Zukunft des Unternehmens und damit auch das Kapital der Aktionäre gesichert ist.

HB: Und die Zukunft des Unternehmens ist gefährdet, wenn ein kümmerlicher Aktienkurs zur Übernahme einlädt.

Pischetsrieder: Der Aktienkurs ist kein Maßstab. Bei Mannesmann hat sich der Aktienkurs immerhin in kürzester Zeit verzehnfacht, und trotzdem ist das Unternehmen übernommen worden.

HB: Solche Sorgen müssen Sie mit dem VW-Gesetz im Rücken ja nicht haben.

Pischetsrieder: Das VW-Gesetz ist ein Bundesgesetz. Insofern bin ich der falsche Ansprechpartner für diese Frage. Aber meiner Meinung nach ist es ein Symbol, das in seiner Bedeutung falsch eingestuft wird.

HB: Immerhin bewirkt es, dass niemand mehr Stimmen als das Land Niedersachsen hat.

Pischetsrieder: Gesetz hin oder her, wenn morgen jemand mit 55 Prozent käme, wie lange könnte man wohl Politik gegen ihn machen? Außerdem lässt sich das Höchststimmrecht mit einem Partner sofort aushebeln. Es ist doch kein Problem, zum Beispiel eine Investment-Bank zu finden, die einem potenziellen Übernehmer das Stimmrecht ihres Kontingentes von 20 Prozent der Anteile für die Dauer einer Hauptversammlung zur Verfügung stellt. Nein, viel wichtiger als das Gesetz ist das Land Niedersachsen als Großaktionär. Das ist für uns ein unternehmerischer Aktionär und eben kein kurzfristiger Investor.

HB: Sie freuen sich über den Staat als Unternehmer?

Pischetsrieder: Bei BMW gab und gibt es die Familie Quandt als Großaktionär. Für mich ist der Vergleich mit dem Land Niedersachsen hochinteressant, beide argumentieren nämlich nach meiner Erfahrung exakt gleich - das heißt, unternehmerisch.

HB: Würde VW ohne das Land als Großaktionär nicht höher bewertet?

Pischetsrieder: Das Unternehmen steht an den Kapitalmärkten so da, weil die Anleger bei der Landesregierung andere Interessen vermuten, als sie ein Investor hat. Es ist auch die Aufgabe des Vorstands, den scheinbaren Widerspruch zu widerlegen.

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