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10.05.2000

10:43 Uhr

Der Marathon-Mann hat ein Faible für Zahlen

Profil: Ulrich Lehner - Chef des Persil-Herstellers Henkel

Der Mann ist ehrgeizig und er hat Ausdauer. Mit gleich fünf Berufsausbildungen hat Ulrich Lehner, seit heute neuer Chef des Waschmittel- und Chemiekonzerns Henkel in Düsseldorf, die Grundlage für eine schnelle Industrie-Karriere gelegt. Nicht zufällig ist der Marathon-Lauf sein Lieblingssport. Am legendären New York Marathon hat er schon vier Mal teilgenommen, zuletzt 1998 gemeinsam mit seinen drei Kindern. In weniger als fünf Stunden war Lehner am Ziel. Ein Erfolg nach Plan: Zielstrebig bereitete er sich auf den Lauf der Läufe vor.

Auch die Karriere verlief bislang planmäßig. Am Beginn steht allerdings ein Kompromiss: An der TH Darmstadt schreibt sich Lehner für Wirtschaftsingenieurwesen ein. Doch die Familie wünscht, dass er einen kaufmännischen Beruf ergreift. Lehners Interesse gilt aber der Welt der Zahlen, der Mathematik und der Physik. Kein Problem für ihn: Nach nur sechs Jahren schließt er seine wissenschaftliche Laufbahn als Dr. rer. pol., Diplom-Wirtschaftsingenieur und Diplom-Ingenieur ab. Die Lokomotive, auf der er wegen Recherchen für seine Diplomarbeit (Thema: "Auswirkung der Dienstdauervorschrift der Bahn auf Eisenbahnunfälle") mitfährt, hat für Lehner Symbolcharakter.

Einmal unter Dampf geht es zügig weiter. Nach der Hochschule sattelt Lehner noch die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer und Steuerberater drauf. Seine erste berufliche Station absolviert er bei der Deutschen Treuhand-Gesellschaft in Düsseldorf. Im Mai 1981 wechselt er zu Henkel als Leiter Beteiligungen Inland. Knapp 14 Jahre später - unterbrochen von einem zweieinhalbjährigen Ausflug zu Krupp - wird er Finanzchef beim Persil-Hersteller. Vom Finanzchef zum Vorsitzenden der Geschäftsführung und damit in einer KGaA zum persönlich haftenden Gesellschafter ist es für einen mit Lauf-Erfahrung dann nur noch ein Katzensprung. Im Januar 1999 wird Lehner zum Nachfolger von Hans-Dietrich Winkhaus gekürt. Mit der gestrigen Hauptversammlung erfolgte offiziell die Stabübergabe.

Schon ein halbes Jahr hat Lehner im Hintergrund gewirbelt. Ende 1999 steckte er die künftige Lauf-Route gegenüber dem Betriebsrat ab: striktes Kosten-Management. Auch eine Frage unterschiedlicher Temperamente: Hier Lehner, verliebt in die Zahlen, dort Winkhaus, der in Bilanzpressekonferenzen schon mal Goethe zitiert. Keine Frage, mit dem Führungswechsel gibt es bei Henkel auch einen Stil-Wechsel.

Doch jetzt sind die Nehmer-Qualitäten des 54-Jährigen gefragt. Henkel ist keine normale Aktiengesellschaft, hier herrscht der Henkel-Clan. Zwar heißt das Motto: "Firma geht vor Familie". Doch der Vorsitzende der Geschäftsführung der Henkel KGaA ist bei weitem nicht so unabhängig wie der Vorstandschef einer großen Publikumsgesellschaft, diktiert Albrecht Woeste, in Personalunion Vorsitzender des Aufsichtsrates und des Gesellschafterausschusses, Journalisten gerne in den Notizblock. "Wir halten das Management at arms length," ergänzt Christoph Henkel, Woestes Stellvertreter bei den Gesellschaftern. Nicht gerade eine sexy Story für die Börse. Hinzu kommt: Bis 2016 hat sich die Familie verpflichtet, keine Aktien zu verkaufen. Auch dies ein Verzicht darauf, die Henkel-Aktie attraktiver für Anleger zu machen. Doch der Druck der Börsianer steigt. Sie erwarten Maßnahmen, dem müden Kurs Beine zu machen.

Ausgestattet mit einem Besen, den ihm der Betriebsrat überreichte, ist Zahlen-Mann Lehner angetreten, um für neuen Schwung im Markenartikelkonzern zu sorgen. Zunächst will er die Strukturen vereinfachen und schlagkräftigere Einheiten schaffen. Die Ausgliederung der Chemiesparte in eine eigene Aktiengesellschaft gibt die Richtung vor. Um sich das Geld für das nötige internationale Wachstum zu besorgen, wird über eine Aufspaltung des Konzerns in Tochtergesellschaften nachgedacht, die entweder an die Börse oder in ein Joint-Venture eingebracht werden können. Übrig bliebe dann die Henkel KGaA als Holding. Keine Frage, Lehner hat viel vor. Für seinen Düsseldorf-Marathon erhielt der neue Henkel-Chef jetzt die Startfreigabe.

Von AXEL GRANZOW

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