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02.01.2002

19:02 Uhr

Der Marketingspezialist ist Vorstandschef von Villeroy & Boch

Boch-Galhau: Der moderne Unternehmensfürst

VonChristoph Hardt

Er ist zwar in seinem heutigen Büro zur Welt gekommen. Doch erst als 56-Jähriger zieht er ins Chefzimmer ein. Er will Villeroy & Boch zur großen Lifestyle-Marke machen.

Unternehmeradel verpflichtet. Schon möglich, dass Wendelin von Boch-Galhau gerade deshalb so unaufgeregt daherkommt. In der alten Abtei Mettlach, wo die Familien Villeroy und Boch am Ufer der Saar seit Napoleons Zeit Keramik brennen, empfängt der Vorstandschef seine Gäste freundlich und entspannt, beinahe so, als dürfe man sich zu Hause fühlen. Hier, wo die Tradition an jeder Kachel klebt - und es gibt natürlich Abertausende -, hier also pflegt von Boch einen Führungsstil, den man klassisch modern nennen sollte. Er selbst gibt sich locker, aber gepflegt, und legt Wert auf Stil.

Davon zeugt sein Büro im südwestlichsten Zipfel des barocken Hauptgebäudes. Bis heute heißt dieser Flügel Generaldirektion - was auf den ersten Blick einem Stilbruch gleichkäme, hieße das Unternehmen nicht Villeroy und Boch AG (V&B). Vor allem aber ist Wendelin von Boch vor 59 Jahren in diesem Zimmer auf die Welt gekommen. Die 59 sieht man ihm nicht an; dass er hier wirklich daheim ist, schon. Wohl deshalb hält der schöne Raum die Spannung aus: zwischen intimer Atmosphäre und kühler Sachlichkeit, zwischen Familienmuseum und Konzernzentrale, Ahnenporträt in Öl und Videoscreen an der Wand.

Diese Spannung in Energie für das Unternehmen umzuwandeln, das ist das Erfolgsgeheimnis des Mannes, der die Familien-AG nun in achter Generation führt. Seit 32 Jahren ist er bei V&B. In dieser Zeit ist aus Deutschlands ältestem noch existierenden Industriebetrieb ein profitabler Weltkonzern mit mehr als 10 000 Mitarbeitern geworden, der in 125 Ländern aktiv ist.

Milliarden-Hürde war zu hoch

"Wir erleben hier eine ganz harte Zeit", erklärt von Boch. Es zeugt von Stil, dass er nicht zeigt, wie stark ihn das mitnimmt. Schließlich hat er sein großes Ziel, im vergangenen Jahr den Konzernumsatz erstmals auf mehr als eine Milliarde Euro zu steigern, aufgeben müssen. "Wir sind immer noch erheblich besser dran als die Konkurrenz", fügt er aber hinzu.

Schließlich ist es auch ihm zu verdanken, dass V&B fast zwei Drittel seines Umsatzes jenseits der Grenzen erzielt. Das macht ihn zumindest unempfindlicher gegenüber der lahmen deutschen Konjunktur. Die noch kleine vierte Sparte "Wellness" ist das Steckenpferd des Chefs. Er will V&B zu einem Komplettausstatter für moderne Badezimmer wandeln. Deshalb kauft er Bad-Firmen in ganz Europa auf. Das hat dazu beigetragen, dass der Konzern im abgelaufenen Jahr noch ein Umsatzplus von vier Prozent geschafft hat.

Wendelin von Boch selbst hat schon schlimmere Zeiten erlebt. Sein Annus horribilis ist 1993. Das Unternehmen gerät fast in eine Existenzkrise. Mit Dumpingpreisen treibt die italienische Konkurrenz die Fliesensparte fast in den Ruin. Von Boch, Vorstand der florierenden Geschirrsparte, gilt beim Führungswechsel als Thronfolger - und fühlt sich eine Nummer zu sicher. Erstmals nach sieben Generationen kommt mit Jörg Grüneisen einer an die Spitze, der nicht zur Familie gehört.

Nur scheinbar gutbürgerlich

Fünf Jahre dauert dieses wenig glorreiche Interregnum, dann schlägt 1998, im Jahr des 250. Firmengeburtstags, die Stunde Wendelin von Bochs. Der Marketingspezialist krempelt den Konzern um: Statt der Ausrichtung nur auf Keramikerzeugnisse in und am Haus weitet er das Angebot aus und konzentriert es unter der Marke "House of Villeroy & Boch". Die Analysten sind zufrieden. Die Firma sei kein Bauzulieferer mehr, sondern konzentriere sich auf teure und innovative Qualitätsprodukte, sagt Hans-Peter Schupp, Fondsmanager bei Julius Bär.

Aus dem Heißsporn aus gutem Hause mit der Vorliebe für schnelle Autos ist ein auf den ersten Blick ziemlich normaler Manager geworden, ein flotter allerdings. Sein Lebensstil ist nur scheinbar gutbürgerlich: Wer etwas sein will im Saarland, der geht mit Wendelin zur Jagd. Und den AstonMartin fährt er noch heute wie den Maserati. Zur Arbeit aber kommt der Vater von vier Kindern brav im BMW.

"Ich bin der Familie dankbar, dass ich den Job habe", sagt er. Aber wenig später erklärt er, dass es ein Fehler war, nur für die Familie zu arbeiten. Dass er aber am richtigen Platz ist, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Er will Villeroy & Boch zur "maßgeblichen europäischen Lifestyle-Marke" machen. Es sei eine Lust, für die Firma zu arbeiten, tönt er. Dass Tradition eine Last sein kann, darüber spricht er nicht - Unternehmeradel verpflichtet eben.

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VITA

Wendelin von Boch-Galhau, vor 59 Jahren in Mettlach/Saarland geboren, fängt nach seinem BWL-Studium in Sankt Gallen gleich bei Villeroy & Boch an. Schon mit 27 Jahren leitet er die Geschirrfabrikation. Von Anfang an verkauft er Ideen und macht mit Stil Geschäfte. Schon 1993 will er auf den Chefsessel, aber ein Externer erhält den Vorzug. Fünf Jahre später ist von Boch an der Reihe. Er krempelt die Firma um und kauft zu.

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