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26.05.2000

16:07 Uhr

Für Detlev Günther sind es die "Prothesen" der Multimediawelt: Cyberhelm und 3D-Brille, Datenhandschuh und auch die berühmte Maus. Wenn es so läuft, wie es sich der 41-jährige Gründer und die Multimediamacher der Berlin Twosuns Media Development GmbH vorstellen, werden sie demnächst Fälle fürs Technikmuseum sein. Multimedia wird dann ohne Monitor, Maus und Menüleisten auskommen.

Das neue Medium, das die Gründer entwickelt haben, ist ein intuitiv arbeitendes Echtzeitsystem. Via Infrarot-Sensoren reagiert es allein auf die Bewegung des Nutzers, der auf diese Weise multimedial aufbereitete Informationen abrufen kann, die in einen Raum projiziert werden. Das System ist eine Art Tor zur virtuellen Welt, die man selbst im realen Raum erlebt und gestaltet. Anwendung: Egal, ob Ausstellungen, Schulungen, Messen, Verkauf, Unterhaltung; alles ist denkbar.

Seit drei Jahren arbeiten Andreas Bohn (35) und Detlef Günther (41) in einem Büroloft im Berliner Stadtteil Friedrichshain an der Multimedia-Zukunft. Auf einer Party vor acht Jahren waren sie sich über den Weg gelaufen, verbissen sich in ihre Idee, wurden Partner und gründeten eine Agentur für CD-Rom-Entwicklung und 3D-Animation. Und schon damals war ihnen klar: Wenn jemals aus der Idee ein marktfähiges Produkt werden sollte, muss es patentiert werden. Klingt auf den ersten Blick leicht hinterwäldlerisch in einer Hochgeschwindigkeits-Netzwelt, in der morgen schon veraltet, was heute entwickelt worden ist. Ein kostspieliger Konservatismus? "Nein, denn wir haben Grundlagenforschung geleistet und alles auf eine Karte gesetzt. Unsere Idee ist wiedererkennbar, es ist eine Methode und nicht bloß eine neue Art der Internetnavigation, die man sich wirklich nicht patentieren lassen muss", erklärt Günther.

Und so traf das neue Schnelle auf das alte Behäbige. Zeit für den Bummel-Behördenblues. Zweieinhalb Jahre lang dauerte die Anerkennung des Patents. Rückblickend erscheint da die eine Woche, in der Bohn zusammen mit dem Patentanwalt die Twosuns-Idee in Rechtsdeutsch übersetzte, recht überschaubar. Das Ergebnis geriet allerdings recht üppig: Einen dicken Leitzordner dauerte es, bis "Enclued", das Softwaresystem, das reale Räume zu interaktiven, multimedialen Präsentationsflächen macht, juristisch aufgedröselt war.

Die Gründer hatten Glück: Ihr Patentanwalt hatte Verständnis für die Idee und war begeisterungsfähig. "Das zeigt sich schon daran, ob einer die richtigen Fragen stellt", sagt Bohn und empfiehlt, den Patentanwalt sorgfältig auszusuchen. Der Jurist und andere, dievon den Beiden in ihr Vorhaben einweiht wurden, seien überzeugt gewesen, dass sie die goldene Kugel in der Hand hätten. Ein Patent macht dann Sinn, wenn für das Produkt ein dauerhafter, voluminöser Markt zu erwarten ist", begründet Günther die Entscheidung. Deshalb haben sein Partner und er von vornherein die Kosten für das Patent, das ein weltweites sein musste, mit einkalkuliert - und sich doch beinahe verhoben. 220 000 Mark mussten Günther und Bohn für die Sicherheit vor dem Ideenklau auftreiben.

Günther, freischaffender Künstler, und Bohn, frustrierter Kaufmann, dem das "Körperschaftssteuerrecht zu öde geworden" ist, hatten anfangs noch nicht einmal pralle Sparkonten. Doch sie fanden Martin Krahl, der widerum ihre Idee faszinierend fand, auch wenn er nicht alles verstand. Er legte 200 000 Mark auf den Tisch, was für die Entwicklung eines ersten Prototyps ausreichte.

Prototyp, Patent und Perfektionierung - das waren drei Wünsche auf einmal und mindestens zwei zu viel. Es drohte die Pleite. "Wir waren zu überzeugt", analysieren die Gründer rückblickend ihren Fehler. "Wir dachten, in diesem Bereich Venture Capital zu bekommen, sei kein Problem und haben uns zu spät gekümmert", erinnert sich Günther. Auch war die Entwicklung schwieriger als gedacht und dauerte doppelt so lange wie geplant. Acht Monate Wachkoma für die junge Firma folgten. Bei 250 000 Mark Schulden war es schwer, Banken zu überzeugen und an Beteiligungskapital zu kommen. "Wir mussten gegenüber unserer Bank richtig die Hosen runterlassen. Aber mittlerweile ist alles getilgt", sagt Günther. Seine schmerzliche Erfahrung: "Als freischaffender Künstler habe ich mehr verdient."

Als die Schulden nicht mehr das drängendste Problem waren, stieg die Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft (tbg) der Deutschen Ausgleichsbank und die VDI/VDE Informationstechnik GmbH-Technologiezentrum (VDI/VDE-IT) ein. Und die Gründer bekamen auf Grund ihrer detaillierten Grundlagenforschung einen Zuschuss im Rahmen des Forschungsprogramms Futur aus Bundesmitteln.

Aus dem Gröbsten ist das 17-Mitarbeiter-Unternehmen zwar raus, nun aber folgt die entscheidende Phase der Vermarktung. "Die gleiche Summe, die wir in die Entwicklung gesteckt haben, haben wir noch mal für das Marketing zusammengekratzt", sagt Günther. Das Buhlen um Venture-Capital--Geber ging gerade in die dritte Runde, war diesmal aber deutlich einfacher. "Erstens haben wir ein fertiges Produkt und zweitens ist es patentiert. Das schafft ungemein Vertrauen."

Um die Vermarktung voranzutreiben, blickt die Firma in die USA, weil sie sich dort ein verständigeres Publikum verspricht. "Wer Visionen hat, der sollte in die USA gehen, da ist die Risikobereitschaft viel höher. Das haben wir begriffen. Wenn auch zu spät".

In Deutschland hält sich der Erfolg bislang in Grenzen. Der Versuch, sich bei der Expo in Hannover zu präsentieren, schlug fehl. Sony aber sagte zu. Vom Sommer dieses Jahres an wird im Sony-Center am Potsdamer Platz ein erster begehbarer, interaktiver Raum eröffnet. Zu den Pionieren der "prothesenlosen Präsentation" wird im kommenden Jahr auch das Berliner Haus der Kulturen der Welt zählen, das das intelligente System für eine Dauerausstellung verwenden will.

Ihre Zukunft sehen die Twosuns jedoch eher international. Der Markt scheint ihnen geradezu unermesslich. Als Beispiel führen sie den Weltkonzern Procter & Gamble an, der drei Milliarden Mark jährlich in Produktpräsentationen steckt, oder die Millionen, die in aufwändige Messestände investiert werden, nur um sie nach zwei Wochen wieder abzubauen.

Messen und E-Commerce könnten sich zu echten Cash Cows entwickeln, hoffen die beiden Berliner Gründer. "Jetzt müssen wir weg vom Forschungslabor, hin zum ertragreichen Unternehmen. Wir müssen endlich Geld verdienen."

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