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15.01.2003

15:27 Uhr

Der nächste Ärger ist schon programmiert

Neue Bahn-Preise: Frust auf allen Ebenen

Einen Monat nach der bisher größten Reform der Deutschen Bahn stehen in der Bilanz dennoch vor allem verunsicherte Kunden, weiter lange Schlangen an Ticket-Schaltern, frustrierte Bahn-Beschäftigte sowie entnervte Bahn-Manager.

Foto: dpa

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HB/dpa BERLIN. Die Bahn-Expertin in dem Berliner Reisebüro beobachtet bei Kunden seit einem Monat immer mal ein Aha-Erlebnis: "Wie, das ist ja billiger als früher", staunten Bahn-Reisende etwa nach Frankfurt/M., München oder Düsseldorf. "Die haben die Schlagzeilen zum neuen Preissystem der Bahn im Kopf und merken, dass auf langen Strecken der Normalpreis selbst ohne Rabatte gesunken ist", sagt die Ticket-Verkäuferin. Fast entschuldigend fügt sie hinzu: "Wir haben hier überwiegend positive Erfahrungen gemacht."

Dass sie nicht repräsentativ ist, weiß auch die Reise-Expertin. Aber dass das seit 15. Dezember geltende und seither zumeist verrissene neue Preissystem der Deutschen Bahn auch positive Seiten hat, räumen selbst harte Kritiker wie die Stiftung Warentest oder der Fahrgastverband Pro Bahn ein. Einen Monat nach der bisher größten Reform der Deutschen Bahn stehen in der Bilanz dennoch vor allem verunsicherte Kunden, weiter lange Schlangen an Ticket-Schaltern, juristische Streitigkeiten über Art und Weise der Kritik, Politiker, die den "Volkszorn" aufgreifen, frustrierte Bahn-Beschäftigte sowie entnervte Bahn-Manager, die sich zu Unrecht angegriffen fühlen und und mit teuren Anzeigen um Zustimmung der "lieben Kunden" kämpfen.

Als Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor eineinhalb Jahren Grundzüge des neuen Preissystems vorstellte, setzten bereits erste Proteste ein. Die Vorgabe der Reformer, mit strengen Buchungsregeln für Rabatte die 1,7 Milliarden Kunden des Massenverkehrsmittels Bahn auf moderne Systeme wie bei Fluglinien zu trimmen, fand bis heute wenig Zuspruch.

Was die Bahn als neues Zeitalter feierte, das für Millionen Kunden Fernreisen so günstig wie noch nie machen sollte, löste seit dem 15. Dezember unter Verbraucherschützern und Verbänden eine Protestwelle nach der anderen aus. Neben der Stiftung Warentest, Pro Bahn, dem Verkehrsclub und Politikern haben Senioren, die Landjugend oder die Gesellschaft für Zeitpolitik Nachteile ausgemacht. Kern der massiven Kritik: Die Bahn habe zu viel versprochen und Stammkunden wie flexible Allein-, Viel- oder Wochenendfahrer verprellt.

Tatsache ist, dass die neuen Tarife Kunden wie Ticketverkäufern auch nach einem Monat noch einige Mühe machen. Für ein und dieselbe Fahrt werden nicht selten erhebliche Preisunterschiede ermittelt. Es sei zwar einfacher zu buchen, aber der Tarifdschungel sei nicht unbedingt gelichtet worden, sagen Verkäufer in Reisebüros. So gebe es-zig Sonder- und Einzelangebote etwa zu Messen oder "Städte-Hits", die nicht im Ticketsystem auftauchten. "Die muss der Verkäufer im Kopf haben. Da ist es für den Kunden schon Glück, dass auch wirklich das günstigste Angebot gefunden wird."

Oder der Streitpunkt kontingentierte Rabatt-Angebote: Es kommt durchaus vor, dass die Reservierungen für Plan&Spar-Preise mit Preisnachlässen zwischen 10 und 40 Prozent für die 2. Klasse vergeben sind, es für die 1. Klasse aber noch Kontingente gibt. Mit der Folge, dass 1.-Klasse-Fahrten dann sogar billiger sind als mit der 2. Klasse - wenn der Reisende dies erfährt. Auch berichten Kunden, dass sie an einem späteren Tag Erfolg bei Rabatt-Preisen hatten, nachdem sie zuvor noch beim selben Zug leer ausgegangen seien.

Selbst die Gewerkschaft Transnet, die Bahn-Mitarbeiter vor "unqualifizierter und populistischer Kritik" in Schutz nimmt und noch im Januar eine eigene Bilanz ziehen will, hat gravierende Probleme bei der Reservierung der günstigsten Preise ermittelt. Diese lägen aber vornehmlich an der Ausstattung mit EDV-Technik und weniger an der Fähigkeit der Ticketverkäufer. Ganz oben auf der Mängelliste der Kritiker stehen zudem auch die hohen Stornogebühren.

Die Bahn, die wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen agieren und Kurs auf das Börsenparkett nehmen soll, angesichts ihres Eigentümers und der Staatszuschüsse so aber nicht behandelt wird, weist bisher Forderungen nach frühen Nachbesserungen zurück. Erst nach einem Jahr solle Bilanz gezogen und dann reagiert werden. Der Eigentümer Bund sagt offiziell, die Preise lägen in der unternehmerischen Verantwortung der Bahn.

Der nächste Ärger ist womöglich aber schon programmiert: Während beim Bahn-Vorbild Fluggesellschaften schon jetzt Reisen für die Osterfeiertage gebucht werden können, gilt bei der Bahn weiter wie eh und je eine Vorverkaufsfrist. Schnäppchenjäger müssen also warten.

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