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24.04.2003

09:14 Uhr

Der neue Chef von Gerling im Porträt

Björn Jansli: Ganz Gentleman

VonCaspar Dohmen (Handelsblatt)

Wer eine solche Aufgabe angetragen bekommt, darf sie nicht ausschlagen, pflegt Björn Jansli zu sagen. Deshalb hat er jetzt den wohl schwierigsten Job inne, den die deutsche Versicherungswirtschaft zu vergeben hat: den Chefposten beim Traditionsversicherer Gerling.

DÜSSELDORF. Jansli zögerte nicht, die Verantwortung bei Gerling zu übernehmen, als sein Vorgänger Heinrich Focke bereits nach einem guten Jahr entnervt aufgab. Focke war an der Aufgabe gescheitert, eine Lösung für den angeschlagenen Versicherer zu finden. Jansli nahm sie an. Er gibt sich pflichtbewusst.

Die Zukunft von Gerling ist ungewiss. Seit eineinhalb Jahren wird eine Lösung für den angeschlagenen Konzern gesucht - bisher ohne Ergebnis. Zuletzt winkte der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie HDI ab.

Rückblick: Im Dezember 2001 bringen Probleme der US-Rückversicherungstochter Gerling in eine Schieflage. Die Großaktionäre Rolf Gerling und Deutsche Bank schießen frisches Kapital in Millionenhöhe nach. Der Gerling-Rückversicherer wird abgewickelt, eine Sanierung des Gesamtkonzerns läuft. Tausende Stellen werden gestrichen. Die Lage spitzt sich zu. Eine Reihe von Top-Leuten hat die einstige Nobeladresse der deutschen Versicherungswirtschaft bereits verlassen.

Jetzt also soll Jansli das vermeintlich Unmögliche schaffen: Gerling eine eigenständige Zukunft erhalten. Der 56-Jährige kann dabei auf einen breiten Rückhalt in der Belegschaft zählen. "Er ist schließlich einer von uns", sagen Beschäftigte. Sie schätzen vor allen Dingen seine beruhigende Art. "Der Aktionismus der Focke-Ära ist vorbei", heißt es. Die Mitarbeiter sprechen von einem Kontrastprogramm, nicht nur weil Jansli viel seltener Abend- oder Wochenendtermine anberaumt. Die Motivation im Hause sei deutlich gestiegen.

Seit mehr als 19 Jahren arbeitet Jansli für den Kölner Versicherer. In dieser Zeit avanciert er zu einem Industrieversicherer mit Leib und Seele. Unter seinen Ansprechpartnern in der Industrie gilt er als respektierter Fachmann. Die Facetten des Geschäfts hat er bei Gerling erlernt, wo er 1984 seiner Familie zuliebe eine zweite berufliche Karriere startete, als Trainee.

Die erste Karriere hatte den Bauingenieur nach dem Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe - seitdem ist er Fan des Karlsruher SC - auf Baustellen in Nigeria, im Iran oder im Irak geführt. Dort verantwortet er große Industrieprojekte wie den Bau von Kraftwerken oder Brücken und lernt, wichtige Entscheidungen zu treffen. "Wenn man in der Wüste für ein mehrere Hundertmillionen-Euro-Bauvorhaben verantwortlich ist, gibt es keine langen Konferenzen", sagt der gebürtige Norweger rückblickend.

Allerdings lernt er auch die Vergänglichkeit großer Projekte kennen. Während des ersten Golfkrieges erlebt er am Fernsehbildschirm, wie eine Brücke durch Bomben zerstört wird, die er gebaut hatte. Solche Erfahrungen prägen, lehren Bescheidenheit. So führt Jansli seinen beruflichen Werdegang auch darauf zurück, dass er immer viel Glück gehabt habe. Bei solchen Gelegenheiten verweist er darauf, dass es viele andere Manager gebe, die besser oder genauso gut seien wie er.

Sein für einen Unternehmenschef auffallend zurückhaltendes Auftreten entspringt wohl auch den Understatement-Lektionen, die er während seiner Londoner Zeit kennen- und schätzen gelernt hat. Weggenossen beschreiben ihn heute als einen Gentleman. Acht Jahre war Jansli, der Norweger mit englischem Pass, als Geschäftsführer für die Zeichnung des Industriegeschäfts am Londoner Versicherungsmarkt für Gerling zuständig. "Die Stadt hat mich geprägt", sagt er rückblickend. Gerne trägt er englische Stoffe und wechselt in Unterhaltungen mit deutschen Gesprächspartnern bisweilen ins Englische.

Schätzen gelernt hat er in Deutschland vor allem die "unverwechselbare Kultur" von Gerling. In einer Mitarbeiterzeitschrift sagte er einmal, er kenne kein Umfeld, indem man derartige Gestaltungsmöglichkeiten bekommt und unternehmerisch tätig werden kann. Wie lange dies noch der Fall sein wird, ist allerdings fraglich. Schon heute sind die Spielräume eines Gerling-Vorstandschefs eng geworden. Bei dem Versicherer ziehen im Hintergrund vor allem die Eigentümer die Fäden: der Gerling-Vertraute Joachim Theye und die Deutsche Bank.

Vita


Er wird 1946 im norwegischen Narvik, nördlich vom Polarkreis geboren. Bauingenieurwesen studiert er an der Technischen Hochschule Karlsruhe, wo er auch drei Jahre als wissenschaftlicher Assistent arbeitet. Danach arbeitet er als Statiker für das Bremer Ingenieurbüro Sliwka, verantwortet eine Reihe großer Bauprojekte in Afrika und dem Nahen Osten. 1984 sattelt er um, wechselt zur Gerling Globale Rückversicherungs AG. 1990 schickt ihn Gerling als Geschäftsführer nach London. Acht Jahre später wird er Vorstandsmitglied der Gerling Globale Rückversicherungs AG, wenig später rückt er in weitere Vorstände von Gerling-Gesellschaften ein. Von März bis Dezember 2002 führt er als Vorstandsvorsitzender die Gerling Globale Rückversicherungs AG, im März 2003 übernimmt er den Vorstandsvorsitz der Gerling Versicherungs-Beteiligungs-AG.

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