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02.04.2003

06:57 Uhr

Der Präsident von San Paolo IMI im Porträt

Rainer Masera: Der Bankenfürst von Turin

VonMarcello Berni (Handelsblatt)

Wenn er morgens sein Büro betritt, dann muss er sich fühlen wie ein absolutistischer Herrscher. Der prachtvolle Spiegelsaal mit dem schnörkeligen Barockmobiliar, den großformatigen Ölgemälden und der goldenen Biedermeieruhr spricht eine klare Sprache - die Sprache der Macht.

TURIN. Das Ambiente im arkadengesäumten Palazzo an der Piazza San Carlo im Herzen Turins entspricht durchaus der Bedeutung Rainer Maseras: Er ist als Präsident von San Paolo IMI einer der drei führenden Bankiers in Italien. Und er spielt neben Alessandro Profumo, dem Chef der Mailänder Unicredito, und Corrado Passera, dem Boss der Banca Intesa, die Hauptrolle bei der Konzentration des früher zersplitterten Bankensystems auf dem Stiefel.

Seit der Vater zweier Söhne 1998 die Führung des Hauses mit seiner rund 500-jährigen Geschichte übernahm, hat er viel bewegt: Die Bilanzsumme ist um fast ein Drittel auf weit über 200 Milliarden Euro gestiegen, und die Zahl der Mitarbeiter hat sich auf 46 000 mehr als verdoppelt. Er hat das Institut, das der Fiat-Dynastie Agnelli freundschaftlich und kapitalmäßig verbunden ist, mit der bis dahin staatlichen Investmentbank IMI fusioniert. Außerdem ist es ihm gelungen, mit der Banco di Napoli eines der größten Institute im "Mezzogiorno" und mit der Banca Cardine den größten Wettbewerber im reichen Nordosten des Landes zu kaufen.

Masera wirkt auf den ersten Blick äußerst zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern, wie er da im pompösen Spiegelsaal hinter seinem Schreibtisch sitzt. Doch im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, wie klar und strukturiert der eher kleine Manager die größte Turiner Bank führt. Nicht einmal zum Interview verlässt er seinen Arbeitsplatz. Wenn er mit ruhiger, fester Stimme über "Basel II", über "Meinungsumfragen zum Bankgeschäft" oder über "Eigenkapitalausstattung" spricht, legt er eine Grafik nach der anderen auf den Schreibtisch - um nur ja keinen Raum für irgendwelche Fehldeutungen zu lassen.

Trotz seiner wohl überlegten Art gelingt selbst dem Kopfmenschen Masera nicht alles. Bei zwei Übernahmekämpfen ging er leer aus: Weder die Banca di Roma noch den Versicherungskonzern INA konnte er sich Ende der neunziger Jahre sichern. Dennoch gibt der 58-Jährige nicht auf. Bei den nächsten Übernahmen will er wieder mitmischen. Er deutet das viel dezenter an: "Den Konzentrationsprozess unter den italienischen Banken halte ich noch nicht für abgeschlossen."

Rainer Masera, dessen Vorname aus der Bewunderung seiner Eltern für den deutschen Dichter Rainer Maria Rilke herrührt, ist einer der wenigen italienischen Banker mit internationalem Background. Er promovierte in Oxford beim Ökonomie-Nobelpreisträger John R. Hicks und bekleidete Anfang der siebziger Jahre Führungspositionen in der Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ). Bei der Zentralbank der Zentralbanken macht er sich einen Namen als herausragender Theoretiker. Bis heute pflegt er als Professor für internationale Finanzmärkte an der Luiss-Universität Rom weiter seinen Kontakt zur Wissenschaft.

Sein statt Schein - nach dieser in Italien nicht gerade typischen Maxime verschaffte er sich in der Finanzwelt schon in jungen Jahren Respekt. So fällt er den römischen Notenbankern auf, die ihn 1977 zum jüngsten Generaldirektor in der Geschichte der Banca d?Italia küren.

Doch Masera, über dessen Privatleben nur so viel zu erfahren ist, dass er in seiner Freizeit gerne Ski läuft und Tennis spielt, hat nicht nur theoretische Fähigkeiten. Einem sicheren Instinkt für Machtfragen dürfte er verdanken, dass seine Karriere bislang nur eine Richtung kennt: aufwärts. "Seine politische und soziale Intelligenz ist außergewöhnlich - das kann man alleine an der Art sehen, wie er bei San Paolo bis heute alle Fäden in der Hand hält", sagt ein Mailänder Bankier über ihn.

Es ist bemerkenswert, wie der Präsident des Turiner Finanzkonzerns nach der antiken Methode "divide et impera" (teile und herrsche) regiert. Unter ihm arbeiten gleich drei Chief Executive Officers (CEOs) - ein sicheres Indiz dafür, dass es nur einen wirklich Mächtigen gibt: Masera, den Bankenfürsten im herrschaftlichen Spiegelsaal.

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