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19.01.2004

10:14 Uhr

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Der stille Herr Mirow

VonMaximilian Steinbeis (Hamburg)

Der Hamburger SPD-Spitzenkandidat lässt keinerlei Interesse erkennen, bei den Leuten Eindruck zu schinden. Er schweigt sich durch den Wahlkampf .

Thomas Mirow

Thomas Mirow: Personelle und inhaltliche Erneuerung der SPD. Foto: dpa

Von so einer Szene träumen Wahlkampfmanager: Ein kleines Mädchen sitzt mit seiner Mutter im Eiscafé, sieht den Kandidaten nahen und reißt sich spontan los. "Hallo" ruft das Kind, läuft auf die Politikergruppe zu und winkt. Seine Helfer tuscheln dem Kandidaten hektisch ins Ohr, dieser rückt die Schultern in seinem anthrazitgrauen Mantel zurecht: Jetzt wird es vielleicht ein schönes Foto geben für die Lokalpresse. Aber falscher Alarm: Der Kandidat ist dem Mädchen völlig egal. Sie hat es auf den Ortsausschussvorsitzenden von Hamburg- Niendorf abgesehen, ein enger Freund der Familie, wie die verlegene Mutter später erklärt. Der Kandidat entspannt sich. Fast könnte man glauben, er sei erleichtert.

Der Mann heißt Thomas Mirow und lässt keinerlei Interesse erkennen, bei den Leuten Eindruck zu schinden. Dabei ist Wahlkampf, er will in Hamburg Bürgermeister werden, und die Umfragen sind nicht ermutigend für Mirows Sozialdemokraten: Die SPD kommt nur auf 30 Prozent, Bürgermeister Ole von Beusts CDU nähert sich dagegen mit 45 Prozent der absoluten Mehrheit. Mirow selbst schneidet noch schlechter ab: Nur 22 Prozent der Befragten sähen ihn gern als Bürgermeister, der strahlende Blondschopf von Beust dagegen kommt trotz aller Skandale auf 64 Prozent.

"Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen", tröstet sich Mirow. Er ist an diesem regnerischen Mittwoch nach Niendorf gekommen, einem bürgerlichen Vorort an der nördlichen Stadtgrenze, um dort mit Einzelhändlern ins Gespräch zu kommen. Denen geht es schlecht, die örtliche Einkaufsstraße Tibarg ist weidlich heruntergekommen. Klaus Lindenberger, Inhaber eines Modegeschäfts, führt den mit einem blauen Regenschirm bewaffneten Kandidaten durch die Fußgängerzone. Mirow hört zu, nickt und blickt etwas abwesend durch seine großen Brillengläser. Während Lindenberger sich den Mund fusselig redet, schweigt der Wahlkämpfer. Allenfalls ein knappes "Ja" stößt er gelegentlich aus, und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, gibt er ein paar wohlgesetzte Statistiken kund. "Das hat Methode", erklärt er später ruhig. "Die Leute haben das Bedürfnis, mit Politikern zusammenzukommen, die zuhören können", anstatt "an der Oberfläche dahinzuschwätzen."

Mirow ist kein Neuling in der Politik. In den 70er-Jahren war der in Paris geborene Diplomatensohn Büroleiter von SPD-Chef Willy Brandt. Im rot-grünen Senat leitete er das Wirtschaftsressort, und dass er von Wirtschaftspolitik viel versteht, bestreitet in Hamburg niemand. Dann kam die Wahl 2001 und mit ihr das vorläufige Ende der 44-jährigen SPD-Herrschaft in Hamburg.

Die Wut auf Rot-Grün ist in Hamburg noch nicht vergessen. Das Thema innere Sicherheit steht zwar nicht mehr so im Vordergrund wie 2001, als der rot-grüne Senat die Kriminalitäts- und Drogenprobleme um den Hauptbahnhof nicht in den Griff bekam und dadurch Ronald Schill zu gut 19 Prozent Stimmanteil verhalf. Aber das hilft der SPD womöglich nicht viel: Die Wahl "kommt zu früh", sagt Matthias Schwark, Geschäftsführer der Hamburger Patriotischen Gesellschaft, einer traditionsreichen und angesehenen Bürgervereinigung. Zwei Jahre Opposition seien nicht genug, um den Wähler davon zu überzeugen, die einst wegen allerlei "rotem Filz" verschriene SPD wieder an die Macht zu lassen, vermutet Schwark.

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