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22.01.2001

19:00 Uhr

Der Wachstumsrückgang in den USA ist Folge schöpferischer Zerstörung – Abschwung korrigiert Übertreibungen des Booms

Kommentar: In der New Economy hilft keynesianische Konjunkturpolitik nicht

VonJOACHIM STARBATTY

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ie US-Zentralbank hat in der jüngeren Vergangenheit zwei Mal außerhalb des Turnus ihre Zinsen gesenkt: im Herbst 1998 und jetzt im Januar 2001. Sie will den Märkten signalisieren, sie werde genügend Liquidität zur Verfügung stellen, um einen Crash zu verhindern. Vor gut zwei Jahren drehten sich die Aktienkurse, und die Konjunktur wurde kräftig angeschoben.

Wird die Wirtschaft jetzt ähnlich reagieren, und kann die Fed so einen Konjunktureinbruch verhindern? Wenn Analysten diagnostizieren, dass der Boden auf den Aktienmärkten erreicht sei und die Kurse sich erholen müssten, dann kann das auch eine Selffulfilling Prophecy sein: Glauben genügend Marktteilnehmer an diese Prognose und decken sich mit Aktien ein, so kann sie genau dadurch wahr werden.

Was geschehen wird, kann niemand exakt voraussagen. Wir können aber unsere Urteilskraft schärfen, wenn wir uns klarmachen, mit welchem Konjunkturtyp wir es derzeit in den USA zu tun haben. Wenn es ganz praktisch um Konjunktursteuerung geht, orientiert sich alle Welt an John Maynard Keynes und empfiehlt als Mittel gegen Konjunkturabschwächung Billiggeld- Politik, Steuersenkungen und expansive Fiskalpolitik. Doch lässt sich die US-Prosperität der vergangenen Jahre nicht mit keynesianischen Theorien erklären. Keynes unterstellt, dass wegen sinkender Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals reife Volkswirtschaften der Stagnation entgegentaumelten - eine Entwicklung, vor der sie nur staatliches Gegensteuern bewahren könne.

Zwei Akteure spielen derzeit in der US-Konjunktur die Hauptrollen: einerseits dynamische Unternehmer und Startups, andererseits Alan Greenspan, der Chef der US-Zentralbank. Er wacht über die Zuteilung der Liquidität zur Finanzierung unternehmerischer Tätigkeit. Die US-Prosperität ist ein Modellfall für Joseph Schumpeters Entwicklungs- und Konjunkturtheorie. Innovationen haben die US-Wirtschaft und mit Verzögerung die übrigen Volkswirtschaften mitgezogen. Die New Economy und die damit ausgelösten Produktivitätsschübe sind Ausdruck dieser Dynamik.

Ein so starker Aufschwung, wie wir ihn im letzten Jahrzehnt in den USA erlebt haben, wäre ohne Zutun Greenspans nicht möglich gewesen. Die Geschäftsbanken haben ihn finanziert, weil die Zentralbank ausreichend Liquidität zur Verfügung stellte. Wegen überspannter Gewinnerwartungen wurden die unternehmerischen Risiken tendenziell unterschätzt. Die Aktienkurse am Neuen Markt sind nach oben geschossen. Nicht Gewinne als Erfolgsausweis unternehmerischer Tüchtigkeit trieben die Kurse; die Erwartungen auf Kurssteigerungen verlockten die Anleger zum Kauf. Solange genügend Leute daran glaubten, stiegen die Kurse. Dies hat auch die traditionellen Werte mitgezogen. Schumpeter spricht von einer sekundären Welle der Prosperität: Die Prosperität selbst wird zum Prosperitätsfaktor.

Da in den USA das Engagement der Bürger an den Aktienmärkten ausgeprägter ist als in Europa und da viele sich wegen der Kurssteigerungen reich rechneten, stiegen die Konsumausgaben der privaten Haushalte so stark an, dass deren Finanzierungssaldo seit 1997 negativ ist: Es wurde entspart. Die Startups der New Economy und die hohe Verbrauchsneigung trieben die Konjunktur. Bei einer solchen Konstellation lässt bereits eine Konjunkturnormalisierung die Gewinnerwartungen zurückgehen. Die Aktionäre stellen einen Teil ihrer Gewinne sicher; der Konsum geht zurück, die Investitionstätigkeit sinkt, die Risiken kumulieren sich und können die Konjunktur abstürzen lassen.

Mit Keynes hat dieses Szenario wenig zu tun. Kann aber dann eine keynesianische Therapie die US-Wirtschaft vor dem Absturz bewahren? Nein, denn es ist - ganz im Sinne Schumpeters - im Zuge einer lang andauernden Prosperität und reichlicher Liquiditätsversorgung zu einer massiven Fehlallokation von Ressourcen gekommen.

Nicht alle Neuerungen aus dem Aufschwung haben sich durchsetzen können. Bei allgemeiner Euphorie ist auch in Kapazitäten investiert worden, die bei normaler Nachfrage nicht ausgelastet werden können. Darüber hinaus sind Finanzintermediäre Not leidend geworden, weil sie zu freigiebig gegenüber Debitoren gewesen sind, die trügerische Sicherheiten boten. Bei einer solchen Konstellation könnte eine allgemeine Ankurbelungspolitik Fehlentwicklungen eine Zeit lang überdecken, aber nicht bereinigen - wie in Japan.

Für Schumpeter hat ein konjunktureller Abschwung bis hin zur Rezession die Funktion, die Übertreibungen und Fehlentwicklungen des Booms zu beseitigen und damit Ressourcen für den nächsten Aufschwung bereitzustellen. Das ist der mit der kapitalistischen Produktionsweise untrennbar verbundene Prozess der "schöpferischen Zerstörung".

Nicht alle Neuerungen aus dem Aufschwung haben sich durchgesetzt.

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