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24.01.2003

09:00 Uhr

Der Wirtschaftsingenieur ist der Enkel des mächtigen Gianni Agnelli

Der schüchterne Kronprinz

VonMarcello Berni (Handelsblatt)

Seit langem wird der 26-Jährige auf seine große Rolle im Agnelli-Imperium vorbereitet. Nun ist es soweit, in der Nacht ist sein Großvater gestorben, nun soll Elkann zum starken Mann des Clans und somit bei Fiat gekürt werden.

MAILAND. An einem düsteren Winterabend des Jahres 1997 suchte Gianni Agnelli seinen Enkel John Elkann auf. Bewusst hatte der Patriarch eine späte Stunde gewählt. Niemand sollte von der Unterredung Wind bekommen. In knappen Worten teilte der Alte dem damals 21-Jährigen mit, dass der eines Tages die Verantwortung als Kopf der Agnelli-Dynastie übernehmen werde.

"John brach weder in Jubel aus, noch erschrak er", erzählt später sein Bruder Igino. "Seinem Charakter entsprechend, zeigte er sich nach der Unterredung eher noch zurückhaltender als zuvor."

Seit Freitag ist das Szenario Wiklichkeit - Donnerstagnacht ist Agnelli gestorben. Nun blickt ganz Italien auf den gut aussehenden Agnelli-Sprössling. Kenner der Turiner Szene weisen zwar darauf hin, dass Jaki angesichts seines noch immer jugendlichen Alters von 26 Jahren nicht sofort den Thron besteigen wird - vorerst dürfte Giovannis Bruder Umberto eine Art freundschaftlicher Vormund bleiben und als Sprecher der Familie fungieren.

Dennoch fällt dem jungen Mann eine zentrale Rolle in einem der größten Familienunternehmen der Welt zu. Ab der Fiat-Hauptversammlung in diesem Mai soll er dem Vernehmen nach die Vizepräsidentschaft des angeschlagenen italienischen Autokonzerns übernehmen.

John Elkann ist an seine Aufgabe herangeführt worden wie einst Prinzen an die Königswürde: beste Schulen, internationales Umfeld, erlesene Gesellschaft. Zum Tutor, Förderer und Karriereberater seines Enkels hat Gianni Agnelli keinen Geringeren als Paolo Fresco berufen, den aktuellen Fiat-Präsidenten. Der brachte ihn mit Unternehmern wie Bill Gates und Michael Dell zusammen. Mit Letzterem hat er nicht nur über die Möglichkeiten des E-Commerce gesprochen, sondern ihm nebenbei auch gleich noch einen Ferrari verkauft.

Im Verwaltungsrat der Agnelli-Holding, dem Jaki seit 1999 angehört, verkehrt der Erbe mit den Großen des Welt-Business, beispielsweise mit Jack Welch, dem früheren Boss von General Electric. So kam der studierte Wirtschaftsingenieur im vergangenen Jahr zu einer Tätigkeit im Beteiligungscontrolling des US-Konzerns. "Dort hat er viel über die US-Bilanzierung gelernt und die amerikanische Führungskultur verinnerlicht", verrät ein Manager von Fiat. Und vor ein paar Monaten hat Elkann sein Büro im vierten Stock des Turiner Hauptquartiers "Lingotto" bezogen - direkt gegenüber von Fiat-Vorstandschef Alessandro Barberis.

Giovanni Agnelli hat seinen Liebling seit der entscheidenden Winternacht vor sechs Jahren nicht nur mit Samthandschuhen angefasst. Zur Abrundung der Prinzenkür schickte der "Avvocato" seinen Enkel auch in die Niederungen des Arbeiterlebens, ans Band der Fiat-Autofabrik im polnischen Tichy. Auch im mittelenglischen Cannock - beim konzerneigenen Zulieferer Magneti Marelli - zog John nicht den dunklen Anzug, son-dern den Blaumann an.

Wie sein Großvater einst inkognito für ein paar Wochen als Arbeiter bei Ford in Detroit zubrachte, wussten auch Johns Gastfamilien nie, dass sie es mit einem Blaublütigen des uralten Unternehmeradels zu tun hatten. Es gibt noch eine weitere Parallele zwischen dem Leben des Alten und des Jungen: Wie Jaki wurde auch Gianni bereits früh von seinem Großvater zum Kronprinzen gekürt.

Allerdings: Statt John war zunächst eigentlich ein anderer vorgesehen, nämlich dessen Onkel Giovanni Alberto ("Giovannino"), ein Sohn Umbertos. Er starb aber vor sechs Jahren im Alter von 33 Jahren an Krebs. Als Vorstandschef von Piaggio (Vespa) hatte er sich einen guten Namen als Manager erworben.

Erst nach dessen Tod kam der schüchterne John ins Spiel, dessen Persönlichkeit in einem auffallenden Kontrast zum Wesen des Großvaters steht: Während Gianni einen Hang zum barocken, ausschweifenden Leben hat, ist der Enkel bemerkenswert zurückhaltend. Während Gianni in seiner Ju-gend einer der begehrtesten Playboys an der Côte d?Azur war, scheint John kein Frauenheld zu sein. Außer eher unverfänglichen Photos mit dem italienischen Supermodel Carla Bruni ist nichts Delikates über den Youngster bekannt.

Und das Wichtigste: Der Zeitpunkt seiner Berufung ist nicht vergleichbar mit jener glorreichen Periode, in der Gianni damals ans Ruder kam. Heute kämpft die Autosparte von Fiat ums Überleben als eigenständiges Unternehmen, der Konzern hat hohe Schulden, und die Familie scheint täglich an Macht zu verlieren. John Elkann könnte also womöglich als König ohne Kleider enden.

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VITA

John Elkann wird am 1. April 1976 als Sohn von Margherita Agnelli und des Schriftstellers Alain Elkann in New York geboren. Er wächst in Paris auf, wo er 1994 das Abitur macht. Im Anschluss studiert er bis zum Jahr 2000 am Polytechnikum in Turin Wirtschaftsingenieurwesen. Danach startet er seine Karriere bei General Electric in der Abteilung Beteiligungs-Controlling. Seit 1998 ist er Mitglied des Verwaltungsrates von Fiat. Seit 1999 gehört er zum Management-Board der Familien- holding Giovanni Seit einigen Monaten arbeitet John Elkann in der Konzernzentrale von Fiat in Turin.

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