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26.03.2003

09:41 Uhr

Deutlicher Gewinnsprung – Konzernchef Thielen rechnet nicht mit schneller Erholung des Werbemarktes

Bertelsmann setzt sich vom Branchentrend ab

VonHans-Peter Siebenhaar , Handelsblatt

Der Gütersloher Medienkonzern stemmt sich gegen den schwachen Markt, indem er sich auf das Kerngeschäft konzentriert und Verlustbringer schließt. So sinkt der Umsatz, aber der Gewinn steigt.

BERLIN. Bertelsmann, Europas größter Medienkonzern, hat sich 2002 gut behauptet. "Wir haben uns klar vom wirtschaftlichen Trend unserer Branche absetzen können", sagte Vorstandsvorsitzender Gunter Thielen bei der Vorlage der Jahresbilanz gestern in Berlin. "Alle unsere Bereiche bis auf die Direct-Group schreiben schwarze Zahlen."

Hierfür setzte Bertelsmann Sparmaßnahmen durch, beendete verlustreichen Engagements im Internetbereich und erweiterte das profitable Fernsehgeschäft. In der Summe konnte der Konzern das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebita) im vergangenen Jahr um mehr als 60 % auf 936 Mill. Euro steigern. Allerdings sank der Umsatz wegen der Dollarschwäche von 19 Mrd. Euro auf 18,3 Mrd. Euro.

Thielen, der im vergangenen Sommer Thomas Middelhoff an der Konzernspitze ablöste, rechnet nicht mit einer schnellen Erholung des Werbemarktes und der Konjunktur insgesamt. Genaue Prognosen mochte der Vertraute des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn auch vor dem Hintergrund eines womöglich lange andauernden Irak-Krieges nicht abgeben. Er sagte lediglich: "Für 2003 rechnen wir trotz eines unverändert schwierigen konjunkturellen Umfelds mit einem stabilen Konzernumsatz und weiter steigenden Erträgen."

Der wichtigste Umsatzbringer bei Bertelsmann ist der Fernseh- und Radiokonzern RTL Group, gefolgt von der Druck- und Dienstleistungssparte Arvato, der Verlagstochter Gruner + Jahr, dem weltweit fünftgrößten Musikkonzern BMG und dem weltgrößten Buchverlag Random House. Das Sorgenkind des Gütersloher Medienriesen ist die Direct Group. Bei einem Umsatz von 2,7 Mrd.Euro machten die Buchclubs im letzten Jahr 150 Mill. Euro Verlust. Club-Vorstand Ewald Walgenbach konnte den Verlust jedoch deutlich verringern, weil er sich von verlustträchtigen Internetfirmen trennte und Personal abbaute.

Vor allem der deutsche und englische Buchclub schreibt seit Jahren rot. In diesem Jahr will Bertelsmann die Wende in Großbritannien schaffen. Der deutsche Club bewältigt den Sprung in die schwarzen Zahlen 2003 allerdings nicht, wie Walgenbach bekannte. Im vergangenen Jahr hatten sich die Verluste des im westfälischen Rheda ansässigen Clubs auf rund 60 Mill. Euro summiert, bestätigten Unternehmenskreise. 2004 will Walgenbach jedoch die Wende mit einer Kombination aus exklusiven Büchern, deutlichen Preisvorteilen für Clubmitglieder und attraktiveren Läden schaffen. "Deutschland ist unser dominierendes Problem, aber nicht unser dominierendes Geschäft", sagte Walgenbach. Fast zwei Drittel des Umsatzes erzielen die Clubs in den USA.

Die BMG hingegen hat den Turnaround bereits geschafft. Die Musiktochter verbuchte einen operativen Gewinn von 125 Mill. Euro nach einem Minus von 79 Mill. Euro im Vorjahr. Der Netto-Schuldenstand von Bertelsmann beläuft sich derzeit auf 2,74 Mrd. Euro und überschreitet damit die interne Schuldengrenze. "Wir wollen unter zwei Milliarden kommen", sagte Finanzvorstand Siegfried Luther gestern. Frisches Geld kommt womöglich schon bald von der Fachverlagssparte Bertelsmann-Springer, für die sich acht Investoren interessieren. Interesenten sind bereits dabei, die Bücher zu prüfen. Laut Thielen soll der Verkauf in den nächsten beiden Monaten abgeschlossen sein. Branchenkreise rechnen mit rund 700 Mill. Euro Erlös.

Laut Thielen soll Bertelsmann-Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen im Amt bleiben. "Es steht keine Veränderung bevor. Es gibt keine Aktivitäten von Seiten Bertelsmanns", sagte Thielen in Berlin. Das Handelsblatt hatte am Dienstag gemeldet, dass Schulte-Hillen möglicherweise schon bald das Kontrollgremium verlassen wird. Er gilt als Kritiker des erstarkten Einflusses der Eigentümerfamilie Mohn. Schulte-Hillen war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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