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16.01.2003

07:14 Uhr

Deutsche Ernährungsindustrie steckt im Tief

Biobranche profitiert vom Verbrauchervertrauen

VonIngo Reich

Nitrofen-Skandal und allgemeiner Kaufzurückhaltung zum Trotz: Der Umsatz mit ökologisch produzierten Lebensmitteln legt kräftig zu - im vergangenen Jahr um satte zehn Prozent. Bio-Lebensmittel stürmen die Regale deutscher Supermärkte. Während Deutschlands Ernährungsindustrie 2002 voraussichtlich einen Umsatzrückgang von 1 % auf 125,4 Mrd. Euro zu verkraften hat und damit insgesamt in die roten Zahlen rutscht, herrscht bei den Bioproduzenten Euphorie. Die Branche hat im vergangenen Jahr ein sattes Plus von 10 % eingefahren.

Das geht aus einer Untersuchung der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) hervor. Sie soll heute zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche, der weltweit größten Verbraucherausstellung für Landwirtschaft und Ernährung, in Berlin vorstellt werden.

Die Marktforschungsorganisation der deutschen Agrarwirtschaft geht davon aus, dass der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln 2002 knapp 3 Mrd. Euro erreichte. Der Anteil der ökologisch erzeugten Nahrungsmittel am gesamten Lebensmittelmarkt beträgt damit 2,3 %.

Der weitere Anstieg überrascht. Nachdem der Öko-Markt 2001 noch unter dem Eindruck von BSE- Krise und anderen Lebensmittelskandalen einen erheblichen Zuwachs um 30 % verzeichnete, waren Marktexperten von einer Konsolidierung auf dem Niveau des Jahres 2001 ausgegangen. Als dann die Biobranche mit dem Nachweis des verbotenen Pflanzenschutzmittels Nitrofen in Öko-Fleisch und Öko-Futtermitteln in ihre erste eigene Lebensmittelkrise schlitterte, erhielten die verhaltenen Erwartungen einen zusätzlichen Dämpfer.

Tatsächlich bekamen die Produzenten von Öko-Milch die Zurückhaltung zunächst zu spüren. Im August 2002 fiel ihr Umsatz um 15 %. Doch der Effekt blieb nur auf kurze Zeit begrenzt. "Im Direktabsatz verbuchten die Erzeuger wegen des bestehenden hohen Vertrauensniveaus dagegen einen Nachfragezuwachs", berichtet Markus Rippin vom Fachbereich Ökologischer Landbau bei der ZMP. Auch die ökologisch wirtschaftenden Bäcker und Metzger behielten ihren Vertrauensvorschuss.

Weit weniger, als von Experten erwartet, vergiftete die Nitrofen-Krise den Öko-Markt. Im Gegenteil: Die Umsätze der Bio-Landwirte, die vielfach in größeren Gemeinschaften wie Naturland, Bioland oder Demeter zusammengeschlossen sind, legten durchschnittlich 15 % zu. Auch der Öko-Umsatz des Lebensmitteleinzelhandels, so eine Studie von Professor Ulrich Hamm von der FH Neubrandenburg, weitete sich um 11 % aus. Der Einstieg des Markendiscounters Plus in das Öko-Segment bescherte dem Bio-Handel ein deutliches Umsatzplus auf rund 1 Mrd. Euro. Damit gelangen inzwischen ein Drittel aller Bio-Lebensmittel über klassische Supermärkte an den Verbraucher.

Längst vertrauen deutsche Biobauern auf eine professionelle Vermarktung ihrer Erzeugnisse. Die Produktpalette der Erzeugergemeinschaft Naturland umfasst alle heimischen Produkte des ökologischen Land- und Gartenbaus. Dabei bieten die Kooperationen Rohwaren und Produkte in verschiedenen Verarbeitungsstufen, die ihnen meist von Gastronomiebetrieben abgenommen werden. Im Sortiment befinden sich aber auch Fleisch- und Tiefkühl-Produkte für den Handel.

Jörg Große-Lochtmann, Geschäftsführer der Marktgesellschaft mbH der Naturland-Betriebe Süd-Ost, berichtet von einem Wachstum von 40 % im Biofleisch- Bereich. Für das laufende Jahr hat hat Große-Lochtmann, der von einer Steigerung des Gesamtumsatzes im letzten Geschäftsjahr um 16,5 % auf rund 20 Mill. Euro berichtet, die eigenen Wachstumserwartungen allerdings deutlich zurückgeschraubt. "Wie alle Hersteller von teuren Produkten leiden wir unter der derzeitigen Kaufzurückhaltung der Verbraucher", beschreibt der Naturland- Geschäftsführer die Situation. Doch die Chancen für eine weitere Expansion der Biobranche stehen nicht schlecht: Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid gehen 26 % der Deutschen davon aus, dass sie in den nächsten zwölf Monaten mehr Bio-Lebensmittel kaufen werden als heute.

Quelle: Handelsblatt

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