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22.01.2003

07:08 Uhr

Deutsche Geldinstitute können wegen verschleppter Konsolidierung EZB-Zinssenkung nicht weitergeben

Ertragskrise zwingt Banken zu hohen Zinsen

VonNorbert Häring

Entgegen der wiederholt geäußerten Einschätzung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, und der Deutschen Bundesbank, Ernst Welteke, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass der Wettbewerb die Banken bald zwingen werde, die EZB-Leitzinssenkung von Anfang Dezember an ihre Kunden weiter zu geben.

FRANKFURT. Hierüber war eine hitzige öffentliche Debatte entbrannt, nachdem der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, Rolf E. Breuer, nach der Zinssenkung gesagt hatte, die Banken sollten diese seiner Meinung nach nicht an ihre Kreditkunden weitergeben, da dies die eigene schlechte Ertragslage nicht erlaube.

Bis etwa zwei Wochen nach der EZB-Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte war der Zinsstatistik der Bundesbank zufolge nur ein Bruchteil bei den Kreditkunden im Unternehmens- und Privatsektor angekommen. Einer Umfrage der FMH-Finanzberatung in Frankfurt zufolge, hat sich daran auch bis Mitte Januar kaum etwas geändert.

Die Statistik zeigt, dass es sich nicht nur um eine leichte Verzögerung handelt. Vielmehr haben die Banken in der gesamten Zinssenkungsphase seit Mai 2001 die EZB-Zinssenkungen um insgesamt zwei Prozentpunkte nur sehr unvollkommen weitergegeben. Kontokorrentkredite für Unternehmen etwa sind seit April 2001 nur um gut einen Viertel Prozentpunkt billiger geworden.

In der vorangegangenen Zinserhöhungsphase waren die Kreditzinsen dagegen deutlich stärker angehoben worden (siehe Tabelle). Verglichen mit Sommer 1999 müssen Unternehmen derzeit für Kontokorrentkredite im Durchschnitt 1,1 Prozentpunkte mehr bezahlen als Mitte 1999 vor Beginn der ersten Zinserhöhungsrunde der EZB. Das Leitzinsniveau ist dagegen derzeit mit 2,75 Prozent nur nur einen Viertel Punkt höher als damals. Für Privatkunden ist der Dispokredit sogar um fast 1,5 Prozentpunkte teuerer als Mitte 1999.

Insgesamt sind die für die Refinanzierung der Banken wichtigen Zinsen am Kapitalmarkt und die Sätze, die Banken für Einlagen zahlen heute niedriger oder auf gleichem Niveau wie Mitte 1999, während die Ausleihsätze um bis zu 1,5 Prozentpunkte höher liegen.

Für Jürgen Michels, Deutschland-Analyst der Citigroup in London, ist dies der Versuch der Banken, ihre Ertragskrise zu bewältigen. Diese Krise, die zunehmend zu einem Konjunkturproblem wird, sei eine Folge der verschleppten Konsolidierung des deutschen Banksektors. Zwar sei die Zahl der Kreditinstitute in den letzten Jahren deutlich gesunken, die Zahl der Bankangestellten sei aber bei 730 000 mehr oder weniger konstant geblieben.

"Jetzt, wo kein Wiedervereinigungsboom und keine Aktienblase die Probleme mehr überdecken, treten diese Probleme voll zu tage", so Michels.

Dass die Eigenkapitalrendite der deutschen Banken 2002 nur knapp über Null gelegen habe - gegenüber rund 10 Prozent im übrigen Europa - führt Michels daneben auch darauf zurück, dass große deutsche Banken im Vertrauen auf einen fortgesetzten Aktienboom übermäßig in den Ausbau des Investment-Banking investierten.

Quelle: Handelsblatt

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