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30.01.2001

15:26 Uhr

Deutsche helfen Überlebenden

Bis zu 100 000 Tote durch Erdbeben

Vier Tage nach dem schlimmsten Erdbeben in der indischen Geschichte mit bis zu 100 000 Toten konzentrieren sich die Helfer auf die Nothilfe für Verletzte und Obdachlose. In der am schlimmsten Stadt Bhuj traf am Dienstag die Ausrüstung für ein großes Feldhospital ein, an dem das Deutsche Rote Kreuz beteiligt ist.

dpa BHUJ/NEU DELHI. Dagegen schwand die Hoffnung der Experten des Technischen Hilfswerks, unter den Trümmern eingestürzter Häuser weitere Überlebende zu finden. "Das ist die schlimmste Katastrophe, die ich mitgemacht habe", sagte der Leiter des THW-Teams, Hans-Joachim Gerhold.

Der indische Verteidigungsminister George Fernandes sagte nach Aufklärungsflügen, bei dem Beben am vergangen Freitag seien bis zu 100 000 Menschen ums Leben gekommen und 200 000 verletzt worden. Er bezeichnete dies zwar als "persönliche Einschätzung", und andere Regierungsmitglieder meinten, es sei angesichts von weniger als 7 000 geborgenen Leichen und 100 000 Vermissten zu früh, sich auf eine Zahl festzulegen. Experten hielten es jedoch für ausgeschlossen, dass noch viele Vermisste lebend geborgen werden könnten. "Es ist jetzt Zeit, dass wir unsere Anstrengungen von der Rettung auf die Nothilfe umstellen", sagte ein Regierungsbeamter.

Die Zahl der Obdachlosen, von denen die meisten schon vier Nächte im Freien verbrachten und tagsüber der Sonne schutzlos ausgesetzt sind, wurde auf 500 000 geschätzt. "Was wir benötigen, sind Zelte in großer Menge", sagte Haren Pandya, der Innenminister von Gujarat. Pakistan gehörte zu den Ländern, die Zelte und Decken schickten, trotz der gespannten Beziehungen wegen des Streits um Kaschmir.

THW bleibt noch bis Donnerstag

Spezialisten des Deutschen Roten Kreuzes trafen mit Ausrüstung für ein Feldhospital in Bhuj ein. Auch aus anderen Ländern kamen Bestandteile für das Krankenhaus, das mit einer Ambulanz, einer Chirurgie, einer Geburtshilfestation und einem Labor ausgestattet sein wird. Die wichtigsten Teile der Zeltklinik sollen bis Mittwoch stehen, sagte Nicole Speckenheuer vom DRK.

Der Suchtrupp des THW mit seinen Spürhunden und Experten aus der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Ungarn, Russland und der Türkei sind seit Sonntag im Erdbebengebiet. Das THW-Team will noch bis Donnerstag bleiben und tritt in Aktion, wenn aus einer Häuserruine Lebenszeichen gemeldet werden.

Die deutsche Regierung stockte ihre Soforthilfe für die Erdbebenopfer auf. Wie das Auswärtigen Amtes mitteilte, sind die Mittel für die ersten Nothilfemaßnahmen von drei auf 3,5 Mill. DM erhöht worden. Davon werde allein eine Million dem Technischen Hilfswerk (THW) zu Gute kommen. Die restliche Summe fließe an weitere Hilfsorganisationen wie das DRK. Das Entwicklungsministerium will zehn Mill. DM für den Wiederaufbau von Wohnungen und die Trinkwasseraufbereitung bereitstellen. Der deutsche Botschafter in Indien, Heimo Richter, sagte bei einem Besuch in Bhuj: "Hier zeigt sich, wie wichtig die rasche Bereitstellung von Hilfe gewesen ist."

Soforthilfe der Entwicklungsbank

Die Asiatische Entwicklungsbank stellte 350 Mill. $ (rund 700 Mill. DM) Soforthilfe zur Verfügung. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften startete eine Luftbrücke für Hilfsgüter. Experten im Katastrophengebiet kritisierten allerdings erneut, dass es wegen mangelhafter Koordinierung der indischen Stellen schwierig sei, die eintreffenden Güter optimal zu verteilen.

Experten sagten, vor allem wegen der traditionellen Bauweise seien so viele Menschen in den Trümmern der Häuser ums Leben gekommen. Sowohl Gerhold vom THW als auch sein türkischer Kollege Mehmet Ilgürel meinten, in ländlichen Gegenden und den Altstädten seien die Bewohner unter Massen von Steinen begraben worden. Ohne tragende Teile entstünden beim Einsturz keine Hohlräume, in denen Verschüttete überleben könnten. In Indien werden die Steine von Wänden oft lose aufeinander geschichtet. Decken bestehen aus Balken oder Eisenträgern mit lose eingelegten Steinen oder Ziegeln.

Das Erdbeben mit einer Stärke von 7,9 auf der Richterskala ist das schlimmste in Indien seit Menschengedenken. 1905 waren in der Himalayaprovinz Himachal Pradesh 20 000 Menschen umgekommen, 1993 starben im westlichen Bundesstaat Maharashtra bis zu 30 000 Menschen bei einem Erdbeben. Als folgenschwerste Beben überhaupt gelten die in China von 1556 und 1976. In beiden Fällen gehen Schätzungen von bis zu 800 000 Toten aus.

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