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29.01.2002

21:19 Uhr

Deutsche Hersteller erproben ein neues Produktionsverfahren für Chemie-Zellulose

Zellstoff wird umweltfreundlich

VonHeike Lischewski

Chemie-Zellstoffe sind Bausteine für eine ganze Reihe von Produkten. Ihren Rohstoff beziehen die Verarbeiter vor allem aus Nordamerika. Ein neues Verfahren soll jetzt die heimische Zelluloseherstellung fördern.

BERLIN. Mit einem neuen Herstellungsprozess wollen die deutschen Verarbeiter von Chemie-Zellstoffen jetzt unabhängiger vom Weltmarkt werden. Als Hersteller von Zellulose-Produkten beteiligt sich das Walsroder Unternehmen Wolff Cellulosics neben der Freiburger Firma Rhodia Acetow und der Deggendorfer Verfahrenstechnische Anlagen GmbH an der Entwicklung der neuen Technologie, die demnächst in einer Pilotanlage erprobt werden soll.

Der Holzaufschluss ist das Kernstück der Zelluloseproduktion. Dabei wird der wichtigste nachwachsende Rohstoff in seine Hauptbestandteile Zellulose, Lignin und Hemizellulose getrennt. Die so gewonnene Zellulose lässt sich durch synthetische Werkstoffe derzeit nicht ersetzen. Bei dem neuen Verfahren zur integrierten Zelluloseproduktion erfolgt der Aufschluss mittels eines so genannten Aminoalkohols. "Das Verfahren wird ohne die sonst üblichen Schwefelverbindungen auskommen und soll zudem zu reaktiveren Zellstoffen führen", so Dietmar Peters, bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe FNR zuständig für die Produktlinie Holz und Lignozellulose.

Während herkömmliche Chemie-Zellstoffe in trockenem Zustand gehandelt und anschließend aufwendig reaktiviert werden müssen, soll der neue Rohstoff mit geringerem Aktivierungsaufwand herzustellen sein. Die Vorteile der neuen Technologie: Neben den wirtschaftlichen Aspekten, von denen auch die heimische Forstwirtschaft als Rohstofflieferant profitieren soll, lassen sich die technischen Synergien der Verfahrenskette vom Holz bis zum Endprodukt nutzen.

Schwefel verschwindet aus dem Prozess

200.000 Tonnen Chemie-Zellstoff werden in Deutschland jährlich verarbeitet, für die Herstellung von Zigarettenfiltern, als Fasern für die Textilindustrie, für Lacke, Bau- und Klebstoffe, als Kunststoff, Folie und Film oder in der Lebensmittel-, Kosmetik- und Pharma-Industrie. Die für die Zellstoff-Produktion traditionell verwendeten Sulfit- und Sulfatverfahren setzen Schwefel und chlorhaltige Bleichmittel ein. Seit Ende der 80er-Jahre bestehen in Deutschland deswegen Auflagen für eine umweltverträgliche Produktion.

Aus diesem Grund sind die Verarbeiter von Chemie-Zellstoffen auf Importe angewiesen. "Die Herstellung von Chemie-Zellstoffen erfordert hohe Investitionen in Umweltschutztechnik und Chemikalien-Rückgewinnung", sagt Nils Schröder, Projektleiter bei der Bayer-Tochter Wolff Cellulosic. "Produktionsanlagen mit einer Kapazität von unter 100 000 Jahrestonnen lassen sich bisher nicht rentabel führen."

Erste Ansätze für schwefelfrei arbeitende Zellstoff-Fabriken gab es bereits Anfang der 90er-Jahre. Im bayerischen Kehlheim wurde erstmals das so genannte Organosolv-Verfahren großtechnisch angewendet, das Vorteile durch geschlossene Produktionskreisläufe, relativ geringen Energie-, Wasser- und Rohstoffverbrauch sowie verminderte Prozessrückstände bieten sollte. Doch wurde die gewünschte Zellstoff-Qualität nicht erreicht.

"Auf dem internationalen Markt wird gute Zellstoffqualität zu günstigen Preisen angeboten", erläutert Prof. Erich Gruber vom Institut für Makromolekulare Chemie an der Technischen Universität Darmstadt. "Damit muss jedes neue Herstellungsverfahren konkurrieren können." Und auch an ihrem Energie- und Rohstoffbedarf sowie der besseren stofflichen Nutzung der Nebenbestandteile des Holzes müssten sich neue Verfahren messen lassen.

Nach ersten Laborversuchen wird die Pilotanlage zeigen, ob die neue Technologie den Erwartungen gerecht wird. "Mit der Projektförderung wollen wir diese Laborideen in einen technischen Maßstab übertragen", sagt Nils Schröder. Erst nach Abschluss des Projektes im Jahr 2004 werde sich zeigen, ob das Zellstoff-Produkt die gewünschte Qualität hat und was die großtechnische Realisierung des neuen Verfahrens kosten wird.

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