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10.01.2003

08:44 Uhr

Deutsche Snowboarder gründen eigenen Verband – Viele Top-Sportler verzichten freiwillig auf die WM

Zum McEgg nach Kiew

VonMarcus Pfeil

Die Snowboard-WM beginnt am Samstag im österreichischen Murau. Doch nicht jeden der Brettsportler interessiert der sportliche Vergleich. Sie verdienen ihr Geld lieber andernorts.

DÜSSELDORF. Sie sind ach so freakig. Sie reden anders als andere. Ungefähr so, als wenn sie bei McDonald?s auflaufen würden. Dabei geht es um Sport. Um Snowboarding. McEgg und Liptrick und vieles mehr gehören zum Vokabular der coolsten Wintersportler. Doch auch sie scheinen ein wenig professioneller zu werden. Und damit langweiliger?

Auf jeden Fall haben die deutschen Snowboarder jetzt einen neuen Verband. Pünktlich zur WM haben sich auf offizieller Seite die German Snowboard Association (GSA) und die Snowboarder vom Deutschen Skiverband (DSV) zum Snowboard Verband Deutschland vereinigt. "Jetzt sind endlich Snowboarder am Werk", gibt sich der neue Geschäftsführer Timm Stade zuversichtlich, die 15 Jahre währende Zweiteilung zwischen Boarder und Skifahrern zu beenden. "Früher waren die Messer gewetzt. Unter dem Dach des DSV hatten die Rider Identitätsprobleme", stellt Stade fest. Erst als Boarden auch olympisch wurde, sei man sich etwas näher gekommen.

Ab Samstag, wenn die Snowboard- Weltmeisterschaft im österreichischen Kreischberg/Murau beginnt, wird sich zeigen, ob die Neugründung auch sportlich Flügel verleiht. Einige der Cracks schert die Verbandsgeschichten indes wenig: Während der WM springen etliche lieber im Rahmen eines Einladungswettbewerbes über eine Kunstschneerampe in Kiew. "Für das, was ich mache, brauche ich keinen Verband", meint David Benedek vom Ratiopharm-Snowboardteam. Die Arzneimittelfirma ist nach dem Ausstieg von T-Mobile im Übrigen das letzte deutsche Unternehmen, das sich nennenswert in der Snowboardszene engagiert.

Verbände aller Art, so die Meinung vieler Boarder, sind einfach uncool. Und bringen vor allem kein Geld. "Leider können wir keine Siegprämien zahlen", sagt Verbandschef Stade, "da wir als frisch gegründete Organisation nicht aus dem Sponsorenpool des Skiverbandes schöpfen können."

Benedek hat inzwischen zusammen mit vier finnischen Freunden seine eigene Filmproduktionsfirma gegründet. Er produziert Snowboard-Videos. Der Chef tritt selbst in den Streifen auf. Um im Gespräch zu bleiben, ist er zumindest noch bei Einladungswettkämpfen präsent. Erfolgreiche Auftritte - zuletzt gewann er bei einem Wettbewerb in Seefeld im Dezember - kurbeln den Videoverkauf an.

"Die 10 000 Euro Siegprämie, das x-te Handy des finnischen Hauptsponsors und ein Motorrad nimmt man trotzdem gern mit", lächelt Benedek. In der Szene sind die Videofilme extrem angesagt. Die Trends für den nächsten Winter werden damit gesetzt. Und die Rider befriedigen ihre Eitelkeit lieber mit einem "1 260er Frontside Air" in einem Boarderstreifen namens "Afterbang" als mit olympischem Edelmetall oder mit Medaillen bei einer Weltmeisterschaft.

Zum Glück der Veranstalter in Murau sehen das aber nicht alle Snowboarder so: Immerhin mehr als 300 Athleten aus 35 Nationen werden am Start sein. Insgesamt geht es um 27 Medaillen in fünf Disziplinen: Parallelslalom und Parallelriesenslalom, Halfpipe, Big Air und Cross. Bis zu 40 000 Zuschauer erwartet der Veranstalter auf der eigens für sieben Millionen Euro ausgebauten Snowboard-Anlage.

Die bisherigen Ergebnisse in dieser Saison lassen für die Titelkämpfe in Österreich hoffen: Bei den Alpinen ruhen die Hoffnungen in erster Linie auf Alex Deubl, dem zweifachen Jugendweltmeister. Im Freestyle konnte Vinzenz Lüps aus München im Dezember einen Halfpipe-Weltcup im kanadischen Stoneham gewinnen und wurde zuvor in Whistler Mountain Dritter. Xaver Hoffmann kam bei Halfpipe- Wettbewerben in Laax und Whistler Mountain jeweils auf Platz zwei, zudem wurde Jan Michaelis beim Weltcup-Auftakt in Chile Zweiter.

Zur Freude von Jan Mikes, dem Ratiopharm-Teammanager: "Jan ist top drauf, hat mit Abstand die beste Technik und zeigt die schwierigsten Sprünge überhaupt." Mikes traut dem Münchner Michaelis in der Halfpipe durchaus die Goldmedaille zu.

Erfolge, die der neue Verband nach dem schlechten Abschneiden der Deutschen bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City auch bitter nötig hat. Gilt es doch, der stagnierenden Sportart wieder auf die Sprünge zu helfen. Denn die fetten Jahre des ungebremsten Snowboard-Booms sind erstmal vorbei: Der Handel beklagte zuletzt einen Umsatzeinbruch von bis zu 20 Prozent. Die immer kürzer werdenden Carving-Ski und die neuen Soft-Boots führen auch bei der jungen Generation zu einem Revival der zwei Bretter.

Bei McEgg denken dann eben doch die meisten an Fast-Food.

´ Quelle: Handelsblatt

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