Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.01.2001

19:00 Uhr

Deutsche Versender sind dagegen mit Geschäft zufrieden

Online-Spielzeughändler E-Toys kämpft um das Überleben

VonWall Street Journal, J. Hofer

Massenentlassungen in den USA, die Schließung von zwei US-Warenlagern und die Einstellung der Geschäftstätigkeit in Europa - das ist die traurige Bilanz des einstigen Dotcom-Stars E-Toys. Der Internet-Händler denkt inzwischen sogar über einen Verkauf oder einen Zusammenschluss mit anderen Unternehmen nach.

MÜNCHEN. Der Online-Spielzeughändler E-Toys hat am Freitag angekündigt, 700 seiner rund 1 000 Angestellten in den USA zu entlassen. Rund die Hälfte muss sofort gehen, die anderen verlassen das US-Unternehmen Ende März. Auch das Tochterunternehmen BabyCenter.com ist von den Entlassungen betroffen. Außerdem sollen in den kommenden ein bis zwei Monaten zwei US-Warenlager geschlossen werden. Die Maßnahmen sind Teil eines breit angelegten Plans, um die Kosten zu drücken.

Mitte der Woche hatte der Internet-Händler bereits bekannt gegeben, das Europageschäft noch im Januar einzustellen und 74 Mitarbeiter zu entlassen. Ferner teilte die Firma mit, nicht wie geplant bis 2003 die Gewinnzone erreichen.

Als Begründung führt E-Toys das enttäuschende Weihnachtsgeschäft an. Mitte Dezember letzten Jahres hatte der einstige Liebling unter den Dotcom-Unternehmen bereits errechnet, dass die Weihnachtsumsätze nur ungefähr halb so hoch ausfallen wie erwartet und dass die liquiden Mittel nur noch bis März reichen würden.

Verantwortlich für seine Misere machte der Online-Händler auch die härtere Konkurrenz im Einzelhandel und die wachsende Ablehnung gegenüber dem Internet-Handel.

E-Toys hatte zur Vorbereitung auf das Weihnachtsgeschäft 2000 massiv in Warenlager und moderne Warenwirtschaftssysteme investiert, um seine Kunden nicht wie im Vorjahr durch verspätete Lieferungen zu enttäuschen. Doch das Weihnachtsgeschäft barg auch dieses Jahr eine herbe Enttäuschung, diesmal freilich für das Unternehmen. Nun prüft der Versender zusammen mit der Investment-Bank Goldman Sachs Group verschiedene Strategien zur Sanierung. In Frage kommen der Verkauf des Unternehmens oder ein Zusammenschluss.

In Deutschland hat E-Toys die Vorbereitungen für den Internet-Verkauf bereits letzten Sommer eingestellt. "Die Entwicklung war absehbar, nachdem E-Toys ihr Büro hier zu Lande so plötzlich geschlossen hat", kommentiert Mytoys-Gründer Oliver Beste die schwierige Lage des amerikanischen Wettbewerbers.

Der Aktienwert des Unternehmens, das CEO und Chairman Toby Lenk 1996 gegründet hatte, spiegelt die aktuellen Schwierigkeiten deutlich wider. Im Oktober 1999 hatte das E-Toys-Papier einen Höchststand von 86 $ per Aktie erklommen. Am Freitag notierte der Kurs an der Nasdaq gerade mal bei 0,16 $.

Zusammenschlüsse zu erwarten

In Deutschland ist ein halbes Dutzend größerer Internet-Spielwarenversender auf dem Markt. Darüber hinaus tummeln sich zahlreiche kleinere Spezialversender im Netz. Fast alle Branchenbeobachter rechnen damit, dass es schon bald zu Zusammenschlüssen unter den Anbietern kommen wird, weil einzelnen Firmen das Geld ausgeht. "In der Branche redet derzeit jeder mit jedem", erwartet Kai Schumann vom Hamburger Versender Toyzone Übernahmen und Fusionen bereits in den kommenden Monaten. Erste Anzeichen, dass die Mittel knapper werden, sind Einschränkungen in der Werbung, wie sie beispielsweise Alltoys machen musste. Nicht ohne Grund halten alle Unternehmen ihre Zahlen deshalb unter Verschluss.

Ein Versender, dem es trotz der Branchen-Engpässe anscheinend gut geht, ist Mytoys. Das Unternehmen sieht sich in Deutschland als Marktführer im Online-Spielwarenhandel. Probleme wie die von E-Toys erwartet Mytoys-Chef Beste nicht: "Wir gehen einen ganz anderen Weg als E-Toys und haben eine Partnerstrategie eingeschlagen." Wie die meisten anderen deutschen Internet-Spielwarenhändler hat sich auch Mytoys Partner in Logistik und Werbung gesucht. Damit sollen hohe Kosten wie bei E-Toys vermieden werden. So sind bei Mytoys der Versender Otto und die TV-Station Pro Sieben beteiligt.

Auch beim Weihnachtsgeschäft gibt es Unterschiede zwischen E-Toys und seinen deutschen Konkurrenten: Beste beispielsweise zeigt sich mit den Zahlen zufrieden: Der Weihnachtsumsatz von 1999 sei "sicher um das Dreifache" übertroffen worden. Optimistisch äußern sich auch andere deutsche Versender, etwa Alltoys. Mitbewerber Toyzone will die Umsätze gar verzehnfacht haben. Im Gegensatz zu E-Toys geht das Spiel der deutschen Versender vorerst also weiter.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×