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04.06.2000

18:09 Uhr

Deutsche Wirtschaft auf robustem Wachstumskurs

Sprunghafter Anstieg des HB-Ostbarometers im Juni

Neue Länder stehen nicht länger im Schatten. Die Auftragseingänge bei der Industrie, deren Geschäftsklima Höchststände erreicht, steigen nach der Abschwächung um die Jahreswende wieder. Auch in Ostdeutschland haben sich die Konjunkturdaten auf breiter Front verbessert. Die deutsche Wirtschaft bleibt auf robustem Wachstumspfad.

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HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator (Tabelle und Grafik) blieb im Juni weiterhin auf hohem Niveau. Der aktuelle Indikatorwert von 2,9% war jeweils auch in den vorangegangenen drei Monaten erreicht worden. Dies deutet auf einen Fortgang des Aufschwungs mit weiterhin hoher, wenngleich nicht überschäumender Dynamik hin. Nachdem das gesamtdeutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal mit einer gleitenden Jahresrate von 2,1% expandiert hatte, dürfte sich das Wachstum im kommenden halben Jahr zunächst nochmals verstärken.

Der Frühindikator, der die jüngste Entwicklung fast punktgenau prognostiziert hatte, lässt einen Anstieg der Wachstumsrate auf 2,7% im zweiten und auf 2,9% im dritten Vierteljahr und damit einen weiterhin robusten, aber nicht überschäumenden Konjunkturverlauf erwarten. Die Forschungsinstitute hatten in ihrem Frühjahrsgutachten für das Gesamtjahr ein Wachstum von 2,8% prognostiziert, OECD und Bundesregierung gehen derzeit von einem Wachstum um 3% aus.

Nachdem die neuen Länder lange Zeit im Schatten der westdeutschen Entwicklung gestanden hatten, scheint der Aufschwung nunmehr auch den Osten voll erfasst zu haben. Das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für Ostdeutschland (Tabellen und Grafik) setzte seinen vor drei Monaten begonnenen Erholungskurs mit einem sprunghaften Anstieg von 2,9% auf 3,7% im Juni fort. Alle in das Ostbarometer eingehenden Einzelwerte haben sich zuletzt teilweise stark verbessert.

Die Auftragseingänge des Verarbeitenden Gewerbes blieben im März in beiden Teilen Deutschlands auf ihrem hohen Vormonatsniveau. Die neuen Länder profitierten dabei von einem Großauftrag im Luft- und Raumfahrzeugbau aus dem Ausland. Auf das gesamte erste Quartal gesehen ergab sich ein saisonbereinigter Anstieg von 1,2% im Westen, während der Osten gerade sein Vorquartalsergebnis erreichte. Die vorübergehende Nachfragedelle um die Jahreswende ist damit wieder ausgebügelt worden. Sie hatte ohnehin keine konjunkturellen Gründe, wie die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht betont. Demnach ist die Zurückhaltung vieler Unternehmen in erster Linie auf die Unsicherheiten wegen des Jahr 2000-Problems zurückzuführen gewesen. Nachdem sich die befürchteten Computerabstürze nicht bewahrheitet hatten, gingen auch Bestellungen und Produktionsniveau wieder auf Expansionskurs. Dabei hat die Auslandsnachfrage inzwischen wieder klar die Führungsrolle übernommen. Ihr Anstieg um 5,1% im März für Gesamtdeutschland war stark genug, um den Rückgang der Inlandsnachfrage um 3,2% zu kompensieren.

Die günstige Lage des Verarbeitenden Gewerbes spiegelt sich auch im Ifo-Konjunkturtest wider. Die aktuelle Geschäftslage wird in der Industrie derzeit so günstig eingeschätzt wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Einschätzung der Entwicklung in den nächsten sechs Monaten befindet sich sogar auf einem Fünfjahreshoch. Im April kletterte das Ifo-Geschäftsklima im Westen nochmals leicht von 16,4 auf 16,6 Punkte. Dabei hat sich die aktuelle Geschäftslage weiter verbessert; sie wird nun erstmals wieder etwas günstiger beurteilt als die Aussichten, die abermals leicht nachgaben. Man mag in diesem seit drei Monaten anhaltenden Trend einen Vorboten dafür sehen, dass der konjunkturelle Zenit in der Industrie bald erreicht sein könnte. Die nach wie vor überaus günstige Gesamteinschätzung spricht aber dagegen, dass in näherer Zeit eine deutliche Abschwächung des Nachfragewachstums befürchtet werden müsste. Die günstige Entwicklung der Weltwirtschaft und der schwache Eurokurs dürften weiterhin für konjunkturellen Schub sorgen, was sich auch in günstigen Exporterwartungen der Unternehmen spiegelt.

Das Verarbeitende Gewerbe im Osten hat beim Ifo-Geschäftklima im April mit 16,1 Punkten endgültig zum Westen aufgeschlossen. In Sachen Optimismus haben die Ost- Unternehmen inzwischen sogar leicht die Nase vorn; der Trend bei den Geschäftserwartungen weist mit 18,4 nach 17,3 Punkten im Gegensatz zum Westen weiterhin nach oben. Auch das Geschäftsklima für die gewerbliche Wirtschaft insgesamt, welches als eine von fünf Einzelgrößen in das Handelsblatt-Konjunkturbarometer Ost eingeht, hat sich weiter erholt. Zusammen mit einer markanten Stimmungsverbesserung im Einzelhandel (-10,7 nach-25,9 Punkten) war dies ein wesentlicher Grund für den starken Anstieg des aktuellen Barometerwertes.

Auch in Westdeutschland hat sich das Geschäftsklima im Einzelhandel zuletzt wieder deutlich aufgehellt. Dahinter stand allerdings in erster Linie eine optimistischere Zukunftserwartung, während die aktuelle Lage nach wie vor als äußerst unbefriedigend erachtet wird. In der Tat lassen die jüngsten Umsatzzahlen des gesamtdeutschen Einzelhandels wenig Freude aufkommen. Nach dem zwischenzeitlichen Anstieg um fast 3% im Februar gab die Nachfrage im März saisonbereinigt wieder um 2% nach. Damit wurde im ersten Vierteljahr das Umsatzergebnis des Vorquartals um 2,5% verfehlt. Trotz der höheren Sparneigung im ersten Quartal und den steigenden Benzinpreisen erscheint aber Optimismus für den Einzelhandel durchaus gerechtfertigt.

Wenig Optimismus herrscht nach wie vor im Baugewerbe, wie die Ifo-Umfragen bestätigen. Zwar ist im März der Auftragseingang wieder etwas lebhafter gewesen; in saisonbereinigter Rechnung betrug der Zuwachs gegenüber Februar 2,7% im Westen und knapp 11% im Osten. Auf das gesamte erste Quartal gesehen konnte damit für ganz Deutschland das Ergebnis des Schlussquartals 1999 noch knapp übertroffen werden. Gleichwohl befindet sich die Bauwirtschaft nach wie vor in einem Nachfragetief. Dabei war das erste Quartal sogar noch durch das milde Winterwetter sowie durch zusätzliche Arbeitstage begünstigt. Diese Effekte lassen sich auch durch die Saisonbereinigung nicht völlig ausschalten, wie die Bundesbank im Mai-Monatsbericht betont.

Zumindest drohen der Baukonjunktur von der Zinsentwicklung in nächster Zukunft keine allzu großen Gefahren. Zwar erhöhte sich der Dreimonatszins Euribor im April weiter von 3,75 auf 3,93 Punkte, aber die durchschnittliche Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere blieb mit 5,3% stabil. Bei wieder rückläufiger Inflationsrate ist derzeit auch kein Grund für steigende Kapitalmarktzinsen am langen Ende zu erkennen. Der Rückgang der Zinsdifferenz auf 1,4 Prozentpunkte ist zwar ein tendenziell negatives Konjunktursignal, hat aber noch kein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Man kann darin sogar eine willkommene Bremse gegen ansonsten vielleicht drohende Überhitzungsgefahren sehen.

Sonderseiten vom 18.1.1993 zur Fortentwicklung des Handelsblatt-Frühindikators für Westdeutschland und vom 29./30.5.1998 zur Fortentwicklung des Konjunkturbarometers Ost sind bei der Handelsblatt-Redaktion, Wirtschaft und Politik, Postfach 102741, 40018 Düsseldorf abrufbar.

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