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16.01.2003

07:58 Uhr

Deutschen Banken müssen tiefere Einschnitte vornehmen als die Konkurrenz in Europa

Experten warnen Banken vor Sparkurs

VonChristian Potthoff

Der Sparkurs der deutschen Großbanken ist riskant. Gehen sie bei der Kostensenkung zu weit, gefährden sie ihre Wachstumsbasis. Fachleute warnen bereits vor weiteren Einschnitten im Vertriebsnetz. Die Großbanken laufen Gefahr, bei ihrem Sparkurs zu viel von ihrer Substanz abzuschneiden.

FRANKFURT/M. "Deutschlands Banken sind gefährlich nahe daran, bei ihren Sparbemühungen wichtige Ertragsquellen zu opfern", warnen die Analysten von Credit Suisse First Boston (CSFB): Übertreiben es die Banken beim Abbau von Personal, Filialen und Kreditgeschäft, berauben sie sich der Basis für künftiges Wachstum.

Seit zwei Jahren fährt die deutsche Finanzindustrie einen radikalen Schrumpfkurs. Allein die vier Großbanken sind dabei, rund 40 000 Stellen abzubauen. Zugleich dünnen sie ihr Filialnetz massiv aus. So hat die Commerzbank die Zahl ihrer Zweigstellen um 200 auf mittlerweile 725 verringert, bei der Dresdner fielen rund 300 Filialen weg.

Hintergrund ist die dramatische Ertragsschwäche der Branche. Dass an drakonischen Sparpaketen kein Weg vorbei führt, ist unter Experten unumstritten. Nach Ansicht von Wolfgang Gerke, Professor für Bankwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg, ist der Sparzwang derart übermächtig, dass man in Kauf nehmen müsse, "eventuell etwas zu viel abzuscheiden".

Genau an diesem Punkt scheint die Branche jetzt aber angelangt zu sein - vor allem bei der Ausdünnung des Filialnetzes, das bisher im Zentrum der Sparbemühungen stand. "Im Vertrieb sollten die Banken jetzt nicht mehr weiter einschneiden", warnt Hermann Bierer, der bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton europaweit für Banken und Versicherungen verantwortlich ist. Erhebliches Sparpotenzial erkennt er aber noch in den Zentralen der Banken - sowohl im Konzernmanagement als auch bei den Back-Office-Tätigkeiten wie etwa der Abwicklung von Zahlungsverkehr und Wertpapiergeschäften.

Noch einen Schritt weiter geht Marc Rubinstein, Bankenexperte bei CSFB. Er sieht Commerzbank und Hypo-Vereinsbank (HVB) bereits am Rande einer "Teufelsspirale": Auf Ertragseinbußen reagieren die Banken mit Kostensenkungen. Die führen zu weiteren Ertragseinbußen und provozieren wiederum weitere Sparpakete - Forstetzung folgt. Als Indiz für die Probleme beider Banken sieht Rubinstein, dass sie es nicht bei einer Sparrunde belassen haben, sondern immer wieder nachlegen müssen. Anderer Meinung ist dagegen Konrad Beckers von Merck Finck & Co. Er glaubt, dass der Ertragsrückgang der Banken 2002 auf die Konjunktur- und Börsenflaute zurückgeht und nicht auf Einsparungen. Auch heute noch habe die Branche "eine Menge Luft zum Sparen".

Am deutlichsten schlägt sich der Schrumpfkurs bisher bei den Krediten nieder. Hier treten die Banken seit längerem bewusst auf die Bremse - zur Freude der Konkurrenz. Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres hätten die Großbanken das Kreditvolumen in der Unternehmens- und Mittelstandsfinanzierung um über 11 Mrd. Euro vermindert, rechnet der Sparkassenverband DSGV genüsslich vor.

Ungeniert spekulieren die Sparkassen in diesem Zusammenhang darauf, den Banken dauerhaft Marktanteile abzujagen. "Wir hoffen, dass wir davon profitieren", sagt Klaus Adam, Vorstandschef der Landesbank Rheinland-Pfalz mit Blick auf die Kunden, die von den Banken zu den Sparkassen wechseln.

Weil die deutschen Banken anders als viele ihrer Konkurrenten in Europa jahrelang nichts an ihren Strukturen taten, müssen sie nun schnell und um so stärker die Kosten senken. Commerzbank und HVB müssen nach Meinung von Merrill Lynch zum Beispiel ihre Bilanzen reparieren. Nur so haben sie die Chance, ihre Ratings wieder zu verbessern. Die HVB strebt dabei eine Reduktion der Risikoaktiva (vor allem Kredite) an, was wiederum Eigenkapital freisetzt. Grundsätzlich findet diese Strategie die Zustimmung der Fachwelt. Der Haken: Zumindest kurzfristig büßt die Bank dadurch Zinsüberschüsse ein, ohne dass die Kosten sinken. Zudem müssen sich die Banken in ihrer Not auch schon mal von profitablen Teilen trennen. So steht auf der Verkaufsliste der HVB die Norisbank, obwohl sie zu den Ertragsperlen im Konzern zählt.

Die Konzentration auf Sparpakete drängt zudem notwendige Schritte zur Ertragsverbesserung in den Hintergrund. Doch "wer nur auf eine Senkung der Kosten setzt, wird nicht hinkommen", sagt Unternehmensberater Bierer. Ausländische Banken, die früher mit dem Sparen angefangen haben, können dagegen schon wieder an die Steigerung der Erträge denken. In manchen Fällen ist dies mit dem Eingeständnis verbunden, dass frühere Sparpläne zu weit gingen. Die spanischen Bankenriesen Santander Central Hispano (SCH) und Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) etwa haben für die massive Ausdünnung des Filialnetzes mit dem Verlust von Marktanteilen büßen müssen. Jetzt wird das Ruder herumgerissen. SCH will 110 neue Filialen eröffnen, BBVA in den kommenden Jahren eine Million neue Kunden gewinnen.

Quelle: Handelsblatt

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