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17.01.2003

17:55 Uhr

Deutscher Markt bereitet Amerikanern zunehmend Kopfzerbrechen

Neue IT-Manager sollen es wieder richten

Die Technologiebranche ist für ihr schnelles Tempo bekannt. In Unternehmen, die Computer, Software oder andere Informationstechnologien (IT) herstellen, können die neuesten Trends und Produkte schon morgen wieder veraltet sein. Rasantes Umsatzwachstum gehört zum Pflichtprogramm. Dieser hohen Geschwindigkeit kann sich auch das Topmanagement nicht immer entziehen.

HB/dpa STUTTGART. Bei den deutschen Töchtern von IBM, Hewlett-Packard (HP) und Microsoft wurden in den vergangenen Wochen praktisch über Nacht neue Chefs berufen. Das könnte nach Einschätzung von Branchenkennern ein Indiz dafür sein, dass der schwierige deutsche Markt den amerikanischen Konzernen zunehmend Kopfzerbrechen bereitet.

Der Ex-Chef von IBM Deutschland, Erwin Staudt (54), ist das jüngste Opfer einer solchen Überraschungsaktion. Am Dienstag wechselte der prominente IT-Manager, Miterfinder der Initiative D21 und der Green Card, ohne jede Vorankündigung in den Aufsichtsrat, ein Nachfolger ist bereits im Amt. "Die Anforderungen an das Unternehmen erfordern eine Neuaufstellung auch des Managements", hieß es in einer Mitteilung von IBM.

In Anbetracht des sanften Tons, in dem die Unternehmen sonst ihre Personalien verbreiten, ist das eine ungewöhnlich harte Formulierung. Typisch ist der Fall des deutschen AOL-Geschäftsführers Uwe Heddendorp: Er legte im Oktober 2002 "auf eigenen Wunsch" sein Amt nieder, um sich "neuen Herausforderungen außerhalb des Unternehmens" zu stellen. Nachfolger Stanislas Laurent soll nun die Sanierung der Tochter des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner vorantreiben.

Bei HP schied Heribert Schmitz (58) im Oktober nach nur 21 Monaten an der Spitze aus. Nachfolger wurde sein Vorgänger Jörg Menno Harms (63), der zu den Veteranen der deutschen IT-Branche zählt. Bei Microsoft räumte Kurt Sibold (53) nach 16 Monaten wieder seinen Stuhl. In beiden Fällen sollen persönliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Doch es ist kaum zu übersehen, dass die beiden deutschen Töchter derzeit die besondere Aufmerksamkeit der Führungsspitzen in den USA auf sich ziehen: Sowohl HP-Vorstandschefin Carly Fiorina als auch Microsoft-Gründer Bill Gates wollen in diesem Monat nach Deutschland kommen, um Werbung für ihr Unternehmen zu machen.

Der Branchenverband BITKOM erkennt einen Zusammenhang zwischen den überraschenden Personalien und dem Standort Deutschland. "Kein anderer europäischer IT-Markt läuft im Moment schlechter", berichtet Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Mit einem Rückgang von 1,3 Prozent sei der deutsche Markt 2002 als einziger in Westeuropa geschrumpft. Wenn die deutschen Manager in diesen Wochen in ihren Konzernen die eigenen Zahlen vorstellen, machen sie wenig Eindruck auf ihre Kollegen. In den USA sei die Ungeduld des Topmanagements groß. "Die Uhren ticken dort schneller." Japanischen IT-Unternehmen sei in der Regel mehr an Kontinuität gelegen. Dafür stammten ihre Länderchefs auch häufig aus Japan.

Rohleder macht die schwache Nachfrage und die Rahmenbedingungen für das schlechte Abschneiden des weltweit drittgrößten Marktes für Informationstechnologie verantwortlich. Hinzu komme ein besonders scharfer Preiswettkampf bei PCs - Discounter und Kleinhändler konkurrieren mit den Markenanbietern. Bei Entscheidungen über neue Standorte hätten die deutschen Chefs in ihren Konzernen meist schlechte Karten. Während in Tschechien bei guter Auftragslage auch mal zehn Stunden am Tag gearbeitet werden dürfe, mache das strenge Arbeitsrecht dem Manager in Deutschland einen Strich durch die Rechnung. "Der steht dann schon mit einem Bein im Gefängnis", meint Rohleder.

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