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31.01.2002

19:00 Uhr

Deutscher Meister gewinnt die Schlacht auf dem Betzenberg

Die Bayern erzwingen ihr Glück

VonMarc Thylmann

Zumindest kurzfristig haben die Münchener ihre Krise hinter sich gelassen. Beim Sieg in Kaiserslautern kämpfte die Mannschaft bis zum Umfallen. Ob das Formtief wirklich überwunden ist, wird sich aber erst am Sonntag zeigen. Dann kommt Tabellenführer Leverkusen.

HB KAISERSLAUTERN. Welch ein Jubel, welch Frohlocken auf der Bayernbank, als Claudio Pizarro den entscheidenden Elfmeter zum 5:3 gegen den 1. FC Kaiserslautern versenkte. "Der Sieg ist Gold wert", wusste Trainer Ottmar Hitzfeld hinterher, dabei sind im Pokal nach Global-Player-Maßstäben doch eigentlich nur Brosamen zu ernten. Aber egal. Selten hat ein aktueller Weltpokalsieger den Einzug ins Halbfinale des nationalen Pokals so bejubelt wie der FC Bayern.

Nach der 1:5-Schlappe beim "Meister der Herzen" Schalke 04 und insgesamt sieben Spielen ohne Bundesliga-Sieg standen vor allem zwei Akteure des deutschen Meisters in der Kritik: Leitwolf Stefan Effenberg, mit dem die Mannschaft diese Saison in der Liga noch nie gewonnen hat und den Paul Breitner bereits als "Pseudoregisseur" titulierte, und zum ersten Mal auch Hitzfeld selbst. Das Festhalten des Welttrainers 2001 an Effenberg und seine Idee, mehrere angeschlagene Spieler ausgerechnet in Schalke Spielpraxis sammeln zu lassen, hatten für Unmut gesorgt. Kaum verwunderlich, dass vor dem Anpfiff nur ein Fotograf und ein Kameramann ihre Objektive auf Lauterns Coach Andreas Brehme richteten, während Ottmar Hitzfeld sich vorkommen musste wie auf der Bundespressekonferenz.

Doch die vermeintliche Krise scheint vorbei, die Kritik ist vorerst verstummt. "In so einer Phase, die wir hatten, tut so ein Sieg besonders gut", meinte Bayerns Mittelfeldkämpfer Thorsten Fink. Hatten oder haben, Herr Fink? Hatten! Ende der Diskussion. Die Mannschaft, so Fink weiter, habe zusammengehalten und jeder den Ernst der Lage begriffen. "Für uns waren die 120 Minuten Kampf wichtig, besser als wenn wir in der 90. Minute ein 1:0 rausgedrückt hätten." So wie früher, mag er gedacht haben.

Dass Fink einer der besten Bayern-Spieler war, spricht nicht für das Match. Trainergeneral Hitzfeld hatte vor dem Spiel eine "Schlacht erwartet, die die Mannschaft liefern muss". So ging sie auch zur Sache - verbissen, kämpferisch und unter Einsatz aller physischen und psychologischen Mittel. Die Bayern waren heiß, heißer als die "roten Teufel" aus Kaiserslautern. Diese kassierten vier gelbe Karten, die Bayern fünf. Sogar Giovane Elber, der sich hinter dem Tor warm machte und das Spielgeschehen kommentierte, sah gelb. Lautern war überlegen, nutzte aber seine Chancen nicht, die Bayern verzichteten darauf, sich welche zu erspielen. So war es nur gerecht, dass die beiden Teams nach dem 0:0 nach 90 Minuten noch eine halbe Stunde länger auf dem tiefen Boden kämpfen mussten. "Wir hatten das Spiel im Griff", sagte betrübt der Lauterer Thomas Riedl, für den es "überraschend war, wie schlecht die Bayern gespielt haben". Die Fans vom Betzenberg skandierten "Und ihr wollt deutscher Meister sein?"

Hitzfeld sagte später, seine Elf sei die "glücklichere Mannschaft" an dem Abend gewesen. Aber immerhin habe sie sich "alles erkämpft, nie aufgesteckt", auch wenn man "spielerisch sicher besser spielen" könne. "Wir haben das Glück erzwungen", stellte der überragende Torhüter Oliver Kahn zu Recht fest.

Beispielsweise nach der Verlängerung. Auf welches Tor sollten die nun fälligen Elfmeter geschossen werden? Auf dieses, hinter dem die Heimfans inbrünstig sangen, oder auf jenes vor dem Bayern-Block? "Ich weiß beim besten Willen nicht, wie die Regeln sind", gab Lauterns Teamchef Brehme zu. Uli Hoeneß schon. Seit seinem verschossenen Elfmeter im EM-Endspiel 1976 dürfte sich der Bayern-Manager mit diesen Regeln auskennen. Jedenfalls stürmte er gleich auf Schiri Jürgen Jansen los und wies ihn darauf hin, dass es keine Regel gebe, nach der das Tor ausgelost werden müsse. Der Schiri könne selbst entscheiden. Welches Tor er Jansen wohl vorschlug? Lauterns Mario Basler war jedenfalls hochgradig erregt, selbst für seine Verhältnisse: "Wenn der FC Bayern was sagt, dann wird es meist auch so gemacht. Und das ist schade". Schiri Jansen sei ein "Hosenscheißer, wie es schlimmer nicht geht". Gestern forderte der DFB-Kontrollausschuss Basler auf, eine Stellungnahme zu seinen derben Worten abzugeben. Jansen selbst sagte, er habe aus Angst, die Heimfans könnten wieder Gegenstände Richtung Oliver Kahn werfen, auf das andere Tor schießen lassen. Die Bayern-Spieler verwandelten jedenfalls unter dem Beifall ihrer Fans traumhaft sicher, während bei Lautern Nenad Bjelica spielentscheidend über das Tor zielte.

"Die Haupterkenntnis des heutigen Abends ist, das Triple ist noch drin", meinte Oliver Kahn, wie so oft gratwandernd zwischen feiner Ironie und fester Überzeugung. Auch Thorsten Fink freut sich auf die nächsten Spiele, schließlich sei es eine reizvolle Aufgabe, acht Punkte aufzuholen. Am Sonntag soll es losgehen, dann kommt Tabellenführer Bayer Leverkusen nach München. "Dem werden wir als erstes einen Dämpfer verpassen", so Fink.

Mario Basler hingegen ist sich sicher: "Wenn die Bayern Meister werden, versteh? ich nichts von Fußball."

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