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23.01.2003

08:16 Uhr

Deutschland-Frankreich

Kommentar: Die Entente

VonEric Bonse

Unter Freunden ist es nicht üblich, Jahrestage zu begehen. Wahre Freunde feiern die Feste, wie sie fallen. Insofern haben die Festivitäten zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrags etwas Aufgesetztes.

Die aufwendigen Treueschwüre in Paris, Versailles und Berlin wirken deplatziert in einer Zeit, in der die deutsch-französische Freundschaft höflichem Desinteresse und heimlichen Rivalitäten gewichen ist. Sie haben einen Hautgout vor dem Hintergrund, dass Chirac und Schröder noch vor kurzem versucht haben, sich in London oder anderswo neue, attraktivere Partner zu suchen.

Doch die Seitensprünge haben sich als unfruchtbar erwiesen. Schlimmer noch: Ähnlich wie 1963, als Amerikaner und Briten im Alleingang über das Schicksal Europas entscheiden wollten, sehen sich Deutsche und Franzosen heute erneut mit einer amerikanisch-britischen Hegemonie konfrontiert. Washington und London sind offenbar fest entschlossen, in der Irak-Krise, aber auch beim Internationalen Strafgerichtshof und in vielen anderen zentralen Fragen der Weltpolitik, ohne Rücksicht auf Paris und Berlin zu agieren. Der angelsächsische Starrsinn zwingt Chirac und Schröder geradezu, den Schulterschluss zu suchen - und sei es nur, um US-Präsident George W. Bush und den britischen Premier Tony Blair zur Räson zu bringen.

Deshalb kommt das deutsch-französische Freundschaftsfest letztlich doch zur rechten Zeit. Die unverhoffte Entente zwischen Chirac und Schröder birgt die Hoffnung, die Irak-Krise doch noch friedlich und im Einvernehmen zwischen Amerikanern und Europäern zu lösen. Sie bietet die Chance, Europa in der Außen- und Sicherheitspolitik endlich zu einem unabhängigen, ernst zu nehmenden Akteur der Weltpolitik zu machen. Außerdem eröffnet sie die Möglichkeit, dass Frankreich und Deutschland die Streitigkeiten in der Wirtschafts- und Finanzpolitik überwinden, die das bilaterale Verhältnis zu vergiften und die Europäische Währungsunion zu lähmen drohen.

Der Präsident und der Kanzler scheinen entschlossen, diese Herausforderungen anzunehmen. In allen drei Kernfragen - der Irak-Politik, der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik und in der Wirtschaftspolitik - haben sie gemeinsame Positionen und Projekte angekündigt. Allerdings blieben Chirac und Schröder vor allem in der brisanten Irak-Frage reichlich vage. Hinter den Kulissen des Élysée-Palastes munkelt man, dass das kategorische deutsche "Nein" zu einer Militärintervention im Irak wohl nicht das letzte Wort sein könne. Der Sozialdemokrat Schröder ist dem Neogaullisten Chirac offenbar entschieden zu gaullistisch - Paris will sich alle Optionen offen halten.

Offen bleibt auch, ob Deutschland und Frankreich wirklich bereit sind, ihrer Zusammenarbeit eine neue Qualität zu verleihen. Letztlich kommt es darauf aber auch gar nicht an. Die letzten 40 Jahre haben gezeigt, dass am Ende "die Chemie" entscheidet, also das persönliche Einverständnis zwischen Präsidenten und Kanzler. Chirac und Schröder haben sich allzu lange misstrauisch beäugt, gelegentlich auch schikaniert. Doch nun haben sie endlich zueinander gefunden, nun ziehen sie an einem Strang. Vor der Geschichte wird man sie nicht daran messen, ob sie den Élysée-Vertrag erneuert haben - sondern daran, wie sie die Irak-Krise meistern und Europa stärken.

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