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11.03.2003

08:25 Uhr

Deutschland – USA

Analyse: Washingtons Weichspüler

Erinnern Sie sich noch an die düstere amerikanische Drohung, Deutschland werde wegen seines Irak-Kurses „irrelevant“? Vergessen Sie’s.

Erinnern Sie sich noch an die düstere amerikanische Drohung, Deutschland werde wegen seines Irak-Kurses "irrelevant"? Vergessen Sie?s. Seit einigen Tagen ist in Washington der Hebel umgestellt worden. Man streitet zwar über den Atlantik weiter um den richtigen Irak-Kurs. Ansonsten aber demonstriert die US-Regierung plötzlich neue Freundlichkeit gegenüber dem deutschen Partner. Bush und Powell loben die Bedeutung der Beziehungen, aus dem Pentagon kommt die Anfrage, ob Deutschland nicht als einer von nur fünf Partnern gemeinsam mit den USA über die Zukunft der Streitkräfte bis 2020 nachdenken möchte. Keine Frage: In Washington sind im bilateralen Verhältnis die Weichspüler am Drücker. Hardliner wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der mit seinen Äußerungen die halbe Welt verschreckte, schweigen.

Zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend sein. Zum einen wurde überdeutlich, dass der harte Kurs kontraproduktiv wirkte. Nicht nur in Deutschland hat die Drohung der angeblichen künftigen "Irrelevanz" zwar einige Politiker und Kommentatoren verschreckt - aber im Grunde den Widerstand gegen den US-Kriegskurs nur gefestigt. In Ländern wie Mexiko oder Chile hat der Auftritt als arrogante, drohende Supermacht sogar einen breiten Anti-Amerikanismus ausgelöst.

Zum anderen scheint man langsam auch in Washington aus dem Traum aufzuwachen, in dem die Supermacht alle Probleme alleine lösen kann. Sie kann es nicht - trotz aller neokonservativer Gedankenspiele über einen Giganten USA, der frei von der lähmenden Einbindung in internationale Organisationen agieren soll. Doch weil die USA eine Demokratie sind, braucht die amerikanische Regierung trotz ihrer gigantischen militärischen Mittel für ihre Außenpolitik politische Legitimation - und die erhält sie eben auch von engen Verbündeten wie Deutschland. Weil die USA wirtschaftlich zwar stark, aber keineswegs übermächtig sind, brauchen sie zudem Unterstützung bei einem Wiederaufbau etwa des Iraks. Sie können es nicht alleine.

Warum gerade Deutschland in den Genuss der neuen Freundlichkeit kommt, während Frankreich weiter Häme und teilweise Hass bezieht? Dahinter steckt die Analyse, dass der gefährlichere Gegner im Uno-Sicherheitsrat die Vetomacht Frankreich ist und eben nicht Deutschland - trotz der frühen Festlegung des Bundeskanzlers gegen einen Irak-Krieg. Zudem bleibt Berlin der perspektivisch wichtigste europäische Partner: Der größte EU-Staat mit der größten Volkswirtschaft bietet die größte Gewähr, dass eine EU-Sicherheitspolitik nicht im Gegensatz zu den USA aufgebaut wird.

Die USA haben zudem in Deutschland am meisten zu verlieren: Washington kann kein Interesse daran haben, dass als Reaktion auf harsche Töne vielleicht sogar die Nutzung der US-Militärbasen in Frage gestellt würde. Dazu kommt, dass die historische Dankbarkeit der Deutschen, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Verflechtung und die nach wie vor große kulturelle Nähe beider Länder eben doch eine tragfähige Basis sind, auf der eine enge Partnerschaft trotz aller Meinungsverschiedenheiten möglich ist. Nur darf diese Basis nicht ständig durch dumme Bemerkungen amerikanischer oder deutscher Politiker - wie jetzt Kolbows - beschädigt werden.

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