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02.07.2000

20:01 Uhr

Deutschlands beliebteste Computerspiel-Figur hat mehrere Leben

Das Moorhuhn soll für RTV goldene Eier legen

Sie sind wirklich nicht abzuschießen, die Moorhühner. Selbst den den Sprung vom Internet in die Vermarktungswelt haben sie geschafft. Sechs Mill. DM hat RTV Familiy Entertainment für die Rechte bezahlt. Aber was ist das Moorhuhn? Eine flatternde Zielscheibe? Eine moderne Biene Maja? Das Münchner Merchandising-Unternehmen will seinen Kunden keinen Bären aufbinden, sondern das Moorhuhn "Geschichten aus seiner Welt erzählen" lassen. Was es auch zu sagen haben mag, das Huhn: Merchandising-Unternehmen sehen derzeit besser aus als das Federvieh.

HB DÜSSELDORF. Mit der Stille am Moorhuhnsumpf wird es bald vorbei sein. "Wir wollen aus dem Moorhuhn eine langfristige Erfolgsgeschichte machen", sagt Klaudija Steingräber, Marketingleiterin bei der Münchener RTV Family Entertainment. Eine erste Vermarktungswelle soll in diesem Sommer anlaufen. Details will RTV aber noch nicht nennen. "Wir werden plattformübergreifende Inhalte schaffen, das Moorhuhn wird uns Geschichten aus seiner Welt erzählen", sagt Steingräber.

So viel ist klar: Neben allerlei Merchandising- Artikeln wird es auch Fernsehauftritte geben. Auf jeden Fall werde das Moorhuhn eine Stimme haben. Rund 6 Mill. DM hat RTV an die Bochumer Phenomedia AG im April für die Offline-Rechte der Kultfigur aus dem Internet gezahlt. Gekauft hat RTV eine bekannte Marke ohne Image. Denn anders als bei Biene Maja, Käptn Blaubär oder dem Fabeldrachen Tabaluga weiß niemand so recht, wofür das Moorhuhn eigentlich steht.
"Bisher ist das Moorhuhn die einzige Figur, die den Sprung vom Internet in die reale Welt geschafft hat", sagt Steingräber. Nun gehe es darum, eine konsistente Geschichte und vermarktbare Produkte um Deutschlands bekannteste Zielscheibe zu entwickeln. Ob das Huhn dabei auch goldene Eier legt, vermag derzeit niemand zu sagen.

Das Moorhuhn war keine Schnapsidee

Das Moorhuhn ist ein Zufallsprodukt. Vor zwei Jahren wandte sich der Whisky-Hersteller "Johnny Walker" an die Bochumer Phenomedia und gab das Videospiel für eine Werbeaktion in Auftrag. Für schlappe 70 000 DM entwickelte die kleine Softwareschmiede das Moorhuhn. Doch mit dem Ende der Promotion-Aktion "verschwand das Spiel in der Schublade", erinnert sich Phenomedia-Sprecher Ulf Hausmanns. Mitarbeiter kopierten sich Offline-Versionen und irgendwann "hat sich das Moorhuhn halt selbst befreit".
Massenhaft kursierte das "Ballerspiel" im Internet. Phenomedia bot eine Version zum kostenlosen Herunterladen auf seiner Homepage an.

In der Weihnachtszeit begann das Hühner-Massaker

Um Weihnachten herum brach dann ein Boom aus. Drei Millionen Mal wurde das Moorhuhnschießen heruntergeladen. Eine zweite Version ist in Vorbereitung. RTV will die Vermarktung behutsam angehen. "Wir standen vor der Wahl, ob wir das Moorhuhn schnell ausschlachten, oder ob wir einen langfristigen Charakter entwickeln", sagt Klaudija Steingräber. Bisher sind Lizenzverträge mit den Textilfirmen Satex, Herding und dem Sockenproduzenten Sox abgeschlossen worden, weitere sollen folgen.
Der Ableger der Ravensburger AG hat Erfahrung damit, vergessene Comicfiguren wieder zum Leben zu erwecken. So lässt RTV die Uralt-Figur "Urmel aus dem Ei" wieder auferstehen. Auch die Comic Helden "Fix und Foxi" feiern unter RTV-Regie via Heft und Zeichentrickserie ein Comeback. Die Spielzeug-Einkaufgemeinschaft Vedes spricht bereits von einer generalstabsmäßigen Markteinführung der "Fix und Foxi"-Figuren.

Disney bleibt die Mutter aller Merchandiser

Ob "Urmel", "Fix und Foxi" oder das Moorhuhn: Der Markt für Merchandising-Artikel boomt zur Zeit wie kein anderer. Großes Vorbild für RTV ist der amerikanische Medienkonzern Disney, der jedes Jahr rund 100 000 Produkte in den Handel bringt. Ungeschlagen sind die Verkäufe um die Knuddel-Figuren Teletubbies, mit denen bislang weltweit rund 2 Mrd. DM umgesetzt wurden.
Richtig Kasse macht die Branche allerdings im Moment mit den Pókemon-Monstern des japanischen Konsolen-Herstellers Nintendo. Der Einzelhandel erwartet in Deutschland mit Pókemon-Artikeln einen Umsatz in Höhe von 500 Mill. DM in diesem Jahr. Weltweit sollen es 7 Mrd. DM werden.

Ein Schönheitsfehler für RTV: Die Deutschland-Rechte liegen beim Erz-Rivalen EM.TV. Mit den Rechten an der Muppet-Show hat EM.TV-Chef Haffa zudem ein weiteres As im Ärmel. Bis die Vermarktungswelle rund um das Moorhuhn anrollt, müssen sich RTV und Phenomedia auch mit Trittbrettfahrern auseinander setzen. So wurde einem Gastronomen auf dem Münchener Oktoberfest untersagt, ein Moorhuhn-Essen für seine Gäste anzubieten. Denn wenn das Moorhuhn am Ende in der Pfanne landet, dann soll wenigstens bei RTV oder Phenomedia die Kasse klingeln. Ausschließen will Klaudija Steingräber ein solches Szenario zumindest nicht: "Ob es ein Chicken Mc Moorhuhn oder ähnliches geben wird, wissen wir heute noch nicht."

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