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20.01.2003

07:53 Uhr

Devisenmarkt

Analyse: Heilsame Dollarschwäche

VonNorbert Häring

Der Kurs des Dollars fällt. Und er wird weiter fallen. Das schmerzt die europäischen Exporteure. Und dennoch ist die Dollarabwertung und die damit verbundene Euro-Aufwertung eine positive, beinahe unausweichliche Entwicklung.

Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen können die USA beim gegenwärtigen hohen Dollarkurs das Defizit ihrer Leistungsbilanz nicht in den Griff bekommen. Mittlerweile steuert diese Größe auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu. Erfahrungsgemäß ist dies eine kritische Grenze, ab der die Gefahr sehr groß wird, dass es zu einer schweren Währungskrise kommt. Meist ist das vor allem für das betroffene Land ein Problem. In diesem Fall betrifft es aber die größte Volkswirtschaft der Welt mit der globalen Leitwährung und der globalen Leitbörse. Der Rest der Welt muss daher die Konsequenzen mindestens ebenso sehr fürchten wie die Supermacht selbst. Ist der Dollar jedoch schwächer, treibt das die US-Exporte und verteuert Importe, was die Leistungsbilanz ausgleicht.

Der zweite Grund, warum gerade die Euro-Aufwertung gut ist: Sie ermöglicht es der EZB, demnächst die Zinsen weiter zu senken, ohne Inflation fürchten zu müssen. Für die labile Weltwirtschaft liegt darin ein letztes nennenswertes Potenzial, das die EZB bisher nicht abrufen wollte. In anderen Ländern ist diese Möglichkeit schon ausgeschöpft: Die Leitzinsen in Japan und USA sind bereits bei null oder nicht mehr weit davon weg. Noch einmal eine Zinssenkung um einen halben Punkt in den USA und der Leitzins hat auch hier die Null vor dem Komma.

Nicht von ungefähr hat der Abstieg des Dollars aus luftiger Höhe begonnen, als die US-Notenbank Federal Reserve sich zunächst in einer umfangreichen Studie und später auch in Reden ausführlich Gedanken darüber machte, was zu tun ist und getan werden kann, wenn das Zins-Pulver verschossen ist. Es gibt auch Hinweise, dass US-Notenbankvertreter hinter den Kulissen eifrig die Schwächung des Dollars fördern und gar nicht traurig wären, wenn dies die EZB zu Zinssenkungen nötigen würde.

Ein höherer Euro-Kurs führt zu niedrigeren Importpreisen und dämpft daneben die ohnehin schwache Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum. Beides sind Gründe für die Europäische Zentralbank, den Leitzins von derzeit 2,75 Prozent ganz kräftig zu senken. Die Kombination eines festeren Wechselkurses mit deutlich niedrigeren Zinsen würde bewirken, dass die wirtschaftliche Dynamik im Euro-Raum sich von der Exportwirtschaft hin zur Binnennachfrage verschöbe. Das wäre schon für den Euro-Raum selbst von Vorteil. Noch nützlicher wäre eine solche Entwicklung aus internationalen Gesichtspunkten. Denn nur wenn der Rest der Welt mehr eigene Nachfrage entfaltet, besteht überhaupt eine Chance, die gefährlichen weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte abzubauen.

Einer verbreiteten Erwartung nach wird der Dollar wieder nach oben schießen, wenn die Drohung eines bald ausbrechenden Krieges die Märkte nicht mehr belastet. Mehr als eine zeitlich befristete Dollarerholung sollte man jedoch nicht erwarten. Letztlich führt an einer Korrektur der US-Leistungsbilanz und damit an einem schwächeren Dollar kein Weg vorbei. Offen ist nur, ob diese Entwicklung krisenhaft oder allmählich stattfindet.

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