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06.07.2000

21:30 Uhr

DFB setzt sich durch

Deutschland richtet Fussball-WM 2006 aus

Mit der knappsten denkbaren Mehrheit stimmte das Fifa-Exekutivkommitee für Deutschland als Austragungsort. Südafrika unterlag mit einer Stimme Unterschied.

dpa ZÜRICH. Deutschland ist im Jahr 2006 zum zweiten Mal nach 1974 Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft. Das 24-köpfige Exekutivkomitee des Weltverbandes FIFA gab am Donnerstag in Zürich der Kandidatur des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) um die Ausrichtung des zweiten WM-Turniers im neuen Jahrhundert den Zuschlag. Um 14.07 Uhr verkündete FIFA-Präsident Joseph Blatter mit den Worten "The winner is Deutschland" das Ergebnis des dritten Wahlgangs, in dem sich der DFB mit 12:11 Stimmen bei einer Enthaltung gegen Südafrika durchsetzte. Bereits in den beiden ersten Wahlgängen waren die Mitbewerber Marokko und England ausgeschieden.



Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Fußball-WM die Kassen im Gastgeberland Deutschland kräftig klingeln lassen wird. Die Veranstaltung wird ökonomisch ein Gewinn, so die Experten. Mit einem positiven Ergebnis bis zu 4,6 Milliarden Mark rechnet eine Forschergruppe der Universität Paderborn. Selbst bei pessimistischer Betrachtung werden 200 Millionen Mark erwartet. Darüber hinaus dürften gut eine Milliarde Mark an Steuern in die Kassen des Staates fließen.

Professor Gert Wagner, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, warnt allerdings davor, angesichts der Größe der deutschen Volkswirtschaft die wirtschaftlichen Impulse zu überschätzen. Entscheidend sei vielmehr, dass die Bevölkerung Spaß an einem derartigen sportlichen Großereignis habe. Sicher sei allerdings, dass einige Städte als Austragungsort von der WM profitieren werden

.

"Ein Mega-Ereignis wie die Fußball-Weltmeisterschaft hat Ausstrahlungseffekte im gesundheitlichen, politisch-sozialen, ökonomischen und ökologischen Bereich", heißt es in der im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erstellten Studie. Die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft könne einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gesellschaftliche Probleme zu lösen und volkswirtschaftliche Ziele zu verwirklichen.

So dürfte denn auch der Arbeitsmarkt profitieren: Stadien werden renoviert oder gar neu gebaut, was der derzeit schwächelnden Baubranche zu Gute kommt. Während der WM brauchen vor allem Gaststätten und Hotels, aber auch Sicherheitsdienste mehr Personal. Mit mit mehreren Tausend zusätzlichen Arbeitsplätzen und einer deutlichen Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes rechnen die Autoren einer Studie der Universität Osnabrück.

Laut der unter Federführung der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Rahmann und Wolfgang Weber von der Universität Paderborn erstellten Untersuchung werden beim WM-Endturnier zwischen 2,6 und 3,1 Millionen Besucher erwartet. Davon kommen 850.000 bis eine Million aus dem Ausland. Bei einem durchschnittlichen Aufenthalt von zehn Tagen werden die Gäste laut Prognose zwischen 800 Millionen und 1,5 Milliarden Mark ausgeben, einschließlich Stadionbesuch.

München sieht als feststehender Austragungsort vor allem Chancen, seinen Bekanntheitsgrad als beliebtes Reiseziel weiter zu erhöhen. Größere Investitionen plant die Stadt abgesehen von dem vorgesehenen Umbau des Olympiastadions nicht, dieser dürfte nach offiziellen Angaben knapp 400 Millionen Mark kosten. Die genaue Aufteilung zwischen Stadt, Land, Bund und Vereinen steht aber noch nicht fest.

Auch in Köln verspricht man sich einen Image-Gewinn, sollte die Stadt Austragungsort werden. Der wirtschaftliche Gewinn ist nach Angaben des Sportamtes allerdings nur schwer zu quantifizieren. Dieser hängt nicht zuletzt auch davon ab, welche Nationalmannschaften in Köln spielen. Treffen beispielsweise die Belgier und Holländer im Kölner Stadion aufeinander, so bleiben die Fans kaum länger als einen Tag. Bei Spielen von Teams aus Übersee könnten Hotels und Gaststätten sich dagegen auf höhere Einnahmen freuen.

Auch Bund und Länder gehen nicht leer aus. Die Studie der Universität Paderborn rechnet mit insgesamt gut einer Milliarde Mark an zusätzlichen Steuern. Zugleich biete die WM eine umfassende und globale Werbeplattform für Bund, Länder und Kommunen, aber auch für Wirtschaft, Kultur und Sport. Sportartikelhändler und der Merchandising-Sektor dürften ebenfalls von dem Ereignis profitieren. Den Einnahmen stehen allerdings auch nicht zu unterschätzende Investitionen der öffentlichen Hand entgegen. Bereits für die Bewerbung haben die Städte einiges für die Erstellung ihrer Unterlagen ausgeben müssen. Hinzu kommen nicht zu unterschätzende Kosten für Ausbau oder Sanierung der Fußballstadien. Am teuersten dürfte laut DFB-Bewerbungsunterlagen die Renovierung des Berliner Olympiastadions mit 550 Millionen Mark ausfallen.

Die Experten von der Universität Paderborn weisen daher darauf hin, dass im schlimmsten Fall hohe Investitionen bei einer gleichzeitig geringen Nachnutzung der Stadien zu einem negativen Ergebnis der WM führen könnten. Richtig organisiert und mit leistungsfähigen Partnern durchgeführt könne eine Fußball-WM 2006 in Deutschland jedoch zu einem sicheren ökonomischen Gewinn führen.

Mit der Fußball-WM in sechs Jahren findet zum fünften Mal eines der bedeutendsten Sportereignisse in Deutschland statt, das mit Berlin und Garmisch-Partenkirchen (1936) sowie München (1972) bereits drei Mal Gastgeber Olympischer Spiele war. 1974 hatte der DFB zum ersten Mal mit Erfolg das größte Fußball-Spektakel der Welt organisiert. Deutschland ist das dritte Land nach Mexiko (1970/1986), Italien (1934/1982) und Frankreich (1938/1998), das zum zweiten Mal eine WM ausrichtet.

Der Zuschlag durch die FIFA ist auch ein großer persönlicher Erfolg für Franz Beckenbauer, der die deutsche WM-Kampagne seit seiner Übernahme der Leitung der Bewerbungskommission im Dezember 1998 mit enormem Engagement vorangetrieben hatte. Von den FIFA - Inspektoren hatte die DFB-Kandidatur nur Bestnoten erhalten. Bei der Präsentation am Mittwoch in Zürich hatte es viel Applaus für die auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder getragene DFB-Bewerbung gegeben.



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