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02.05.2003

08:13 Uhr

Die Amerikaner wenden sich wieder den wirtschaftlichen Problemen zu

Gedämpfter Jubel an der Heimatfront

VonJens Eckhardt

Die Sieger drehen ihre Ehrenrunden. US-Präsident Bush wollte in der Nacht zu heute auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkünden, sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte in Bagdad, die US-Soldaten hätten Geschichte geschrieben und ein Volk in Rekordzeit befreit. Die Bilder sind immer die gleichen: jubelnde junge Leute in Uniform, Fahnen, triumphierend lachende Politiker schütteln herzlich ausgestreckte Hände.

Grafik: Handelsblatt.com

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WASHINGTON. Amerikanische Politiker sind Public-Relations-Profis. Sie wissen, dass elektronische Medien der Versuchung bunter Bilder nicht widerstehen können. Sie übertragen Jubel, wehende Fahnen, Hymen und schöne Worte vor martialischer Kulisse ungefiltert in amerikanische Wohnzimmer. Die Bilder sollen patriotisches Hochgefühl erzeugen, der Stolz auf die kämpfende Truppe soll auf zivile Oberbefehlshaber abfärben. Die Auftritte von Rumsfeld und Bush, bemerkte ein Kommentator, seien Wahlkampf pur für 2004.

Aber es gibt auch andere Bilder. Die New York Times zeigt auf ihrer ersten Seite einen irakischen Zivilisten, der von US-Truppen erschossen wurde. Die Nation ist verwirrt und gespalten. Niemand bedauert den Sturz des Saddam-Regimes, aber zu viele Fragen sind noch offen, als dass den Amerikanern nach Konfettiparaden zu Mute wäre. Wo sind die Rechtfertigungen für den Krieg? Die Verbindungen zu den Terroristen des 11. September sind nicht bewiesen, Massenvernichtungswaffen wurden bisher nicht gefunden. Viele Iraker jubeln ihren angeblichen Befreiern nicht zu, sondern demonstrieren gegen sie. Gefallene US-Soldaten erhalten ein Heldenbegräbnis, aber die Zweifel, ob ihr Einsatz notwendig war, werden nicht ausgeräumt.

Nicht nur wegen des leichten und schnellen Sieges gegen einen zweifelhaften Feind ist vielen Amerikanern nicht zum Feiern zu Mute. 2,6 Millionen Arbeitsplätze wurden in den vergangenen zwei Jahren abgebaut. Obwohl die Zinsen den niedrigsten Stand seit 40 Jahren erreicht haben und die Bush-Administration ein Steuersenkungspaket durch den Kongress gebracht hat und massiv Deficit-Spending betreibt, lahmt die Wirtschaft. Firmen leiden immer noch unter einem Kater nach der High-Tech-Party in den 90er-Jahren und investieren nicht. "Die jüngsten Produktivitätsfortschritte sind enorm", sagte jetzt Notenbankchef Alan Greenspan vor dem Kongress und erklärte auch gleich, was das bedeutet: Was an Nachfragezuwachs da ist, können Firmen mit weniger Personal befriedigen. Dass die von Bush geforderten Steuersenkungen notwendig sind, um ein Wachstum zu bringen, das sich auch kurzfristig in mehr Beschäftigung niederschlägt, bezweifelt nicht nur Greenspan. Selbst das republikanisch geführte Haushaltsamt des Kongresses erklärte, die Wirkungen würden bescheiden sein.

Kritisiert wird ebenfalls die Leichtigkeit, mit der 79 Mrd. Dollar für den Irak-Krieg bereitgestellt wurden, während die Bundesstaaten nicht wissen, wie sie ihre Haushaltslücken von insgesamt rund 100 Mrd. Dollar stopfen sollen. Selbst republikanische Gouverneure wissen, dass neue Lasten auf sie zukommen, wenn Washington weitere Steuersenkungen beschließt. Bereits heute müssen sie Kindergärten zumachen, Lehrer entlassen und Straßenreparaturen zurückstellen.

Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu ihren nationalen Symbolen als Deutsche. Sie lieben schöne Paraden - die allerdings nur verbergen, dass die Weltmacht am Tropf ausländischen Kapitals hängt und Millionen ihrer Bürger weder eine gute Schulausbildung noch Zugang zu einer erschwinglichen Krankenversicherung bietet. Niedrige Inflationsraten werden mit Billigimporten erkauft. "Wir verlieren unsere industrielle Basis", klagte der Abgeordnete Manzullo aus Illinois. Die USA zahlen einen hohen Preis für ihre Rolle als Lokomotive für die Weltkonjunktur: Ihr Zahlungsbilanzdefizit bewegt sich auf 600 Mrd. Dollar pro Jahr zu. Um es zu finanzieren, müssen dem Land an jedem Werktag mehr als zwei Mrd. Dollar Kapital aus dem Ausland zufließen. Weil auf der anderen Seite der Staatshaushalt in die roten Zahlen rutscht, tut sich ein Zielkonflikt auf, für den Fähnchenschwenken keine Lösung bietet: Ausländische Investoren fordern attraktive Zinsen, die US-Regierung mit einem Schuldenberg von derzeit über 6 000 Mrd. Dollar jedoch möchte die Zinsen niedrig halten.

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