Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.01.2003

18:52 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Der Arbeitsmarkt: ignoriert und schöngeredet

VonLars Halter

Hirn an Börse: Der Arbeitsmarktbericht ist schlecht, die Arbeitslosigkeit steigt. Hirn an Börse: Kurse runterfahren. Hirn an Börse, Hirn an... keiner da? Offensichtlich nicht, jedenfalls hört am Freitag niemand zu. Ein katastrophaler Arbeitsmarktbericht belastete die US-Märkte nur kurz, am Mittag handelt der Dow schon wieder flach, die Nasdaq zieht es sogar wieder ins Plus.

Was ist passiert? An der Wall Street hält man an der Neujahrs-Euphorie fest. Anleger wollen wieder gewinnen, und solange alle an einem Strang ziehen, geht das Konzept auch auf. Und alle ziehen an einem Strang, zumindest solange gute Nachrichten gesendet und schlechte beschönigt werden. Und genau das passiert zum Wochenschluss.

Man sollte glauben, dass es an einem Arbeitsmarktbericht wie dem für Dezember nun wirklich nichts mehr zu beschönigen gibt. Die Zahl der gestrichenen Stellen ist mit 101 000 so hoch wie seit fast einem Jahr nicht mehr - Analysten hatten damit gerechnet, dass die US-Wirtschaft 33 000 Stellen geschaffen hätte. Deutlicher kann man kaum daneben liegen.

Noch unverständlicher ist indes, auf welchen Zahlen die Novemberdaten beruhten. Denn da wurden nicht 40 000 Jobs abgebaut, wie gemeldet worden war, sondern ganze 88 000 - die Rechner in Washington lagen um 60 % daneben. Auch die Zahlen für Oktober wurden um 19 000 nach unten revidiert.

Verdacht auf Manipulation liegt nahe

Der Verdacht liegt nahe, dass die Arbeitsmarktzahlen keinen wirklichen Überblick auf die Konjunktur zulassen, sondern vielmehr auf die Bedürfnisse der Regierung zurechtgeschnitten, sprich: manipuliert sind. Vor den Kongress- und Senatswahlen kam den Republikanern ein starker Arbeitsmarkt recht, jetzt brauchen sie schwache bis verheerende Zahlen um das umstrittene Steuerpaket von Präsident Bush durchzudrücken. Wenn die Demokraten dem 670 Mrd. $ teuren Paket die Zustimmung verweigern, dann wird man ihnen vorwerfen, einer konjunkturellen Erholung im Wege gestanden zu haben.

Was sich aus den Arbeitsmarktdaten wirklich lesen lässt, ist schlicht, dass Corporate America noch immer nicht begonnen hat, neue Leute einzustellen. Man hätte sich das auch denken können, da ja die Meldungen über weitere Entlassungen nie abgerissen waren und erst am Mittwoch der Alu-Riese Alcoa, einer der wichtigsten Zykliker in den USA, den Abbau von 8000 Stellen bekannt gegeben hatte - von der viel beschworenen Erholung (Bush, Greenspan) fehlt jede Spur.

Zynisches Statement von UBS Warburg

Einige Analysten sehen das anders, darunter die Experten der UBS Warburg. Ihr Statement liest sich fast zynisch. Der Einzelhandel habe angesichts des schwachen Weihnachtsgeschäfts weniger saisonale Hilfskräfte eingestellt als sonst, gibt man die Situation zunächst ganz richtig wider, um dann zu folgern, dass das gar nicht so schlecht ist. "Nachdem die Firmen im November und Dezember weniger Leute eingestellt haben, können sie im Januar auch weniger entlassen." Na, dann ist ja alles in Butter. Hut ab vor den Konjunkturprofis der UBS Warburg!

Doch wie viele Amerikaner ihren Job verlieren ist für die Konjunktur auf der Suche nach der Trendwende weniger wichtig als die Frage, wie viele einen neuen Job finden. Da sieht es aber düster aus. Statt neue Arbeiter einzustellen, tun die Arbeitgeber alles, um die Produktivität der Beschäftigten zu erhöhen. Längere Arbeitswochen, mehr Überstunden, höhere Stundenlöhne... Unternehmen können ein kleines Auftragsplus mit den Leuten bewältigen, die sie schon haben. Und an einen Boom und die Notwendigkeit neue Stellen zu füllen glaubt niemand.

Erkannt haben das offensichtlich nur die, die der Entwicklung bereits zum Opfer gefallen und seit Wochen auf Jobsuche sind. Angesichts immer schlechterer Chancen auf eine Stelle haben viele die Suche abgebrochen und sind deshalb auch aus der Statistik gerutscht. So notiert zumindest die Arbeitslosenquote weiter auf 6 %. Den Pool derer eingerechnet, die mittlerweile resigniert haben, schnellt die Quote auf 8,9 %.

Dass sich der Aktienmarkt zum Wochenschluss dennoch einigermaßen stabil hält, ist mit Vernunft nicht zu erklären. Es ist wohl doch die Euphorie der Anleger, die nach drei Minus-Jahren an eine Trendwende zumindest glauben wollen. Langfristige sind Kursstürze jedoch vorprogrammiert.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×