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14.01.2003

19:15 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Die größte Gefahr ist ein naiver Investor

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Der Weg durch das Börsenjahr ist ein steiniger, und er hat viele Schlaglöcher. Zu den größeren Gefahren, die den US-Märkten in diesem Jahr drohen, gehören ein möglicher Irak-Krieg, der dadurch vielleicht steigende Ölpreis, die Krisen in Nordkorea und Venezuela, die hohe Arbeitslosigkeit, und der Investor selbst. Denn der verfolgt den Markt mit einem hohen Maß an Naivität.

wsc NEW YORK. Was David Rosenberg, Chef-Ökonom von Merrill Lynch, am Dienstagmorgen in New York erklärte, werden wohl vor allem viele Amerikaner als anmaßende Rüge zurückweisen. Dabei täten sie besser daran, Rosenberg als letzten Warner zu sehen. Tut die Mehrheit das nicht, droht den USA wieder eine Blase am Aktienmarkt, und dass diese schneller platzt als die vorige dürfte nicht weit hergeholt sein.

Zwei Themenkomplexe sind es, so Rosenberg, die der Investor naiv angeht: das geopolitische Umfeld und die Unternehmensgewinne - und beide werden das Börsenjahr maßgeblich prägen.

Die geopolitischen Sorgen des Marktes drehen sich zur Zeit größtenteils um ein Thema: den Irak-Krieg. Die Wall Street versucht, den militärischen Einsatz am Golf zu beziffern und in den Markt einzurechnen. Welche Zahlen dafür einbezogen werden sollten ist ebenso umstritten wie das Kriegsszenario, um das es letztlich geht. Schlagen die Amis eine Schlacht nach Cäsars Motto? Ich kam, sah, siegte, Krieg vorbei, alles wird gut? Oder wird der Kampf gegen Saddam Husseins Truppen ein langer, dem viele US-Soldaten zum Opfer fallen und der das ohnehin schwierige Machtgefüge im Nahen Osten völlig kippt?

Dass sich jedoch der Markt mit solchen Fragen und Spekulationen aufhält, ist für Rosenberg Teil des Problems. "Unsere geopolitischen Sorgen gehen über den Irak-Konflikt hinaus", sagt er. "Die USA stehen vor einer Dekade großer Veränderungen im internationalen Umfeld." Dazu gehören nicht nur die TV-präsenten Probleme in Nordkorea und Venezuela, sondern auch der Konflikt in Nigeria und ein abstraktes Spannungsfeld, das die USA - so Merrill Lynch - in Richtung einer Aufrüstungspolitik wie zu Zeiten des Kalten Krieges treibt.

Diese Zusammenhänge nicht zu sehen, könnte den Investor teuer zu stehen kommen. Nicht nur der verliert, der sich jetzt Rüstungsaktien entgehen lässt nur weil sie schon satt gestiegen sind, sondern auch der, der mit zuviel Optimismus eine Erholung der Märkte nahe wähnt, wenn nur Saddam ausgeschaltet ist.

Ebenso teuer zahlt der optimistische Investor, der ein Problem vor der eigenen Tür nicht erkennt: die nach wie vor schwache Qualität der Ergebnisse. Rückblende. Noch im Rahmen der Bilanz- und Vertrauenskrise hatte man an der Wall Street in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres Pro-forma-Ergebnisse verdammt, zahlreiche Analysten wollten sich um die Zahlen kümmern, die wirklich "unterm Strich" stehen. Dieser Vorsatz ist irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahrsrallye versumpft. Was vielleicht erstmals am Beispiel McDonalds zu sehen war. Der Dow-notierte Burger-Riese warnte im Dezember, er müsse erstmals seit dem Börsengang vor 35 Jahren einen Quartalsverlust ausweisen - doch weigerten sich viele Investoren und Analysten, diese erschütternde Tatsache anzuerkennen. McDonalds mache sehr wohl einen Gewinn, hieß es, zumindest operativ. Hohe Abschreibungen machten die Bilanz kaputt. Na und? - Es bleibt die Tatsache, dass das Unternehmen rote Zahlen schreibt.

"Anleger haben den Fokus schon wieder verloren", schimpft Richard Bernstein, Merrill Lynchs Chef-Stratege. "Ebitda-Gewinne sind zurück, kaum dass man sie verbannt hat, und die Qualität der Ergebnisse spielt keine Rolle mehr." Das und ein halbes Dutzend weiterer Gründe hat dazu geführt, dass Bernstein zum Jahreswechsel den Aktienanteil im strategischen Portfolio seines Hauses noch einmal gesenkt hat.

Was Bernstein noch bemängelt: Die wahren Ergebnisse von Corporate America seien "so unvorhersehbar wie seit 60 Jahren nicht mehr", hoch volatile Aktien sind teurer als sichere Papiere, einen Aufwärtstrend begründen viele nur noch mit den Kursgewinnen der vergangenen Wochen statt mit fundamentalen Ursachen... Bernstein folgert: "Der Aktienmarkt ist hoch spekulativ."

Dennoch hat der Experte einige Tipps für 2003. In seinem Portfolio finden sich kapitalstarke Unternehmen, Energiewerte (Bernstein: "Der todlangweilige Strom-Sektor hat in 2002 den Markt stehen gelassen."), Rüstungs- und Pharmaaktien und die dividendenstarken Papiere. "Back to Basics" überschreibt er deshalb seine Prognose für 2003 - zurück zu den Wurzeln, in die einst so beliebten sicheren Häfen. Dort soll der Aktionär sitzen und die Sinne schärfen, die ihm auch drei Jahre nach dem gloriosen Bullenmarkt noch vernebelt sind.

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