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07.01.2003

18:41 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Die heimliche Rally der Hightechs

VonLars Halter © Wall Street Correspondents (Inc.)

Den dritten Handelstag in Folge schaut die Wall Street auf das Steuerpaket, das US-Präsident George W. Bush am Mittag in Chicago vorstellen will. Denn spielen im Handel auch ein nach wie vor drohender Irakkrieg und die Krise um Nordkorea eine Rolle - und eher unbeachtet klettert eine Branche in ungeahnte Höhen: die Hightechs.

Die Aktien der Computer-, Chip- und Netzwerk-Unternehmen haben an nur vier Handelstagen in 2003 bereits 6 % zugelegt. Ach, seufzen die Träumer, so etwas hatten wir früher am laufenden Band. Mittlerweile sieht es vielmehr so aus, als seien die Hightechs in eine saisonale Zwischenrallye gestartet, um dann Ende Januar oder in den ersten Februarwochen wieder einzubrechen.

Was treibt die Aktien, was besiegelt ihren Rückzug in wenigen Wochen? - Die Papiere legen zur Zeit zu, weil ein Teil der Steuervergünstigungen im Bush-Plan den Unternehmen zugute kommt, die fortan schneller abschreiben und höhere Gewinne ausweisen können. Es scheint nach wie vor, als seien Gewinne einzelner Unternehmen alles. Aus ihnen lesen die vor allem zu Jahresbeginn zweckoptimistischen Experten den Trend der Branche - über die teils noch sehr schwachen Umsätze schauen sie geflissentlich hinweg.

Dass die Gewinne zumindest in den nächsten Wochen stimmen dürften, wird auf dem Parkett fast schon als sichere Nachricht gehandelt. Erste Beispiele gibt es ja bereits, so von EMC, von Vignette, Siebel oder am Dienstagmorgen WebMethods. Sie alle haben die Prognosen bestätigt oder sollen dies noch tun - und vor allem bei den Software-Programmierern soll das auf Stärke für den Sektor deuten. Die sprechen anfällige Warnungen üblicherweise frühzeitig aus, haben das bislang aber nicht getan. Ein gutes Omen? - Gut genug für die zahlreichen Fondmanager, die drei Jahre lang herbe Verluste einfahren mussten und nun ihre Portfolios umschichten, um bloß keinen Aufschwung zu verpassen.

Anleger werden aus Schaden nicht klug

Dass der zumindest zeitweise kommt, hat indes noch einen anderen Grund, der besonders den Softwaresektor stärkt. Die Unternehmen haben zuletzt ihre Gewinnerwartungen so krass gesenkt, dass sie nun im Quartal patzen und dennoch über den Schätzungen abschließen können. Da nun auch der Anleger aus Schaden offensichtlich nicht immer klug, sondern manchmal vor allem gierig und panisch wird, stürzt er sich weiter auf pro forma-Daten und das Verhältnis von Gewinn zu Prognose statt auf Umsatzzahlen, Nachfrageentwicklung und langfristige Chancen.

"Der Optimismus der Anleger zu Jahresbeginn ist nachvollziehbar", entschuldigt Carlos Asilis von JP Morgan seine Kunden und Kollegen. "Wenn die ersten Unternehmen warnen, ist aber Schluss." Asilis gehört zu den wenigen Bären, die auch im Jahr 2003 einen Abwärtstrend an den amerikanischen Börsen sehen. Für die Hightechs sieht er die Kehrtwende nach unten um Mitte Februar, und er sieht überhaupt nur eine Chance, um diesen herum zu kommen, beziehungsweise ihn zu schwächen: M&A. Der zuletzt fast täglich totgesagte Bereich Mergers & Acquisitions könnte der Weg aus der Krise sein, in den Hightech-Branchen so sehr wie nirgends sonst. Durch Merger oder einfache Übernahmen muss sich ein nach Expertensicht total übervölkerter Markt verschlanken, der Preisdruck zu vieler Konkurrenten muss nachlassen, dann setzt eine fundamentale Wende in den Unternehmensbilanzen ein - hin zu echten Gewinnen.

Enormer Preisdruck im Telekommunikationssektor

Einfachstes Beispiel für den enormen Preisdruck ist der Kampf um Marktanteile im Telekommunikationssektor. Die Anbieter von Orts- und Ferngesprächen luchsen sich gegenseitig Kunden ab, in dem sie sich gegenseitig mit Dumpingangeboten unterbieten, die kein Unternehmen lange finanzieren kann. Der Dow-notierte Telekom-Riese SBC Communications hat Kunden zuletzt versprochen, ihre Telefonrechnungen ein Jahr lang um 40 % zu senken, wenn sie nur dem Konkurrenten AT&T den Rücken kehrten und ins SBC-Netz wechseln würden.

Und der Internetdienstleister Hotels.com hat erst zum Wochenstart berichtet, wie ihm der Preisdruck die Ergebnisse verhagelt hat. Das Unternehmen, das online Hotelzimmer in der ganzen Welt vermittelt, konnte im abgelaufenen Quartal nicht mehr so viel verlangen wie man eigentlich veranschlagt hatte - Schnäppchenangebote anderer Anbieter hätten die Website glatt aus dem Netz oder zumindest aus den "Favoriten"-Listen der User gefegt.

Merger und Übernahmen sehen Experten indes nicht nur als Heilmittel für eine darbende Hightech-Branche, sondern sie erwarten, dass in diesem Jahr auch einige über die Finanzbühne gehen werden. Einige Analysten haben bereits mehrfach den deutschen Software-Programmierer SAP als interessantes Ziel für den Branchenriesen Microsoft beschrieben, andere halten sich eher an die kleinen Fische. Vadim Zlotnikov, Hightech-Stratege bei Sanford Bernstein hat eine Liste von Unternehmen zusammengestellt, deren Börsenwert nahe des tatsächlichen Barbestands liegt, und deren niedriges Preisschild das Interesse einiger großer Konzerne auf sich ziehen könnten.

Auf seiner Liste stehen Unternehmen wie der Computerbauer Gateway, der Chipausrüster Applied Micro Circuits, der Telekomausrüster Comverse Technologies, die Netzwerker Sycamore und 3Com sowie die Software-Schmieden Eclipsys, Ascential, Vignette, Epiphany und Openwave.

Wie unsicher die Lage der Hightechs ist, zeigt jedoch die Zurückhaltung des Analytikers Zlotnikov, der Anleger explizit warnt, bei den genannten Unternehmen einzusteigen. "Das ist ein riskantes Spiel", meint er. Sicher, im Falle einer Übernahme dürften die Aktien steil klettern. Bleibt diese aber aus wolle er nicht einmal ein Überleben der Unternehmen garantieren. Von einer absehbaren Trendwende will auch er folglich nicht sprechen, im Gegenteil: "Viele Hightechs könnten 2003 einfach das Zeitliche segnen."

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