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30.01.2003

18:20 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Die Uhr tickt, die Wall Street wartet

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Nach dem Bericht von Hans Blix vor der UNO und nach Präsident Bushs Rede zur Lage der Nation hatte man damit gerechnet, dass die Wall Street eine Richtung finden würde - weit gefehlt. Am Donnerstag liefern sich Bullen und Bären ein Tauziehen, die Indizes rutschen mal über und mal unter Null.

wsc NEW YORK. Was den Markt noch immer bremst: Die alte Unsicherheit um einen Irak-Krieg, die immer neue Deadlines sieht.

Dreimal hat Hans Blix, der Chef der Waffeninspekteure in den letzten Wochen vor den Vereinten Nationen gesprochen - dreimal hatten sich Analysten im Vorfeld darauf festgelegt, dass Anleger Klarheit über die Situation im Golf, einen eventuellen Krieg und folglich ihre Motivation zum Aktienkauf bekommen würden. Zuletzt legte Blix am Montag dieser Woche einen Bericht vor, den die Amerikaner als abschließendes Statement betrachten wollten - die Wall Street leitete daraus keine Richtung ab, man vertagte sich noch einmal auf Dienstag und wollte den Präsidenten hören.

Bush unterdessen fand klare Worte in Sachen Irak: Dass der Präsident fest entschlossen ist, im Golf mit militärischen Mitteln weiter zu arbeiten, konnten auch Laien sehen. Der Markt reagierte sofort mit dramatischen Verlusten, nur um danach wieder aufzuholen und nahezu unverändert zu schließen, denn man hatte aus der Rede zur Lage der Nation keine Richtung erkannt sondern einen erneuten Aufschub - auf Montag. Dann will Außenminister Colin Powell vor der UNO weitere Beweise vorlegen, die die tatsächliche und imminente Gefahr belegen sollen, die vom Diktator Saddam Hussein ausgeht.

"Solange Powell nicht gesprochen hat, halten Investoren ihr Geld zurück", befürchtet Alan Ackerman, der Marktstratege vom Brokerhaus Fahnestock. Schon die Nachmittagsrallye nach der Bush-Rede habe nichts mit dem Krieg und einer Richtungsfindung zu tun gehabt, so der Experte, sondern sei technischer Natur gewesen - Schnäppchenjäger hätten in einem überverkauften Markt zugeschlagen, und dann nicht einmal nachhaltig genug, die Rallye über den Tag zu retten.

Nun also Montag. Die Uhr tickt, die Wall Street wartet.

Unabhängig von Art und Anzahl der Beweise, die Powell gegen den Irak vorlegen wird, fragt man sich auf dem Parkett, was danach kommt. Denn einen Startschuss wird der Außenminister wohl nicht geben. Powell dürfte wieder nur die Entschlossenheit seines Landes zu einem Krieg erklären, für den Fall, dass... - und dann wird er wieder eine Deadline nennen, zu der er Signale von hier und dort empfangen möchte und Bereitschaft sehen und eine Entscheidung treffen. Dem Markt wird auch das wieder nicht helfen.

Je länger das Vorgeplänkel eines Krieges anhält, desto größer werden die Probleme, die die Wall Street endgültig kippen könnten: Zum einen steht das Volk bekanntlich nicht einmütig hinter der Haudrauf-Strategie des Weißen Hauses, und zum anderen hinterfragen immer mehr Experten, ob ein Krieg dem Markt die Sicherheit wiedergeben könnte, die man sich wünscht. Sicher, für die Börse waren sowohl die beiden Weltkriege als auch Vietnam, Korea und der erste Golfkrieg ein Segen. Doch birgt ein Krieg Gefahren, die in diesem Ausmaß bisher nie eine Rolle spielten: Massenvernichtungswaffen, brennende Ölfelder, die fehlende Rückendeckung von Bündnispartnern und den Ländern im Osten... Anleger hätten nicht viel Grund, in US-Aktien zu investieren.

Während des alltäglichen Auf und Ab scheint nur eines klar: Die Börse steckt in einem Dilemma, das die Kurse noch einige Wochen oder Monate drücken dürfte. Ein Krieg mit unbekannten Gefahren führt nicht zu der viel beschworenen Rallye. Entscheidet sich das Weiße Haus indes überraschend, doch nicht einzumarschieren und stattdessen auf Kurs der Vereinten Nationen zu bleiben, bleibt die Unsicherheit. Denn bei der aktuellen Entschlossenheit Bushs für einen Krieg werden Beobachter gut daran tun, auf eine gegenteilige Nachricht nicht plötzlich mit massiven Käufen zu reagieren. Die Unsicherheit würde im Markt bleiben - bis eine neue Deadline kommt.

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