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08.01.2003

19:24 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Die Wahrheit über den Januar-Indikator

VonLars Halter © Wall Street Correspondents (Inc.)

Jetzt ist Schluss mit lustig. Die Euphorie, mit der die Wall Street ins neue Jahr gestartet ist, weicht den bitteren Fakten, die aus den Unternehmen aufs Parkett dringen: Riesenverlust bei Alcoa, Gewinnwarnung bei Gateway, schlechte Aussichten bei Intel und Cisco, kaum Besucher in Las Vegas... am fünften Handelstag wird es Zeit, sich noch einmal mit dem viel beschworenen Januar-Indikator auseinander zu setzen.

Die ersten fünf Handelstage im Januar geben die Tendenz für das ganze Jahr vor, so die Mär. Doch da dürfte mancher schief gewickelt sein. Denn nach einem Neujahrsfeuerwerk am ersten Börsentag und einer Rallye zur Begrüßung von Präsident Bushs aktionärsfreundlichem Steuerpaket bilanziert der Dow zum Mittwoch ein Plus von 3,7 %, die Nasdaq ist um 5,5 % geklettert und der marktbreite S&P steht mit stabilen 3,9 % im grünen Bereich.

Dass es nun für den Rest des Jahres so weitergeht, ist höchst unwahrscheinlich, und ein paar Zahlen am Mittwoch belegen das auch. Dass Alcoas Gewinn selbst exklusive einmaliger Posten um 36 % an den Prognosen vorbeischrammt, und dass unter Einbeziehung gigantischer Restrukturierungskosten gar ein Minus von 223 Mio. $ oder 27 Cent zu Buche steht, all das stimmt nicht gerade hoffnungsfroh. Dass das Unternehmen 8000 Mitarbeiter entlässt, deutet zudem nicht gerade auf gute Aussichten hin, was umso schwerer wiegt, als Alcoa als Alu-Riese einer der großen Zykliker ist, deren Ergebnisse Rückschlüsse auf die Konjunktur durchaus zulassen.

Auch den Hightechs fehlt der Boden

Doch sind es nicht nur die Unternehmen der Old Economy, denen wohl noch einmal ein schwieriges Jahr bevorsteht. Sicher, aufgrund der Airline-Flaute liegt die Flugzeugbranche darnieder, und daher rührt die Krise bei Alcoa. Doch auch den Hightechs fehlt der Boden, auf dem Umsatz und Gewinne derart wachsen können wie manch optimistischer Analyst dies erwartet. Bei Intel rechnet man damit, dass sich die IT-Ausgaben der Unternehmen im ersten Halbjahr nur minimal verbessern, bei Cisco hat man selbst diese Hoffnung aufgegeben und bereitet sich auf "ein weiteres schwieriges Jahr" vor, wie CEO John Chambers am Dienstagabend erklärte.

Am Mittwoch spiegelt sich die Krise der Hightech- und Computerbranche in den Zahlen des PC-Bauers Gateway wieder. Aufgrund der schleppenden Nachfrage rechnet das Management mit einem Verlust 50 % über den bisherigen Schätzungen. Dabei ist es nicht nur der Preiskampf mit Konkurrenten wie Dell und Hewlett-Packard, der dem Unternehmen Kummer macht, es sind vielmehr die allgemeine Marktschwäche und die mangelnde Investmentbereitschaft, die eben nicht nur große Unternehmen befallen hat, sondern auch den kleinen Konsumenten.

Dessen Hauptsorge ist und bleibt der Arbeitsmarkt - in 2003 dürfte die Arbeitslosenquote von zur Zeit 6 % noch weiter steigen. Einen ersten Blick auf die jüngsten Entwicklungen wird es am Freitag geben, wenn der Bericht für Dezember vorgelegt wird. Da werden die 8000 Arbeiter, die ihren Werksmantel mit dem Alcoa-Sticker abgeben müssen, noch gar nicht eingerechnet sein.

Lässt sich aus dem Januar-Indikator also gar nicht auf den Rest des Jahres schließen? - Selbstverständlich nicht. Dass der Handel an den ersten fünf Tagen sei Jahrzehnten meist mit der Jahrestendenz übereinstimmt, ist nicht mehr als eine Laune der Märkte. Die ist alles andere als konstant, auch im vergangenen Jahr legten die Märkte an den ersten fünf Handelstagen satt zu: der S&P 500 um 1 %, der Dow um 1,3 %, die Nasdaq gar um satte 5,6 %. Zwölf Monate später... nun ja, die Bilanz ist bekannt.

Aktionäre sehen den Januar als Neubeginn

Warum der Januar-Indikator in diesem Jahr wohl wieder irreführend ist, lässt sich leicht erklären. Für die Konjunktur macht es keinen Unterschied, ob der Kalender Januar zeigt oder Juli oder November. Für den Menschen - auch den Aktionär - macht es hingegen einen großen Unterschied, er sieht den Januar als den Neubeginn, der er nicht ist. Mit guten Vorsätzen geht es ins neue Jahr. Im Januar sind die Fitnessclubs voll, die Aschenbecher leer, die Nachfrage nach fettfreien Joghurts geht hoch und die Börse eben auch. Doch während der Mensch seine Neujahrsvorsätze im allgemeinen nicht durchhält, fasst der Markt erst gar keinen.

Ein genauer Blick auf die ersten fünf Handelstage liefert übrigens schon einen Beweis dafür, dass Anleger die Märkte nur aus guter Laune in die Höhe getrieben haben und nicht etwa weil sie fundamentale Verbesserungen für die Konjunktur gesehen hätten: Dem Kursfeuerwerk am ersten folgte eine Pause am zweiten Tag, der Rallye am dritten folgte eine Pause am vierten und nun sogar am fünften Tag - Zukäufe bei Kursgewinn finden nicht statt, Anlegern fehlt der Mut, weil ihnen der Glaube fehlt und ein Fünkchen Hoffnung der Konjunktur nicht hilft.

Der Januar-Indikator ist also eine Mär. Sie wird jeweils zum Jahreswechsel immer wieder aufgetischt werden, und das ist gut so. Denn sie ist ein Stückchen Unterhaltung im Zahlenalltag, sie gibt Anlass zu weitreichenden Überlegungen. Die Legende hören sollte man immer wieder, ihr zu folgen empfiehlt sich nicht.

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