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17.01.2003

19:30 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Ein (un)beliebter Präsident und die Börse

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

"Wenn ich heute etwas bullisher bin als bisher, dann liegt das daran, dass George W. Bush ein besserer Präsident ist als man erwartet hätte", schreibt Barton Biggs, der Chefstratege von Morgan Stanley, und er leitet aus der Stärke Bushs einen starken Aktienmarkt ab. Biggs schreibt weiter: "Bush ist der stärkste und beliebteste Präsident seit Ronald Reagan..." - und Biggs irrt.

wsc NEW YORK. Bei allem Respekt vor einem der bekanntesten Experten der Wall Street: Selten dürfte ein Analyst eine Statistik so falsch ausgewertet haben wie Barton Biggs. Der Stratege bezieht sich auf die aktuellste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup, das Anfang der Woche die Amerikaner um eine Einschätzung ihres Präsidenten gebeten hatte. George W. Bush hat laut Gallup eine "Approval Rate" von 58, das heißt: 58 % der Befragten finden, dass der Mann seinen Job gut macht.

Mit einer Rate von 58 liegt Bush zwar besser als Bill Clinton im Durchschnitt seiner Präsidentschaft, und er steht auch besser da als die meisten seiner Vorgänger seit Beginn der Umfragen in 1938. Doch zwischen den Zeilen betrachtet fällt ein anderer Aspekt auf: Bushs Raten sind deutlich schlechter als die aller Präsidenten vor ihm, die in einem Krieg standen - und der eint bekanntlich das patriotische Volk. In außenpolitischen Krisen stehen die Amerikaner seit jeher hinter ihrem Präsidenten, ganz gleich ob der Republikaner ist oder Demokrat.

Im Zweiten Weltkrieg standen 84 % der Amerikaner hinter Roosevelt, während des Koreakriegs hatte Eisenhower eine Zustimmung von 68 %. Während Vietnam standen immerhin 79 % der Amerikaner zu Kennedy und auch Bushs Vater George Herbert Walker Bush konnte im ersten Golfkrieg auf 83 % zählen - dagegen sind 58 % für Bush Zwo einfach nur läppisch.

Noch bedenklicher ist unterdessen der Trend für den Präsidenten. Der hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit nur ein Rating von 57, hielt sich auch die meiste Zeit in diesem Bereich - bis zum 11. September 2001. In der Woche nach den Terrorattacken auf die USA schoss die Bewertung für Bush auf 86 und dann auf 90, auf die besten Werte, die je ein Präsident hatte. Seither fallen die Ratings, und zwar in einer geraden Linie, nahezu ununterbrochen. Bush brach im März 2002 unter 80 %, im Juli unter 70 %, im Dezember unter 65 % - und nun eben unter 60 %.

Warum kommt der Präsident so schlecht an? Barton Biggs wählt einen ganz falschen Ansatz. "Sicher, die tratschende Elite macht sich immer noch über Bush als ein Leichtgewicht lustig, das keinen geraden Satz sagen kann", klagt er. Doch das ist nicht der Punkt. Die Zeiten sind vorbei, als große und kleine Komödianten in TV und Schule so genannte "Bushisms" sammelten, peinliche Versprecher Bushs, der in Kolumbien schon mal den Kakao-Anbau anprangerte und den brasilianischen Präsidenten fragte, ob es in seinem Land denn auch Schwarze gebe.

Längst ist der leichte Spott handfester Kritik gewichen. Kritiker sehen in der Außenpolitik Bushs längst ein ungestümes Vordringen in Richtung Krieg. Bush braucht keine UN mehr, er erklärt Tag für Tag im Fernsehen, dass seine Geduld mit Saddam erschöpft sei, und dass er die Spielchen des Diktators einfach satt habe. Bushs Drängen basiert auf der großen Notwendigkeit eines Kriegs, ohne den er seine Wiederwahl in 2004 abschreiben kann. "150 000 Soldaten in den Golf zu schicken und Milliarden von Dollar in einen Krieg zu investieren, um das ganze nachher wieder abzublasen, das würde Bush bei aller Beliebtheit nicht überstehen", sieht auch Biggs ein. "Es wäre ein politisches Desaster."

Ein Dilemma ist für Bush unterdessen, dass ein Krieg gegen den Irak für viele moralisch nicht gerechtfertigt ist. So lange die Waffeninspekteure um Hans Blix keine Hinweise auf illegale Waffen und Massenvernichtungsmittel finden, hat ein Militärschlag gegen den Irak nicht die Billigung der Vereinten Nationen - und Bush ein Problem. Dass er umso lauter schimpft und dabei jeden Tag ein wenig grimmiger guckt, das rechnet ihm zwar ein Teil der Amerikaner hoch an - drei Viertel sehen ihn zumindest als einen starken Führer und als einen, der harte Entscheidungen treffen kann -, doch bringt ihn die Geste dem Erfolg nicht näher.

Jetzt will Bush seiner Präsidentschaft einen zweiten Stempel aufdrücken - er will die Wirtschaft ankurbeln. Barton Biggs weist darauf hin, dass ihm dies nicht nur durch sein aktionärsfreundliches Steuerpaket gelingen könnte, sondern schon durch einen erfolgreichen Irakkrieg. Ein schneller Sieg, der Ölpreis sinkt, der Verbraucher wird optimistischer und spendabler... der Laden läuft.

Das sehen indes nicht alle so, nicht einmal im Lager der Republikaner. "Ein Krieg bringt und eine Milliarde neuer Feinde", klagte eine Gruppe republikanischer Geschäftsführer in der vergangenen Woche in einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal. "Der Kandidat Bush hat eine sensiblere Außenpolitik versprochen als er sie jetzt durchzieht", schimpfen sie und fordern: "Wir wollen unser Geld zurück, wir wollen unser Land zurück."

Tatsächlich könnte ein teurer Krieg die Wirtschaft noch weiter belasten. Dabei hat es Bush ohnehin schon schwer, die Konjunktur aus der schwersten Krise seit Jahrzehnten zu führen. Seit seinem Amtsantritt ist die Arbeitslosenquote von einem 30-Jahres-Tief von 3,5 % auf ein 8-Jahres-Hoch von 6 % geklettert, Tendenz steigend. Ein schwacher Dollar, ein desolater Aktienmarkt, die Vertrauenskrise an der Wall Street... Bushs wirtschaftliche Bilanz ist bislang eine einzige Pleite. Und dass Bush und sein Stab in manchen Skandal persönlich verwickelt waren und sind, schadet dem Präsidenten zusätzlich. Bushs Beziehungen zu Enron, Vize Cheneys Vergangenheit beim Ölkonzern Halliburton samt Pfusch in den Bilanzen, die Fettnäpfchen-Rallye von SEC-Chef Harvey Pitt... in der Administration gibt es viele Sünder.

"Die Leute machen Bush noch nicht für die Wirtschaft und die Konjunktur verantwortlich", erklärt Robert Hormats von Goldman Sachs die anhaltende Beliebtheit des Präsidenten, und auch Chuck Gabriel von Prudential Securities meint: "Hinge Bushs Beliebtheit von der Konjunktur ab, dann wäre er längst weg vom Fenster." Je näher eine Entscheidung im Irak rückt, desto eher muss Bush an der konjunkturellen Front für vorzeigbare Ergebnisse sorgen, sonst fällt sein Kartenhaus zusammen.

Und das wiederum ist gefährlich für den Aktienmarkt. Denn in einem Punkt hat Barton Biggs Recht. Die Beliebtheit des Präsidenten hängt mit der Stärke des Aktienmarkts unmittelbar zusammen. Das zeigt nicht nur ein Blick in die Bücher, die den Aktienmarkt immer steigen sahen, wenn der Präsident ein hohes Rating hatte. Der Zusammenhang ist auch ganz offensichtlich: Unter einem beliebten Präsidenten fühlt sich der Verbraucher sicher, sein Vertrauen in die Konjunktur steigt, die Ausgaben auch und selbst Schwächephasen und Krisen lassen sich meistern.

Bush ist nicht beliebt, jedenfalls nicht im historischen Vergleich. Und das ist ein Grund, bearish zu sein.

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