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15.01.2003

19:45 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

FAO Schwarz: Traditionshaus in der Krise

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

An der Nasdaq verabschiedet sich ein weiteres Unternehmen in den Gläubigerschutz, und keinem fällt es auf. Dabei ist es diesmal keines dieser Start-Ups, die vor einem Jahrzehnt an den Markt sprudelten und seit drei Jahren wieder heraus, sondern es ist ein Traditionshaus, dessen Wurzeln nach Deutschland reichen: FAO hat Chapter 11 angemeldet, die Muttergesellschaft des Spielzeugimperiums FAO Schwarz.

wsc NEW YORK. Das hätte sich Frederick August Otto Schwarz nicht träumen lassen. Für den Einwanderer aus Westfalen hatte alles so gut angefangen. Keine sechs Jahre war er im Land, da eröffnete er 1862 seinen ersten Spielwarenladen in Baltimore, Maryland, unweit von Washington. 18 Jahre später zog die Firma nach New York, wo Schwarz seinen "Toy Bazaar" direkt am Broadway eröffnete. Dort blieb das Unternehmen, bis es schließlich 1931 den weltberühmten Laden an der Fifth Avenue bezog, direkt an der Südost-Ecke des Central Park und nur ein paar Schritte entfernt vom Nobelkaufhaus Tiffanys und den schicken Boutiquen, in denen die Reichen und Schönen shoppten.

Schwarz hatte sein Unternehmen solide gebaut, und auch in den Jahren und Jahrzehnten nach seinem Tod prosperierte der Laden. FAO Schwarz war berühmt für sein riesiges Sortiment, für große Filialen in denen Kids nicht nur kaufen, sondern sich auch nach Herzenslust austoben konnten. Hier saßen ein paar Mädchen beim Tee in Barbies Puppenhaus, dort mühte sich ein Knirps mit dem Pogo-Stick ab, und 4700 Angestellten in 163 Läden waren nicht nur Verkäufer, sondern immer auch Animateure und Entertainer. Fast 140 Jahre lang hielten sie das Unternehmen profitabel - auch als die Konkurrenz immer stärker wurde.

Nun wurde der Druck auf FAO Schwarz allerdings zu groß. Bereits mit dem Markteintritt von Toys?R?Us, der mit seinen 1600 Filialen weltweit die Branche beherrschte und die Preise diktierte, verlor das Unternehmen an Bedeutung. Seit einem Jahr litt man nun zusätzlich unter der Konkurrenz von Wal-Mart. Der größte Einzelhändler der Welt baute seine Spielwarenabteilungen aus und verkaufte bald noch mehr als Toys?R?Us. Wieder fielen branchenweit die Preise.

FAO konnte schließlich nicht mehr mithalten und verlor Kunden. Aus deren Sicht war die Kette, die es dank Kinoauftritten in Tom Hanks "Big" und in "Kevin allein zu Haus" zu Kultstatus gebracht hatte, einfach nicht mehr interessant. Ein Beispiel aus dem aktuellen Angebot zeigt, dass FAO und die Konkurrenz Welten trennen. Das neue Harry Potter-Spiel kostet bei Toys?R?Us 9,98 $ und bei Wal-Mart wurde es gerade von 9 $ auf 5 $ heruntergesetzt. Beim Traditionshaus geht es für 29,99 $ über den Ladentisch - dass in der Harry Potter-Abteilung an der Fifth Avenue ein Männchen mit Brille und Zauberbesen steht, rechtfertigt einen solchen Zuschlag nicht.

Insider hatten den Untergang von FAO Schwarz vorausgesehen. "Wenn Giganten wie Wal-Mart in den Markt eindringen, dann ist so etwas unvermeidlich", meint Maria Weiskott, die Chefredakteurin des Branchenmagazins Playthings. "Sicher, die Spielzeugbranche ist normalerweise von der Konjunktur unabhängig und sogar gegen die Rezession resistent, aber mit dem drohenden Krieg, der hohen Arbeitslosigkeit und dem teuren Hafenstreik an der Westküste war es dann doch zuviel."

FAOs Umsätze fielen zuletzt steil ab. Verkaufsrückgänge von mehr als 20 % in einem Quartal schockierten die Aktionäre, für das zuletzt abgelaufene Vierteljahr weist das Unternehmen einen Verlust von 23 Mio. $ oder 66 Cent pro Aktie aus. Ein verheerend schwaches Weihnachtsgeschäft - das nicht nur FAO sondern die ganze Branche belastete - gab dem Laden den Rest. An der Nasdaq stürzte das Papier von zeitweise mehr als 20 $ auf ein Niveau von zur Zeit 46 Cent, Analysten setzten keinen Pfifferling mehr auf die Aktie.

Jetzt will man bei FAO Schwarz mit drastischen Veränderungen versuchen, den Konzern noch einmal aus der Krise zu führen. Das Management will 75 Läden schließen, was auch die Tochterketten Right Start und Zany Brainy treffen wird, Hunderte von Angestellten müssen wohl gehen. Des weiteren soll mit Kreditgebern ebenso neu verhandelt werden wie mit den Vermietern, beides ist unter Chapter 11 des US-Konkursgesetzes möglich.

Einen Trost gibt es derweil zumindest für die New Yorker Kids und die Touristen: Der berühmte Laden an der Fifth Avenue soll weiter bestehen. Auf zwei Etagen werden weiterhin kleine Kunden durch ein Sortiment von 15 000 Spielzeugen sausen, und die Angestellten werden dabei lächeln - es ist ihre einzige Chance, ihr Unternehmen und den eigenen Arbeitsplatz zu retten.

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