Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2003

19:20 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Greenspans Woche: Ein Lunch und ein Seiltanz

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Das Regent an der Wall Street ist einer dieser Orte, wo große Deals gemacht werden. Ein paar Meter weiter treffen sich Partner im 44 Wall Street, einem Restaurant hoch über der Stadt, und wer lieber in Midtown verhandelt, der trifft sich zum Lunch im Waldorf oder in einem Restaurant an der Madison Avenue. In Amerika wird beim Lunch verhandelt, ein besonders wichtiger findet am Montag in Washington statt.

wsc NEW YORK. Vor dem Weißen Haus fährt am Mittag die Limousine von Alan Greenspan vor. Der Notenbank-Chef speist mit dem Präsidenten. Die beiden haben einiges zu bereden, und als Regierungssprecher Ari Fleischer am Morgen der Presse erzählte, es handele sich um "ein ganz normales Treffen, wie es der Präsident mit Greenspan regelmäßig hat", sagte er nur die halbe Wahrheit. Die beiden dürften sich nicht lange mit Small Talk aufhalten, schließlich geht es um Bushs wichtigstes innenpolitisches Projekt - und nicht zuletzt um seine Wiederwahl im nächsten Jahr.

Bush braucht Greenspans Zustimmung für sein Steuerpaket. Und wenn er sich am Montag mit Greenspan trifft, dann wird er die einzige Gelegenheit nutzen, dem Fed-Chef noch einmal unter vier Augen die Vorzüge seiner Wirtschaftspolitik anzupreisen - ohne dass ihm ein Demokrat in die Parade fährt. Ende dieser Woche muss Greenspan dann vor dem Kongress Farbe bekennen, und da wird die Opposition nicht minder um die Gunst des Ökonomen buhlen wie die Regierung.

Der wird es schwer haben, sich für die Auslegung der einen oder anderen Partei zu entscheiden, und es ist wohl zu erwarten, dass er letztlich beiden Recht gibt und keinem. Dass er einen Seiltanz zwischen den Lagern wagt ohne zu sehr nach einer Seite zu lehnen und das Gleichgewicht zu verlieren.

Das dürfte nicht ganz leicht werden, denn sowohl die Demokraten als auch die Republikaner haben handfeste Gründe, den Notenbank-Chef als Felsen hinter sich zu wähnen - und beide finden diese nicht zuletzt in früheren Äußerungen Greenspans. Die Opposition hofft, dass Greenspan das teure Paket kritisiert und vor allem die Gefahr eines gewaltigen Haushaltsdefizits beklagt. Erst im September hatte er sich vor dem Haushaltsausschuss des Kongress entsprechend geäußert und das Gremium zu mehr Disziplin aufgefordert.

"Es wäre einfach nur enttäuschend, wenn Greenspan das Paket noch einmal so unterstützt wie er es in 2001 mit den ersten Entwürfen getan hat", erklärte der demokratische Senator Jon Corzine vorab. "In ihrer jetzigen Form sind die Maßnahmen von Präsident Bush falsch und schaden der langfristigen Gesundheit und Stabilität unserer Wirtschaft."

Die Republikaner hoffen unterdessen, dass Greenspan weiterhin alles gut heißt, was den Verbraucher stärkt und Geld in die Wirtschaft pumpt. "Es bleibt dabei", meint Senator Sam Brownback. "Die Steuersenkungen sind eine dringend notwendige Maßnahme, die unsere Wirtschaft stärken und Jobs schaffen wird."

Außerdem soll er als Ökonom die Aufhebung der Doppelbesteuerung auf Dividenden begrüßen. Bei letzterem verspricht sich die Regierung vielleicht zuviel. In der Vergangenheit hatte Greenspan in der Doppelbesteuerung auch schon den Boden gesehen, auf dem Unternehmen Geld behalten und für Investitionen oder Aktienrückkäufe ausgeben können statt es zu verteilen.

Völlig offen ist, ob und inwiefern sich Greenspan zum dritten umstrittenen Punkt der Steuerreform äußern wird, der außer dem Preis des 674 Mrd. $ schweren Paketes und der Dividendensteuer für Aufregung sorgte. Kritiker geißeln den Bush-Vorstoß als sozial ungerecht und nennen die Steuerreform ein Geschenk an die Reichen. Dem obersten 1 % der Amerikaner kommen in der Tat 40 % der Vergünstigungen zu.

Sicher ist hingegen, bei allem Streit um Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit und bei allen Vorwürfen um Vetternwirtschaft und Korruption, dass Greenspan unbestechlich und allein aus dem Blickwinkel des Ökonomen sprechen wird. Der Notenbank-Chef hat sich in der Vergangenheit stets neutral gegeben und so dürfte ihm trotz eines Lunchs bei Bush der Seiltanz zwischen Republikanern und Demokraten gelingen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×