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06.01.2003

19:13 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Hart oder weich? – Bushs Sorge um den Arbeitsmarkt

VonLars Halter

Zwei kurze Wochen nutzten die Broker an der New Yorker Börse zwar nicht zum Winterschlaf, aber zur Erholung. Jetzt hat die erste volle Handelswoche des neuen Jahres begonnen, und an der Wall Street werden nicht mehr die Anekdoten behafteten Indikatoren und die Prognosen der Seher diskutiert, sondern harte Zahlen - aus Corporate America und aus der Konjunktur.

Letztere indes ist Schwerpunkt der Woche. Obwohl der Alukonzern Alcoa am Dienstag als erster Dow-Wert offiziell die Ertragssaison eröffnet, und obwohl zahlreiche Unternehmen ihre Vorankündigungen und Quartals-Updates in diese Woche verlegt haben - wohl um den Aktionären die Weihnachts- und Neujahrsfreude nicht zu trüben! -, ist es die Konjunktur, auf die Beobachter in den nächsten Tagen achten.

Das liegt zum einen daran, dass US-Präsident George W. Bush am Dienstagmittag in Chicago sein umfangreiches Steuer-Paket vorstellen will, das bereits im Vorfeld heftig diskutiert wird. Kritiker sehen in zahlreichen Posten des Bush-Plans ein Geschenk an die Großverdiener und Konzerne, andere lehnen das Projekt schon wegen seiner ungesicherten Finanzierung ab, und manchmal scheint es, dass Bush auf weiter Flur der Einzige ist, der noch an den Plan glaubt.

Arbeitsmarkt ist Wahlkampf-Schwerpunkt

Entsprechend unternimmt er manche Anstrengung, dem Projekt ein schönes Mäntelchen zu verpassen. Vor allen Dingen profitiere von den Steuersenkungen der Arbeitsmarkt, so Bush. Steuervergünstigungen für die Unternehmen, die beispielsweise Abschreibungen schneller und billiger verbuchen können, machen es diesen leichte, neue Jobs zu schaffen. "Bush schafft Jobs" - das ist ein Slogan, mit dem der Präsident in 2004 gerne Wahlkampf führen würde, denn um den Arbeitsmarkt dürften wesentlich mehr Amerikaner zittern als um Irak, Korea und Afghanistan.

Wie schlecht es um den Arbeitsmarkt in den USA wirklich bestellt ist, wird sich am Freitag zeigen. Der große Arbeitsmarktbericht für Dezember mit einem Blick auf die Zahl der neu geschaffenen Stellen und die Arbeitslosenquote macht die Woche endgültig zur Woche der Konjunkturdaten. Und da unterscheiden Experten "harte Daten" und "weiche Daten", also solche, die auf Zahlen und Fakten gründen, und solche, die Prognosen von Analysten und Wirtschaftsgremien sind. "Weiche Daten" - wie die ISM-Indizes und der Blick auf die Produktivität - waren zuletzt stark, "harte Daten" oft soft wie Butter. Der Arbeitsmarkbericht gehört dazu.

Arbeitslosenquote auf historischem Niveau

Mit einer Arbeitslosenquote von 6,0 % bewegen sich die USA auf historischem Niveau, und Experten sind fast einhellig der Meinung, dass es noch schlimmer oder aber zumindest noch lange nicht besser wird. Zu den optimistischeren unter den Analysten gehört Bob DiClemente von Salomon Smith Barney, der mit 100 000 neuen Arbeitsplätzen im Dezember rechnet. Die durchschnittliche Schätzung der Wall Street-Profis liegt gerade mal bei 30 000 neuen Jobs, womit in den USA im Gesamtjahr 2002 nur 8000 Stellen geschaffen worden wären. Im Vorjahr waren 1,4 Mio. Stellen weggefallen, und seit dem Beschäftigungshöchststand im Februar 2001 fehlen 2,2 Mio. Stellen.

"Der Arbeitsmarkt stagniert", meint Steve Stanley von RBS Greenwich Capital Markets. Die Unternehmen stellen nicht mehr ein, lieber fördern sie die Produktivität des Einzelnen." Das geht zwar auf Kosten der Flexibilität, ist für viele Firmen aus Kostengründen aber nahezu unumgänglich - jedenfalls, solange die Nachfrage nicht spürbar zunimmt.

Auf Jahressicht sieht Stanley die Quote weiterhin bei 6 %, andere erwarten sogar einen weiteren Abfall. Ethan Harris von Lehman Brothers geht von einem Jahresendstand von 6,1 % aus. Doch unabhängig von einigen Zehntelprozent erwarten die Experten das vierte schlechte Jahr für den Arbeitsmarkt in Folge und warnen vor den Folgen. Die Konsumausgaben werden auf lange Sicht einbrechen, auch wenn sie sich - auf Kosten der Verschuldung der Haushalte - zuletzt noch überraschend stabil halten konnten.

Kein Job, kein Geld - kein Geld, kein Konsum - kein Konsum, kein Wirtschaftswachstum - Präsident Bush hat diese Kette verstanden. Und wenn auch sein Steuerkonzept nicht in erster Linie Doping für den Arbeitsmarkt ist, Bush weiß sein Paket wenigstens zu verpacken.

Dennoch: "Bush schafft Jobs" ist im Moment nur ein Slogan. Wenn er nicht aufgeht, wird nächstes Jahr einer mehr auf Arbeitssuche gehen müssen - der Präsident selbst.

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