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31.01.2003

21:00 Uhr

Die Börsenkolumne aus New York

Kalter Wind und heiße Luft

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Es war ein kalter Januar in New York. Drei Wochen lang pfiff ein eisiger Wind durch die Wall Street und das Thermometer hatte sich zwischen zehn und 17 Minusgraden eingependelt. Am Freitag ist es etwas wärmer, Temperaturen um den Gefrierpunkt lassen fast Frühlingsgewühle aufkommen. Woher kommt der Aufschwung, der Föhn? Vielleicht aus den Redaktionsstuben des Wall Street Journal, wo mächtig heiße Luft geblasen wird.

wsc NEW YORK. Die wichtigste Finanzzeitung der USA beschäftigt sich mit dem Januar-Indikator. Das tun andere zwar auch - auch in dieser Kolumne wurden und werden verschiedene mehr oder weniger ernst zu nehmenden Frühbarometer erwähnt -, doch kommt in der Betrachtung von Lawrence Ingrassia besonders wenig heraus, fast könnte man sagen: nichts.

Noch einmal für Einsteiger: Der Januar-Indikator besagt, dass die Handelstendenz im ersten Monat den Trend für das ganze Jahr vorgibt. Nun liegt die Wall Street um fast 4 % unter den Eröffnungsständen, und das würde heißen, dass die US-Börsen 2003 als viertes Jahr im Bärenmarkt erleben werden. Oh Schreck, das gab?s schon lang nicht mehr. Ingrassia beruhigt jedoch und versucht eine Erklärung.

Zum einen habe man im Januar zwei Indexbewegungen gesehen: Eine nach oben (etwa eine Woche lang) und eine nach unten (etwa drei Wochen lang). Dass sich die beiden krass widersprechen und eine Vorhersage für 2003 unmöglich machen, ist in einem zweiten Januareffekt begründet. Der besagt nämlich, dass die ersten fünf Handelstag die Tendenz für den ersten Monat vorgeben - damit war?s schon mal nix.

Dann erklärt Ingrassia allen Ernstes, dass sich starke Kursschwankungen in einem Januar nach seinen Erkenntnissen im Folgemonat korrigieren oder kompensieren könnten. Meint er das im Gegensatz zu starken Kursschwankungen im März oder August, die sich vielleicht nie mehr korrigieren ließen? Oder relativiert er einfach den Januar-Indikator bis zur völligen Wertlosigkeit? Kurzerhand verschiebt der Experte jedenfalls die Deadline für eine Prognose von Ende Januar auf Ende Februar, und ein bisschen erinnert er dabei an den Präsidenten Bush, der schon vor zwei Monaten erklärt hatte, der Irak aber "nur noch Wochen, aber keine Monate mehr", um endlich kooperativ zu sein und abzurüsten. Bush verschiebt Deadlines und Ingrassia tut dasselbe, vermutlich auch wieder in vier Wochen und dann Ende März und im April...

Ingrassia gelang es am Freitag in einem Interview mit dem US-Börsensender nicht, seine wirkliche Einstellung gegenüber den Indikatoren klar zu machen. Glaubt er ihnen, nur weil der S&P 500 angeblich in den vergangenen fünf Jahrzehnten ohne Ausnahme gemäß der Weissagung der ersten Wochen gehandelt haben soll? Oder hält er das ganze für einen Gag ohne wirklich fundamentalen Hintergrund? Immerhin verweist er auf handfeste Marktdaten und rät, als Investor doch auch diese in die Portfolio-Verwaltung einzubeziehen. Seine fundamentalen Ergebnisse jedoch helfen dem Anleger auch nicht weiter.

Ingrassia erklärt, dass der Markt durchaus an eine konjunkturelle Erholung in 2003 glaube, fügt aber hinzu, dass man das ja auch Anfang 2001 und Anfang 2002 schon gesagt habe. So weit, so wertlos. Der Experte weiter: "Wir müssen die Entwicklung im Irak abwarten, denn die wird den Markt beeinflussen." - Auch diese Erkenntnis ist eher dürftig, denn das Säbelrasseln in Washington, der Konflikt zwischen USA und dem Rest der Welt und der leichte Geruch von Pulver dürfte auch dem Desinteressiertesten nicht entgangen sein.

Unterm Strich sei empfohlen, das Portfolio vielleicht doch nicht nach Expertenrat umzumodeln, sondern einfach den Markt zu beobachten und Indikatoren und sonstiges Geblubber in den Wind zu schlagen. Das gilt genau so für den Super Bowl-Indikator, der zu Beginn der Woche auf dem Parkett für ein Lächeln hier und da gesorgt hatte. Der Sieg der Tampa Bay Bucaneers im Football-Finale prophezeiht ein Bullenjahr, und das hat wohl auch Ingrassia irgendwo gelesen. Aus dem Widerspruch zwischen Januarhandel und Football zieht er eine erstaunliche Bilanz: Einer der Indikatoren irrt, bleibt abzuwarten welcher.

Nun, die Wall Street hat den Januar hinter sich, gelernt haben wir offensichtlich nichts. Im Februar dürfte eine Entscheidung in Sachen Irak fallen - vielleicht aber auch nicht -, mit der Börse geht es danach hoch oder runter und spätestens im Dezember wissen wir, ob uns der Super Bowl oder der Januar geholfen hätten, einen ganzen Haufen Geld zu machen.

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